Verhaltensauffälliger Wolf: Grund zur Sorge oder gar zu Angst?

Die Aufregung ist groß! Da lief am helllichten Tag in Schleswig-Holstein ein Wolf durch eine Ortschaft. Einige Tage zuvor griff das Tier eine Schafherde an und ließ sich eine ganze Weile vom Schäfer und anderen Helfern nicht vertreiben. Ähnliche Vorkommnisse wurden auch aus Niedersachen gemeldet.

In jedem Falle ist ein solches Verhalten sehr ungewöhnlich für einen Wolf, der in freier Wildbahn aufgewachsen und gesund ist. Daher ist es jetzt wichtig, dass die zuständigen Behörden aktiv werden und geeignete Maßnahmen ergreifen. Doch es gibt keinen Grund zur Panik. Bisher haben die Wölfe Menschen gegenüber keinerlei aggressives Verhalten gezeigt.

Es ist Aufgabe der zuständigen Behörden, Experten zu beauftragen, um die Tiere durch geeignete Maßnahmen zu verscheuchen und zu vergrämen. Falls die Maßnahmen mittelfristig keinen Effekt zeigen, also keine Verhaltensänderung der Wölfe nach sich ziehen, könnte es passieren, dass die Tiere in letzter Konsequenz getötet werden müssen. Allerdings sehen wir einen sofortigen Abschuss zum derzeitigen Zeitpunkt als nicht gerechtfertigt an. Denn bei beiden Tieren zeigte sich bisher keinerlei aggressives Verhalten Menschen gegenüber. Die Wölfe in einem Gehege unterzubringen, wäre keine akzeptable Lösung. Ein in freier Wildbahn aufgewachsener Wolf würde in Gefangenschaft für den Rest seines Lebens massiv leiden.

Letztendlich ist es vor allem wichtig, die möglichen Ursachen für das ungewöhnliche Verhalten dieser Tiere zu ermitteln, um solche Entwicklungen zukünftig zu vermeiden.

Was ist auffällig am Verhalten der beiden Wölfe? Und weshalb besteht Handlungsbedarf? Die Wölfe der Zentraleuropäischen Population meiden für gewöhnlich Begegnungen mit Menschen. Etwas anders kann die Situation bei Jungtieren sein, denn sie sind zuweilen sehr neugierig. Und es kann vorkommen, dass sie Menschen wie zum Beispiel Spaziergängern im Wald in sicherem Abstand eine Weile nachlaufen.

Diese beiden Wölfe verhielten sich aber ganz anders. Daher ist es möglich, dass die Tiere krank sind oder von Menschen angefüttert wurden, sodass sie ihre natürliche Vorsicht Menschen gegenüber verloren haben. Es muss verhindert werden, dass sich andere Wölfe dasselbe ungewöhnliche Verhalten abschauen und aneignen.

Um das Risiko von Unfällen zu vermeiden, sollten immer – unabhängig davon, ob der Wolf den Menschen meidet oder ob er sich eher neugierig zeigt – folgende Verhaltensregeln beachtet werden:

- nicht nachlaufen oder gar anfassen,
- Abstand halten und sich gegebenenfalls langsam zurückziehen,
- nicht anfüttern,
- Wurfhöhlen meiden.

Diese Regeln gelten im Übrigen für alle Wildtiere, also beispielsweise auch für Fuchs oder Wildschwein, die dem Menschen gegenüber sehr wehrhaft werden können. Jede Begegnung mit einem Wolf sollte bei den zuständigen Stellen gemeldet werden. Hundehalter sollten ihre Hunde in von Wölfen besiedelten Regionen immer an die Leine nehmen.

Wölfe gehören genauso zu unserem Ökosystem wie Rehe und Hasen. Nachdem sie vor circa 150 Jahren in Mitteleuropa durch den Menschen nahezu ausgerottet wurden, kommen sie nun von sich aus wieder in ihren ursprünglichen Lebensraum zurück. An der Akzeptanz unserer Gesellschaft für Wölfe wird es liegen, ob diese faszinierenden Tiere in unserer Region dauerhaft eine Chance haben.

Robert Kless

Erfahren Sie mehr über die Projekte des IFAW zum Schutz der Wölfe.

Post a comment

Experten

Robert Kless, Leiter IFAW Deutschland
Leiter IFAW Deutschland