Wilde Elefanten sollen wild bleiben: Warum wir in den Kreislauf der Natur nicht eingreifen dürfen

Goodness gönnt sich ein Schlammbad mit ihrer Neugeborenen, März 2014.Eine Elefantenkuh aus der Herde, die der Internationale Tierschutz-Fonds (IFAW) im Rahmen einer Studie über Störungen im sozialen Gefüge von Elefanten im kenianischen Amboseli-Nationalpark begleitet, ist verschwunden.

Goodness hatte im März ein hinreißendes, gesundes weibliches Kalb zur Welt gebracht. Bevor ich für eine Spendenveranstaltung in die USA reisen musste, fotografierte ich es. Während ich weg war, stellten sich bei Goodness vermutlich postnatale Komplikationen ein. Sie wurde krank und produzierte keine Milch mehr. Ihr hübsches kleines Kalb verhungerte im Mai, kurz bevor ich nach Kenia zurückkam.

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Goodness war gestern nicht bei der Familie, als ich sie sah. In dem Moment, als ich das schreibe, sind Kollegen unterwegs, um einem Hinweis auf einen Kadaver nachzugehen, der in der Nähe unseres Camps entdeckt wurde. Falls sie das ist, wird sie mir fehlen. Erst recht wird sie ihren Schwestern und anderen Familienmitgliedern fehlen.

Wenn solche Ereignisse passieren, werde ich natürlich traurig, doch sie bringen mich auch immer wieder zum Nachdenken über die Frage, welche Pflichten wir eigentlich den Elefanten gegenüber haben.

Viele Leute finden es unverständlich, dass wir nicht eingreifen und kranke oder verwundete Elefanten behandeln. Ihrer Meinung nach ist dies unsere Pflicht, gerade bei Elefanten, bei denen es sehr schwer zu ertragen ist, sie leiden zu sehen.

Ich weiß, dass es herzlos scheint, aber das ist es nicht. Ich kann auch ganz genau erklären warum.

Elefanten kommen schon lange Zeit ziemlich gut ohne Menschen aus. Es geht ihnen nämlich gerade wegen der Menschen momentan nicht so gut.

Wenn die Menschen sie endlich in Ruhe ließen, würde es den Elefanten blendend gehen.

Deshalb machen wir auch Ausnahmen: Wir greifen selbstverständlich ein, wenn Menschen den Schaden oder die Verletzung verursacht haben. Wir ziehen Elefantenbabys aus Gruben, die von Menschen gegraben wurden. Wir rufen Tierärzte zu Hilfe, um sie von Schlingen zu befreien oder Speer- oder Schusswunden zu behandeln. Wir retten Elefanten, die durch Wilderei oder territoriale Konflikte zwischen Mensch und Elefant zu Waisen gemacht werden und geben sie in die fachkundigen Hände des David Sheldrick Wildlife Trust.

Doch es ist nun mal eine Tatsache, dass eine solche Behandlung sowohl für die Elefanten als auch für die Menschen Risiken birgt. Sogar wenn ausschließlich Experten die Arbeit vornehmen, ist eine Betäubung und ein Transport so ein großer Stress für die Tiere, dass sie sich vielleicht nicht mehr davon erholen. Wir haben oft keine Ahnung, worauf wir uns einlassen. Wir wissen nicht, welche Krankheiten das Tier noch hat, die vielleicht eine Überreaktion auf Betäubungsmittel oder anderen Medikamente verursachen.

Manche Leute würden sicher sagen, dass wir Goodness' verhungertes Kalb hätten "retten" sollen.

Ein solcher Eingriff hätte der Familie jedoch nicht geholfen: Er hätte nur Stress bei den Elefanten verursacht und Misstrauen gegenüber unseren Forschungsfahrzeugen geweckt.

Nicht jedes Kalb, das man in menschliche Obhut holt, und sei sie noch so fachkundig, überlebt. Der Hauptgrund für Todesfälle bei solchen Elefantenbabys ist immer der Stress, den der Verlust ihrer Familie und ihres Lebens innerhalb der Elefantengemeinschaft verursacht. Chronischer Stress führt bei vielen jungen Elefanten zu Autoimmunkrankheiten und chronische Verdauungsstörungen, eine schwere Belastung für ihre Körper, die sich noch im Wachstum befinden.

Ich bin keine Tierärztin. Ich bin Wissenschaftlerin, Verhaltensforscherin und Naturschützerin. Meine Arbeit besteht darin zu verstehen, wie Elefanten sich verhalten, um herauszufinden, was Elefanten brauchen und um der Welt zu zeigen, wie besonders und wichtig Elefanten sind.

Wenn es so etwas wie eine Pflicht für uns gibt, dann besteht sie darin, über Elefanten zu lernen, wie sie in ihrer eigenen Welt und in ihren eigenen Bedingungen leben.

Nicht jeder Elefant stirbt an Altersschwäche, doch solange ihre Todesursache natürlich ist, kann ich meine Traurigkeit darüber ertragen, sie leiden zu sehen. Auch ihre Familie muss diese Traurigkeit ertragen.

Bei Darwins "Kampf ums Überleben" ist von "kämpfen" die Rede. In der Wildnis zu leben heißt nun mal kämpfen, ob man etwas zu fressen suchen muss oder ob man dafür sorgen muss, selbst nicht gefressen zu werden. Meistens ist beides der Fall.

Goodness (Mitte) mit ihrer Freundin Georgia (links) und Schwester Geeta.

Jedes Lebewesen auf diesem Planeten ist von der faszinierenden Komplexität und der wundervollen Raffiniertheit intakter Ökosysteme abhängig. Wir können sie nur genau begreifen, indem wir sie beobachten und nicht, indem wir versuchen sie zu kontrollieren oder die Bestandteile des Systems zu verändern.

Man kann nicht kontrollieren, was man nicht begreift. Wir haben noch unheimlich viel über die Elefanten und die kleinen, feinen Eigenheiten ihres Lebens zu lernen.

Auch großartige Leben sind irgendwann zu Ende. Wenn Goodness wirklich gestorben ist, hatte sie ein gutes Leben. Sie hatte das Glück in Amboseli geboren zu werden, wo sie sich nicht ständig vor Menschen in Acht nehmen musste.

Als Naturschützerin glaube ich, dass wir für das Recht aller Elefanten kämpfen, so zu leben und zu sterben wie Goodness und ihr Kalb: In der Wildnis, in Freiheit und von der Verfolgung durch Menschen verschont. Für Elefanten zu kämpfen bedeutet für mich dafür zu kämpfen, dass es Orte gibt, an denen sie ohne menschliche Einmischung leben können.

Ein Leben in Wildnis und Freiheit ist für Elefanten nämlich der einzige Weg zu überleben.

--VF

Erfahren Sie mehr darüber, was der IFAW tut, um Elefanten zu schützen.

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Experten

Céline Sissler-Bienvenu,Direktorin Frankreich und frankophones Afrika
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Jason Bell, IFAW Vizepräsident Natur- und Tierschutz
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Vivek Menon, IFAW Senior-Berater Strategische Partnerschaften
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