Die wunderbare Verwandlung eines verängstigten Hundes aus Bosnien

Nemo

Ich bewundere den Mut der Tiere, uns zu vertrauen. Wir können ihnen nicht sagen, dass wir ihnen helfen wollen, wenn Menschen ihnen bis dahin nur Schreckliches angetan haben. Wir können ihnen nicht erklären, dass der Schmerz und die schreckliche Angst vergehen werden. Wir können ihnen die Angst nicht nehmen, indem wir ihnen sagen, dass das Eingesperrtsein im Käfig nur vorübergehend ist auf dem Weg in Richtung Freiheit. Wir können ihnen nicht erklären, dass sie von nun an geliebt werden und in Sicherheit sind.

Wir müssen darauf setzen, dass sie uns ihr Vertrauen schenken. Und erstaunlicherweise tun sie dies. Einige sofort, andere erst nach einer Weile. Ihre Bereitwilligkeit uns zu vertrauen, ist manchmal unglaublich.

Alles, was jemand zuvor von Helmut zu sehen bekommen hatte, war das Weiß seiner Augen, das aus dem letzten Winkel der übel riechenden Hütte strahlte, an die er gekettet war. Man hatte ihn vor Jahren als Welpen beim Tierheim ausgesetzt – ausgemergelt und verängstigt. Er hatte als Kettenhund gelebt. Vor allem und jedem hatte er panische Angst. Die Tierheimmitarbeiter legten ihm täglich trockenes Brot an den Eingang seiner Hütte. Sie gingen davon aus, dass er noch lebte, so lange das Brot bis zum nächsten Morgen verschwunden war.

Auch Hunde aus der Umgebung kamen häufig auf das Gelände, balzten mit den angeketteten Hündinnen und kämpften mit den Rüden. Helmut war während einer dieser Besuche schwer verletzt worden. Er verkroch sich in eine dunkle Ecke seiner Hütte. Dort blieb er - ohne jegliche tierärztliche Hilfe.

Als ich mich ihm das erste Mal vorsichtig näherte und ihm anbot, ihn zu streicheln, knurrte oder schnappte er kein einziges Mal - trotz allem, was ihm in seinem Leben widerfahren war.

So saßen wir danach öfter beieinander. Am Anfang nur eine oder zwei Minuten. Doch mit der Zeit dauerte es immer länger, bis er sich wieder in die Dunkelheit zurückzog. Ich spürte, wie sich sein Körper unter meiner Hand ein klein wenig entspannte. Was es diesen Hund für Mut kosten musste, meinen Händen zu vertrauen.

Während der drei Wochen, die die Hunde nach ihrer Befreiung aus dem Tierheim in Quarantäne verbringen mussten, entwickelte sich eine tiefe Zuneigung zwischen Helmut und mir. Die Spaziergänge waren das Schönste. Wir gingen zweimal am Tag zusammen auf einer langen Landstraße, die durch bosnische Felder führte. Er lief schwungvoll und mit erhobenem Kopf, sein Blick war entspannt. Ein paar glückliche Stunden lang waren seine Ängste weit weg. Er schnüffelte, erkundete und markierte, wo er nur konnte. Nach einer Woche kam er an die Zwingertür gerannt, als er mich sah. Nach zwei Wochen sprang er vor Freude wie ein Gummiball auf und ab. Er ließ sich streicheln und war sehr verschmust. Seine Muskeln vibrierten unter meinen Händen, wenn ich ihn massierte.

Alles, was neu für ihn war, jagte ihm jedoch noch furchtbare Angst ein: ein Traktor, ein Fahrrad, ein Baumstumpf, ein Haufen Müllsäcke. Am schlimmsten aber war seine Furcht vor Menschen. Jemand, der die Straße entlang ging, Kinder auf dem Fahrrad, zwei Frauen an einem Zaun – all dies versetzte ihn in so große Panik, dass wir beide fast in den Straßengraben stürzten. Ich hielt ihn fest, redete ihm gut zu und streichelte ihn, bis wir weitergehen konnten. Was dieser Hund für Mut hat, dachte ich, wie ich ihn vor mir herlaufen sah: Er überwindet sich dazu weiterzugehen, obwohl ihm alles so viel Angst macht.

Als der Tag näher rückte, an dem die Hunde nach Deutschland gebracht werden sollten, begann ich mir große Sorgen zu machen. Ich hatte Helmut gerade dazu gebracht, einem einzigen Menschen auf dieser Welt zu vertrauen. Und nun sollte er schon wieder in die Hände Fremder gegeben werden, obwohl Unbekannte ihm furchtbare Angst machten. Wie konnte ich ihm das antun? Doch jetzt war es an mir, zu vertrauen, obwohl es mir sehr schwer fiel.

Unsere Ankunft in München mit dreißig Hunden war ein fröhlicher Tumult aus wedelnden Schwänzen und glücklichen neuen Hundebesitzern. Ich wurde gleichzeitig in alle Richtungen gezerrt, musste mich um die Hunde kümmern, Fragen beantworten und Hunde ihren neuen Besitzern vorstellen. Der Lärm, der Regen und all die Hundeschwänze, die meine Beine streiften, waren jedoch plötzlich wie verschwunden, als ich mich umdrehte und sah, wie Helmuts Transportbox in den Wagen eines ehrenamtlichen Helfers gehoben wurde.

Ich sah das Weiß in seinen Augen und konnte ihn nicht beruhigen. Ich ging zu ihm hin, küsste ihn und erklärte ihm, dass alles gut werden würde. Doch ich glaube, er spürte, dass ich nicht wusste, ob das wirklich so war.

Aber ich hätte es wissen können, denn unsere großartige deutsche Partnerorganisation Streunerglück hatte in Passau ein Tierheim für Helmut gefunden, das viel Erfahrung mit der Rehabilitation von Hunden hat, die unter Verhaltensstörungen leiden. Streunerglück schickte mir etwa alle zwei Wochen eine Nachricht über Helmuts Entwicklung. Dennoch machte ich mir große Sorgen um seine Zukunft. Er würde ein Zuhause finden müssen bei Menschen, die über sehr viel Geduld verfügen und bereit sind, Helmuts Ängste zu verstehen und ihm zu helfen, sie zu vertreiben.

Vor ein paar Tagen erhielt ich einen langen Bericht mit dem Titel Die Angst in mir!!! Ich wusste sofort, dass es darin um Helmut ging. Der Tierlehrer Frank Höfle, der ehrenamtlich für das Tierheim arbeitet, in dem Helmut untergebracht war, hatte sich seiner angenommen. Frank hat schon mit vielen verhaltensgestörten Hunden gearbeitet.

Frank sah sehr schnell, dass Helmut bei einer Familie wesentlich besser aufgehoben wäre, so liebevoll sich die Mitarbeiter des Tierheims auch um ihn kümmerten. Zwei Tage nach Weihnachten holten er und seine Frau Helmut deshalb zur Pflege zu sich nach Hause.

Von diesem Moment an versprachen Frank und seine Frau Helmut ein neues Leben. Jede einzelne Episode seiner düsteren Vergangenheit sollte überschrieben werden, einschließlich seines Namens. Helmut wurde in Nemo umgetauft. Und es scheint, dass er von diesem Moment an nie mehr zurückgeschaut hat.

"Schon am zweiten Tag entdeckte er seine Liebe für das Sofa", schrieb mir Frank. Sein Bericht schilderte jeden Schritt, den er mit Nemo machte: ins Auto steigen, Treppen laufen, Menschen begegnen oder zum Tierarzt gehen. Und er beschrieb auch die Panikattacken, die ich so gut kannte und bei denen ich - genau wie Frank - oft hilflos gewesen war. In seinen Beschreibungen kann man förmlich die Liebe spüren, die Frank für diesen Hund empfindet, und seinen großen Respekt vor dem Mut, den Nemo aufbringt.

Am Ende eines besonders herausfordernden Tages schrieb mir Frank: "Er wollte mit uns nach oben ins Schlafzimmer kommen. Doch die Treppe machte ihm immer noch Angst. Auf der Mitte der Treppe angekommen, hielt ich an und rief ihn. Er stellte seine Pfoten auf die erste Stufe und wich wieder zurück. Ich kam ihm etwas entgegen und wir versuchten es noch einmal. Da nahm er allen Mut zusammen und erklomm an meiner Seite Stufe für Stufe bis ganz nach oben."

Auf der letzten Seite des Berichts schrieb Frank, dass er und seine Frau beschlossen hatten, Nemo dauerhaft bei sich aufzunehmen. Weinend vor Freude traute ich meinen Augen kaum - Nemo hat endlich ein liebevolles Zuhause gefunden.

Am Morgen, nachdem er zum ersten Mal mutig die Treppe erklommen hatte, sprang er aufs Bett, um seine neuen Besitzer fröhlich zu begrüßen. "Es war ein wundervolles Gefühl zu sehen, dass ein Hund, der sein Leben und vor allem die Menschen schon aufgegeben hatte, so viel positive Gefühle und Freude zeigen kann", schrieb mir Frank.

Helmut hat gelernt zu leben und er hat gelernt, Liebe anzunehmen. Das erfordert viel Mut.

Kati Loeffler

Lesen Sie alles über unsere Rettungsaktion für die Hunde aus Bosnien.

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Kampagnenberater
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Brian Sharp, Leiter Rettungseinsätze, Einsatzkoordinator für Strandungen
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