Hurrikan „Katrina“: Erinnerungen eines Fotografen, der die Ereignisse dokumentierte

Die Kameraleute Chris Nickless und Stewart Cook in den Fluten nach Hurrikan „Katrina“.Seit 1998 arbeite ich für den IFAW und habe in dieser Zeit viele Projekte rund um die Welt dokumentiert – von der Aussiedlung gewaltiger Grizzlybären über ölverschmierte Vögel und Unterwasseraufnahmen von Buckelwalen bis hin zu Aufnahmen von der Robbenjagd in Kanada.

Aber nichts lässt sich mit der Zeit vergleichen, die ich mit dem Kameramann Chris Nickless in Louisiana verbracht habe. Wir waren dort 2005 als Ersthelfer unterwegs, um die Arbeit des IFAW nach Hurrikan „Katrina“ zu dokumentieren.

 

Diese Ereignisse sind mir im Gedächtnis geblieben. So viele Geschichten gibt es dazu zu erzählen und so viele Bilder sehe ich noch immer vor mir. Selbst zehn Jahre später erinnere ich mich noch an die Tiere, die Eindrücke, die Gerüche. Als mir angeboten wurde, mich mit einem Gastbeitrag in Gedenken an „Katrina“ zu beteiligen, rief ich Chris an und wir erinnerten uns erneut gemeinsam.

 

Da war dieser alte Mann, der einen Schlaganfall erlitten hatte und sich nicht selbst retten konnte. Wir trugen ihn zu unserem kleinen Boot und räumten ihm zwischen den Hundeboxen Platz frei, um ihn an einen Ort bringen zu bringen, wo er medizinisch versorgt werden konnte.

Der IFAW half bei der Notfallevakuierung von Ed und seiner Familie. Der 70-Jährige hatte einen Schlaganfall erlitten.

Und da war der zurückgelassene Wachhund, der zunächst niemanden an sich heran zu lassen schien. Aber nachdem ihn unser erfahrener Ersthelfer beruhigt und auf unser Boot gelockt hatte, dankte der Hund uns mit liebevollen Küssen. Außerdem war da der Zwergspitz, der in unsere Arme sprang. Und da war ein Kätzchen, das matt von einer Veranda miaute. Da waren Vögel, ein Leguan und sogar Fische, die gerettet werden mussten. Da waren Begegnungen mit Hubschraubern der Nationalgarde, Chaos, Durcheinander, Hitze und Tage ohne Duschen.

 

 

Eine Geschichte allerdings blieb mir ganz besonders in Erinnerung. Wir waren in New Orleans in unserer behelfsmäßigen Sammelstelle in der Nähe von Napoleon Avenue und St. Charles Avenue, als ein kanadisches Fernsehteam kam und erzählte, in der Nachbarschaft sei ein Mann mit einem Tier, das gerettet werden müsse. Das Wasser war am Eingang der Straße sehr flach und wir mussten unser Boot abwechselnd ein paar Straßenzüge weit durch die sengende Hitze ziehen. Während wir durch die Straßen liefen, schwappte uns Wasser entgegen. Es war zwar kühlend, aber roch durchdringend und streng. „Töpfchenwasser“ hatte Chris es getauft und der Name war recht zutreffend.

 

Das Wasser wurde tiefer, wir warfen den Außenborder an und fuhren vorbei an komplett unter Wasser stehenden Autos und an Häusern, an deren Fenstersims das Wasser schlug. Auf die Fassade eines der Häuser war eine Warnung gesprüht: „Wir erschießen euch!“

Auch in Uptown New Orleans richtete Hurrikan „Katrina“ Schäden an.

Überflutete Fahrzeuge verstopfen die Straßen von New Orleans. Wir schlängelten uns an Stromleitungen, Masten und anderen unter Wasser versteckten Hindernissen vorbei. Der Wasserstand lag bei 1,50 Meter. Dies bereitete uns echte Sorgen, zumal wir auf dem kleinen Boot neben den Tiertransportboxen und den Vorräten auch unsere Kameras balancierten. Zudem trugen wir unsere Wattstiefel. Es war also durchaus nicht abwegig, zu ertrinken, sollten wir ins Wasser fallen.

Wir näherten uns dem Haus des Mannes und sahen, dass dort zwei Menschen auf den Stufen standen. „Sie haben ein Tier, das gerettet werden muss?“, riefen wir hinüber. „Es geht um mein Schwein“, rief der Mann. „Könnt ihr mein Schwein retten?“

Wir gingen ins Haus, wo der Mann uns Rooty vorstellte, sein vietnamesisches Hängebauchschwein. „Das ist meine Kleine“, sagte der Mann mit liebevoller Stimme. „Ich kann sie nicht zurücklassen.“

 

Am Tag zuvor waren für ganz New Orleans Zwangsevakuierungen angeordnet worden. Die Nationalgarde patrouillierte in Sumpfbooten und sorgte dafür, dass diesem Befehl Folge geleistet wurde.

 

„Ich habe die Leute gebeten, sie zu erschießen“, sagte der Mann mit Tränen in den Augen, „aber sie haben sich geweigert. Ich kann sie hier nicht verhungern lassen!“

 

Rooty grunzte und tapste im Haus herum, während wir uns überlegten, wie wir das Schwein die Treppen hinunter ins Boot bekommen könnten. Wir beschlossen, eine Decke über sie zu werfen. Mehrere von uns versuchten, sie an der Flucht zu hindern und sie gleichzeitig in die größte Kiste zu manövrieren, die wir hatten.

In New Orleans helfen IFAW Mitarbeiter, die Tiere aus den Häusern zu retten, die von Hurrikan „Katrina“ überflutet wurden.

Es war ein schwieriges Unterfangen, die laut grunzende Rooty mit ihren rund 140 Kilo unter Kontrolle zu halten. Wir waren alle sehr erleichtert, als sie in der Kiste war. Dann rasch den Deckel drauf und geschafft! Jetzt mussten wir sie „nur noch“ langsam die 15 Stufen hinunter gleiten lassen und danach auf das kleine Boot verladen. Alles ging gut.Rettung des Hängebauchschweins Rooty in New Orleans.

Es war ein schwieriges Unterfangen, die laut grunzende Rooty mit ihren rund 140 Kilo unter Kontrolle zu halten. Wir waren alle sehr erleichtert, als sie in der Kiste war. Dann rasch den Deckel drauf und geschafft! Jetzt mussten wir sie „nur noch“ langsam die 15 Stufen hinunter gleiten lassen und danach auf das kleine Boot verladen. Alles ging gut.

 

Das Boot mit Rooty banden wir an ein anderes Boot mit Außenborder. Dann fuhren wir langsam zurück. Als wir uns der Verladefläche näherten, mussten wir Rooty wieder im Boot über Straßen ziehen, bis endlich ein Radlader erschien, der das Schwein endgültig in Sicherheit bringen konnte. Rooty wurde zum Lemar Dixon Expo Centre transportiert, wo man sie untersuchte und in einem Stall unterbrachte.

Rooty wird in Sicherheit gebracht.

Wann immer ich in den vergangenen Jahren diese Geschichte erzählt habe, fragte man mich, was denn aus Rooty geworden sei. Leider wusste ich es nicht. Wie so oft bei derartigen Ereignissen verliert man Dinge aus den Augen. Das Leben geht weiter. Jetzt jedoch war der Moment, vielleicht doch noch etwas über Rooty herauszufinden. Da wir zum Jahrestag von „Katrina“ wieder mit dem IFAW in New Orleans waren, wollten wir versuchen, ihren Besitzer ausfindig zu machen.

Ich hatte nicht die geringste Ahnung, ob er noch in dem Haus lebte. Und wo genau hatte das Haus gestanden? Lebte Rooty noch?

Wir konnten rekonstruieren, wo vor zehn Jahren die Sammelstelle gewesen war und welchen Weg wir in etwa genommen hatten. Wir fuhren herum, bis wir auf das Haus von Jim Parson stießen – ein wunderschönes, über 100 Jahre altes Haus mit Palmen, Balkon und 15 leuchtend blauen Stufen – den Stufen über die wir Rooty transportiert hatten.

Jim Parsons Haus heute. Der IFAW rettete sein Schwein Rooty, nachdem Hurrikan „Katrina“ über New Orleans hinweggezogen war.

Jim lächelte. „Vom IFAW?“, fragte er. „Warte kurz.“ Er lief ins Haus und kam mit einem Kinderbuch zurück: „Die wahre Geschichte eines Schweins aus New Orleans – unsere Rooty“. Gewidmet war es den Ersthelfern, Tierfreunden und dem IFAW.

Jim Parson mit dem Fotografen, der mithalf, das Schwein Rooty zu retten.

Die nächsten anderthalb Stunden erzählte uns Jim von seinen Erfahrungen während „Katrina“. Wie sie, nachdem ihre Vorräte schlecht geworden waren, von den Fertigmahlzeiten gelebt hatten, die Hubschrauber abgeworfen hatten. Von dem Ungeziefer, das aus der Kanalisation gekommen und in sein Haus eingedrungen war. Von der erdrückenden Hitze und natürlich davon, wie verzweifelt er war, weil er nicht wusste, wie er seine geliebte Rooty retten sollte.

 

Als das Wasser schließlich verschwunden war, kamen Jim und Rooty endlich wieder zusammen. Mit Tränen in den Augen erzählte er davon, wie er sie nach Hause gebracht hatte und wie seine Hände geblutet hatten, nachdem er die giftige Erde beseitigt hatte, damit sie wieder buddeln konnte. 2010 starb Rooty im Alter von 15 Jahren. Jetzt buddelt sie im Schweinehimmel nach Erdnüssen, sagte Jim.

 

Stewart Cook

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