Neue Hoffnung für den Wildtierschutz nach der 12. UN-Biodiversitätskonferenz

Delegierte aus Jordanien, Syrien und dem Jemen beraten sich mit einem IFAW Kollegen. © International Institute for Sustainable Development.Die UN-Biodiversitätskonvention (Convention on Biological Diversity) ist ein wahres Ungetüm. Im Jahr 1992 wurde sie als eine der drei "Rio-Konventionen" im Zuge der Rio-Konferenz der Vereinten Nationen unterzeichnet. Mit 194 Vertragsstaaten ist die UN-Biodiversitätskonvention heute eine wirksame und wichtige Konvention, deren Bestimmungen immer stärkeren Einfluss auf internationale und nationale Artenschutz-Richtlinien haben.

Ursprünglich wurde sie mit dem Ziel ins Leben gerufen, die weltweite Artenvielfalt zu schützen oder zumindest das Artensterben aufzuhalten. Man war schon damals alarmiert wegen des schnell voranschreitenden Artenverlustes, der durch Übernutzung und anderweitige umweltschädliche Aktivitäten verursacht wurde.

Allerdings erhielt die UN-Biodiversitätskonvention damals über den Schutz der Artenvielfalt hinaus auch die Aufgaben, ihre Bestandteile nachhaltig zu nutzen und die resultierenden Gewinne fair zu verteilen. Doch 22 Jahre später verlieren wir mehr Arten als je zuvor.

Vielleicht haben wir unsere Prioritäten doch falsch gesetzt? Alles deutet tatsächlich genau darauf hin. Das wichtigste Problem war von Anfang an, dass bei den Verhandlungen zur UN-Biodiversitätskonvention dem Begriff "Schutz" der geringste Stellenwert beigemessen wurde, und der "nachhaltigen Nutzung" der größte.

Viel schlimmer noch: "Nachhaltige Nutzung" wurde keineswegs im Sinne von ökologischer und biologischer Nachhaltigkeit definiert, sondern sie wurde als Deckmantel für rücksichtslose, profitbringende Ausbeutung missbraucht.

Die Verhandlungen stagnierten lange Zeit wegen des alten Konflikts zwischen Arm und Reich beziehungsweise Nord und Süd. Währenddessen wurde die Natur hemmungslos weiter ausgebeutet.

Bei den Debatten ging es zudem immer ausschließlich um den wirtschaftlichen Wert der Natur. Und das, obwohl die Präambel der Charta der UN-Biodiversitätskonvention klar den "Eigenwert der biologischen Vielfalt und ihrer Bestandteile in ökologischer, genetischer, sozialer, wirtschaftlicher, wissenschaftlicher, erzieherischer, kultureller und ästhetischer Hinsicht sowie hinsichtlich ihrer Erholungsfunktion" anerkennt.

Wildtieren wurde in den letzten 22 Jahren keine große Beachtung geschenkt, außer wenn es darum ging, sie als Ware auszubeuten – sei es als als Nahrungsmittel, Biomasse oder wenn ein einzelner Staat sich durch "invasive, gebietsfremde Arten" mit wirtschaftlichen Problemen konfrontiert sah.

Leider richtet sich die Aufmerksamkeit erst seit ein paar Jahren auf stark bedrohte Arten. Und dies auch nur, wenn der Verlust eines Lebensraums auch gleichzeitig den Verlust profitbringender Ökosystemleistungen nach sich zieht.

Der intrinsische Wert von Tieren und ihren Lebensräumen, der ethische Umgang mit Tieren, die Anwendung des Vorsorgeprinzips und ein ganz bewusster Wille, die biologische Vielfalt wirklich zu schützen, hat sich in den Entscheidungen der UN-Biodiversitätskonvention wenig bis gar nicht widergespiegelt.

Die letztgenannten Punkte waren vor zehn Jahren der Grund, weshalb der IFAW begann, sich mit der UN-Biodiversitätskonvention zu befassen. Wir fingen also an, uns in dieses komplexe Ungetüm mit seinen vielen Konferenzen einzuarbeiten.

Doch zum Glück gibt es Hoffnung! Ich bin gerade aus dem koreanischen Pyeongchang zurück, wo in den letzten zwei Wochen die 12. Vertragsstaatenkonferenz der UN-Biodiversitätskonvention stattfand.

Der Autor (rechts) während der 12. Biodiversitätskonferenz.

Wenn ich jetzt auf die Beschlüsse zurückblicke, die dort gefasst wurden, schöpfe ich Hoffnung, dass das Ungetüm UN-Biodiversitätskonvention langsam beginnt, sich auch um den Aspekt des "Schutzes" der biologischen Vielfalt zu kümmern.

Regierungen sind sich einig geworden, dass das derzeitige Tempo viel zu langsam ist und die Maßnahmen nicht einmal ausreichen, um den voranschreitenden Verlust unserer natürlichen Lebensgrundlage zu verlangsamen. Unsere Ökosysteme werden zurzeit mit einer Geschwindigkeit zerstört wie zu keinem anderen Zeitpunkt in der Geschichte der Menschheit.

Im Hinblick auf diese Entwicklung führt die Konvention für wandernde Arten (CMS) aus:

"Zwischen 2000 und 2005 sind auf der Welt über 100 Millionen Hektar Waldfläche verschwunden. Seit 1970 sind 20 Prozent der Lebensräume für Seegras verloren gegangen und seit 1980 wurden 20 Prozent der Lebensräume für Mangroven zerstört. In einigen Regionen sind 95 Prozent des Feuchtlandes verschwunden. Schätzungen zufolge ist die derzeitige Rate des Artensterbens zwischen 1.000 und 10.000 mal höher als es natürlich wäre. Bei einigen Tiergruppen sind bis zu zwei Drittel der Arten vom Aussterben bedroht. Populationen schrumpfen. Seit 1970 ist die Population aller Wirbeltiere um 30 Prozent zurückgegangen."

All dies hat auch zu dramatischen wirtschaftlichen Verlusten geführt. Die Vertragsstaaten zeigten deshalb eine deutlich höhere Bereitschaft, in vielen Punkten endlich eine klare Entscheidung herbeizuführen. Hier ein paar Beispiele:

  • Der IFAW forderte in der Debatte um sogenannte "invasive, gebietsfremde Arten (Invasive Alien Species, IAS)" die Anwendung des Vorsorgeprinzips, wobei besonders auf Präventionsmaßnahmen, ein schonendes Eingreifen in die Natur und eine humane Kontrolle von Tierpopulationen – sofern diese nötig ist– Wert gelegt wird.
  • Die Vertragsstaaten beschlossen den Schutz von weltweit etwa 150 neuen ökologisch und biologisch bedeutsamen Gebieten in Küsten- sowie Tiefseegewässern. Die Liste der Gebiete war das Ergebnis intensiver Diskussionen und Verhandlungen mit Vertretern der lokalen Bevölkerung, für die das Meer die Existenzgrundlage darstellt.
  • Die Vertragsstaaten beschlossen weitere Maßnahmen gegen Unterwasserlärm. Dies bezeichnet Lärm, der unter der Meeresoberfläche durch seismische Tests oder Schiffsverkehr verursacht wird und für viele Meerssäuger und andere Meerestierarten eine gesundheitliche Bedrohung darstellt. Dieses Problem hatte der IFAW bereits bei der UN-Biodiversitätskonvention 2010 auf den Tisch gebracht. Seither haben wir technische Empfehlungen abgegeben, beispielsweise darüber, wie man Schiffslärm reduzieren kann.

Die Teilnahme an der UN-Biodiversitätskonvention ermöglichte es uns, die Anliegen des IFAW an politische Entscheidungsträger vieler Vertragsstaaten, wie etwa die Umweltminister, heranzutragen. Immer mehr Delegierten ist die Arbeit des IFAW vertraut. Sie zeigen sich offen für unseren Appell, mehr Respekt gegenüber dem Tier als Individuum und gegenüber Wildtierpopulationen und ihren Lebensräumen aufzubringen. Denn nur so können wir die Artenvielfalt bewahren.

Dennoch sind es leider immer noch viel zu wenige, die bereit sind, unsere Ziele selbstverständlich mitzuvertreten. Doch es werden mehr. Eine der bemerkenswertesten Debatten, die bei der diesjährigen UN-Biodiversitätskonvention geführt wurde, war ein Diskurs über "Biodiversität und Frieden".

Es wurde betont, dass die grenzübergreifende Zusammenarbeit für den Schutz der Artenvielfalt die Beziehung zwischen verfeindeten Staaten verbessern kann. Dies kann durch Projekte wie die "Peace Parks" in Südafrika oder das Naturschutzgebiet "Grünes Band", das entlang der Grenzgebiete des ehemaligen Kalten Krieges verläuft, geschehen oder auch dadurch, dass Polizeibehörden verschiedener Staaten sich bei der Strafverfolgung zusammenschließen.

Wir diskutierten auch über die Beeinträchtigung der Artenvielfalt durch bewaffnete Konflikte und darüber, wie kriminelle Organisationen im Rahmen der Finanzierung ihrer Aktivitäten ebenfalls zur Zerstörung beitragen. Es wurde beschlossen, weitere Untersuchungen im Hinblick auf diese Bedrohungen durchzuführen.

Ein ganz besonderes Highlight für mich persönlich war eine Podiumsdiskussion über den bisher weitgehend vernachlässigten Aspekt der schonenden Nutzung der biologischen Vielfalt. Es wurde herausgestellt, wie sehr eine ausbeutngsfreie Nutzung auch wirtschaftlichen Nutzen bringen und zum Erhalt von Ökosystemen beitragen kann.

Gemeinsam mit dem Vertreter der Weltbank und den brasilianischen Organisatoren vom Augosto Carneiro Institute und Divers for Sharks beschlossen wir, diesem Thema bei der UN-Biodiversitätskonvention und auch bei anderen internationalen Konventionen künftig größere Aufmerksamkeit zu verschaffen. Deshalb wollen wir dafür sorgen, dass die sogenannte Non-Extractive Business Declaration mehr Bekanntheit erlangt.

Die schonende Nutzung von Wildtieren, beispielsweise mittels geführter touristischer Touren, bei denen Wildtiere in ihrem natürlichen Lebensraum beobachtet werden können, ist ein Industriezweig, in dem Milliardenumsätze erzielt werden. Gleichzeitig ist dieser Ansatz ökologisch nachhaltig, verschont Tiere und Pflanzen und ist eine echte Alternative zur rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen unserer Ökosysteme.

Eine schonende Nutzung kann eine Existenzgrundlage für die Menschen sein und hat gleichzeitig das Potenzial, lokal, national und international die Wertschätzung für Natur und Tierwelt zu fördern.

Mit dem Kopf voller neuer Ideen, wie wir die UN-Biodiversitätskonvention stärker darauf ausrichten können, bei ihren Entscheidungen mehr Natur- und Tierschutzaspekte einzubeziehen, bin ich zufrieden nach Hause gefahren. Und ich habe viele neue mögliche Kooperationspartner kennengelernt.

Ich fühle mich sehr ermutigt. Trotz allem ist bei einem Ungetüm wie der  UN-Biodiversitätskonvention eine der größten Hürden ihre Trägheit. Dabei wäre es wirklich wichtig, schnell zu handeln, wenn wir unsere Artenvielfalt nicht verlieren wollen!

Die Mitwirkung bei internationalen Konventionen und UN-Institutionen muss dennoch sein, wenn wir irgendwann eine Welt haben wollen, in der Tiere respektiert und geschützt werden – und in der die Bereitschaft besteht, unsere reiche und faszinierende Artenvielfalt zu bewahren.

Bieten wir dem Ungetüm also weiterhin Paroli!

Peter Pueschel

Erfahren Sie mehr über die politische Arbeit des IFAW zum Schutz von Wildtieren.

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Azzedine Downes, Präsident und CEO
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Céline Sissler-Bienvenu,Direktorin Frankreich und frankophones Afrika
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Dr. Elsayed Ahmed Mohamed, Regionaldirektor Mittlerer Osten
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Staci McLennan, Regionaldirektorin Europäische Union
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Tania McCrea-Steele, Leiterin der Kampagne gegen illegalen Online-Wildtierhandel
Leiterin der Kampagne gegen illegalen Online-Wildtierhandel, IFAW Großbritannien
Vivek Menon, IFAW Senior-Berater Strategische Partnerschaften
Senior-Berater für Strategische Partnerschaften und Philanthropie