Eine verletzte Kuh haltend, überstand ich das zweite Erdbeben in Nepal

Tiere spüren ein Erdbeben lange bevor Menschen überhaupt etwas ahnen. An diesem Tag bemerkten viele Menschen in Nepal, dass die Vögel und andere Tiere sich in den Himmel aufschwangen und unheimliche Warnrufe ausstießen.

Mich selbst warnte ein weit größeres Tier vor dem Erdbeben: Es war eine Kuh namens Chameli. Ihre Augen waren halb geschlossen, da ich sie mit meinen Händen vor der sengenden Sonne schützte. Dann plötzlich riss sie ihre Augen in Panik weit auf. Das Beben war sehr beängstigend. Und Chameli erinnerte sich vielleicht auch noch an das erste Beben, das sie erst vor kurzem in die jetzige Situation gebracht hatte.

Chameli ist eine Kuh wie viele andere in Nepal, die das Erdbeben am 25. April 2015 erlebt haben: Das Beben riss sie zu Boden und begrub sie lebendig. Dabei wurde sie so schwer verletzt, dass sie zurzeit nicht alleine stehen kann.

Als das erste Erdbeben über Nepal hereinbrach, stand Chameli in ihrem Stall und wurde unter den Steinen begraben. Nachdem man sie befreit hatte, konnte sie nicht mehr aufstehen. Ihre Besitzer benutzten Bambusstangen und Plastikplanen, um ihr eine Notunterkunft zu bauen. Und sie brachten ihr täglich Wasser und Futter.

Als wir am 12. Mai gegen 12:30 Uhr mittags bei Chameli ankamen, erzählte man uns, dass sie trotz ihrer Verletzung gerade ein Kalb zur Welt gebracht hatte. Die Dorfbewohner halfen Chameli bei der Geburt und übernahmen sofort die Pflege des gesunden Kälbchens.

Nach unserem Eintreffen gaben wir Chameli sofort eine Spritze mit Kalzium. Dies ist immer die erste Maßnahme bei geschwächten Kühen. Plötzlich riss sie ihre Augen weit auf und der Boden begann sich unter unseren Füßen zu bewegen. Sie hatte furchtbare Angst und riss den Kopf hoch. Ich hielt die Infusionsnadel an ihrem Hals fest, um zu verhindern, dass sie herausrutscht.

Innerhalb von Sekunden war uns klar, dass dies nicht nur ein schwaches Nachbeben war. Die Erde vibrierte. Ich musste mich gegen einen stabilen Bambuspfosten lehnen, um nicht hinzufallen. Eine Hand hatte ich an der Nadel in Chamelis Hals, mit dem anderen Arm versuchte ich, ihren großen Kopf festzuhalten.

Das beschädigte Gebäude um uns schwankte als wäre es aus Papier. Dann brach die Konstruktion aus Bambus und Plane über Chameli und mir zusammen. Ich konnte nichts mehr sehen. Durch das Grollen der Erde und die Schreie hindurch hörte ich Warnrufe meiner Kollegen, die riefen, dass Steine herunterkämen.

Ich kämpfte mich aus der Plastikplane, zog die Nadel aus Chamelis Hals und versuchte, auf sichereren Boden zu gelangen. Es ist schwer zu sagen, wann die Erde wirklich aufhörte sich zu bewegen, denn unsere Beine zitterten noch lange Zeit danach. Wir hörten die Schreie der Dorfbewohner und eilten hinzu, um verschütteten und verletzten Menschen und Tieren zu helfen.

Zum Glück wurde in unserer unmittelbaren Umgebung niemand verletzt. Doch war das emotionale Trauma derjenigen, die gerade erst zwei Wochen zuvor das erste Erdbeben überlebt hatten, noch immer präsent.

Als um uns wieder etwas Ruhe einkehrte, wandten wir uns wieder Chameli zu. Wie räumten die Reste ihres Unterstands beiseite und führten die Kalziumbehandlung zu Ende durch. Während der Boden immer wieder von kleineren Nachbeben erschüttert wurde, reinigten und versorgten wir ihre Wunden an Bauch und Beinen und verabreichten ihr ein Schmerzmittel.

Vorsichtig drehten wir sie erst auf die eine und dann auf die andere Seite, um das Stroh unter ihrem Körper durch frisches zu ersetzen. Wir versuchten auch, sie auf die Beine zu stellen, aber es war schnell klar, dass wir dies allein nicht schaffen würden.

Die Dorfbewohner trauten sich nicht mehr in unsere Nähe. Sie hatten Angst, dass die Wände um uns doch noch endgültig zusammenbrechen könnten – verständlich, wenn man bedenkt, was sie schon durchgemacht hatten.

Um Chameli vor der Sonne und den Fliegen zu schützen, bauten wir ihr eine Notunterkunft aus mitgebrachten Moskitonetzen und Planen. Mehr konnten wir in dem Augenblick nicht für sie tun. Mit dem örtlichen Tierarzt vereinbarten wir, dass er sich in den kommenden Tagen um Chamelis Nachuntersuchungen und ihre spätere medizinische Versorgung kümmern wird.

Als wir zurückfuhren, standen die Menschen in Gruppen auf Straßen und Plätzen. Wir erfuhren, dass das Erdbeben eine Stärke von 7,3 gehabt hatte und das Epizentrum in einer anderen Region Nepals gelegen hatte als beim ersten Mal.

Es ist erschütternd, was den Menschen und Tieren hier noch bevorsteht, nachdem sie noch nicht einmal die Zerstörung durch das vorherige Beben bewältigen konnten. Und dennoch macht es mir Mut, dass ich miterleben durfte, mit welch unerschütterlicher Zuversicht die Menschen in Nepal der Katastrophe begegnen und mit wie viel Mitgefühl und Hilfsbereitschaft sie sowohl ihren Mitmenschen als auch den Tieren begegnen.

Es ist klar, dass der IFAW und unsere lokalen Partnerorganisationen in den kommenden Wochen noch dringend gebraucht werden, um den Menschen und Tieren in Nepal nach den Erdbeben zu helfen. Dennoch konnten wir dank der Unterstützung von mitfühlenden Menschen wie Ihnen bereits sehr vielen Tieren in Nepal helfen. Dafür danke ich allen Spendern!

Helfen Sie uns, die Tiere in Nepal weiterhin zu versorgen.

Kelly Donithan

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Kampagnenberater
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Brian Sharp, Leiter Rettungseinsätze, Einsatzkoordinator für Strandungen
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