Der Wolf „MT6“ ist tot

Der Wolf „MT6“ wurde aufgrund einer Anordnung des niedersächsischen Ministeriums getötet. © IFAW

Vergangene Nacht erreichte uns eine sehr traurige Nachricht aus dem niedersächsischen Umweltministerium: Der auch unter seiner wissenschaftlichen Bezeichnung „MT6“ bekannte Wolf wurde aufgrund seines auffälligen Verhaltens getötet.

Diese Entscheidung wurde in Absprache und im Einverständnis mit der „Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes“ getroffen. Übereinstimmend ist man zur Einschätzung gekommen, dass von diesem Tier jetzt eine Gefahr für Menschen ausgeht.

Bereits in der Vergangenheit war dieser Wolf dadurch aufgefallen, dass er sich Menschen bis auf ungewöhnlich geringe Distanz genähert hatte. Schon vor einigen Wochen wurde versucht, diesen Wolf zu vergrämen, also ihn durch Abschreckung zu einer Verhaltensänderung zu bewegen. Leider ohne Erfolg. Auch die Umsiedlung dieses Wolfes wäre keine Lösung gewesen, sondern hätte die Probleme nur an andere Stelle verlagert. Zudem zeigen Erfahrungen aus Schweden, dass umgesiedelte Wölfe wieder in ihr ursprüngliches Herkunftsgebiet zurückwandern.

Nachdem es mit Wolf „MT6“ vor kurzem erneut zu sogenannten Nahbegegnungen gekommen war, hatte das niedersächsische Ministerium weitere Vergrämungsmaßnahmen geprüft. Aufgrund des unberechenbaren Verhaltens dieses Tieres sahen die Behörden aber keine Erfolgsaussichten dafür. Zudem häuften sich vor wenigen Tagen erneut Nahbegegnungen mit „MT6“. Hinzu kommt, dass er jüngst auch einen Hund attackierte und verletzte, der mit einem Menschen unterwegs war.

Deshalb hat das zuständige Ministerium entschieden, diesen Wolf  zu töten. Aufgrund unseres Wissens und der aktuellen Erkenntnisse erscheint uns diese Maßnahme - so traurig sie auch ist - richtig gewesen zu sein.

Noch drängender als zuvor stellen sich uns jetzt die Fragen: Wie konnte es dazu kommen, dass dieser Wolf dieses ungewöhnliche Verhalten zeigte? Wurden Gelegenheiten verpasst, den Ursachen für das Verhalten dieses Wolfes frühzeitig entgegenzuwirken? Und vielleicht am wichtigsten: Wie können wir verhindern, dass es wieder zu solch einer Situation kommt?

Manche Experten vermuten, dass der Wolf „MT6“ zuvor von Menschen angefüttert worden war und so seine natürliche Vorsicht gegenüber dem Menschen verloren hatte. Das ist zwar nicht bestätigt, aber ein möglicher Erklärungsansatz. Es muss alles getan werden, den Sachverhalt und die Entwicklung möglichst genau aufzuklären, um zukünftige Vorfälle dieser Art zu vermeiden.

Es ist wichtig, in diesem Zusammenhang zu betonen, dass solch ein auffälliges Verhalten eines Wolfes eine Ausnahmesituation darstellt. Üblicherweise meiden die Wölfe in Deutschland die Nähe zu Menschen.

Die Tötung eines Wolfes darf nur das letzte Mittel sein. Vorher muss mit allen anderen Maßnahmen wie gezielter Vergrämung, versucht werden, das Problem  zu lösen. Auch die Option, einen in freier Wildbahn aufgewachsenen Wolf dauerhaft in einem Gehege unterzubringen, ist problematisch: Alle bisherigen Erfahrungen zeigen, dass die dauerhafte Gefangenschaft und die Nähe zum Menschen für solch ein Tier enormen Stress bedeuten. Unter Tierschutzaspekten ist dies also äußerst kritisch zu sehen. Dennoch müssen wir diese Möglichkeit immer wieder gewissenhaft prüfen. Sobald ein Wolf in Gefangenschaft leidet, muss das Tier jedoch als letzte Konsequenz euthanasiert werden, um Tierquälerei zu vermeiden.

Das traurige Schicksal des Wolfes „MT6“ zeigt uns, wie wichtig es für die Wölfe in Deutschland ist, die Ursachen seines Verhalten zu erforschen, um zu verhindern, dass es noch einmal zu einer derart tragischen Situation kommt.

Robert Kless

Erfahren Sie mehr über die Arbeit des IFAW zum Schutz der Wölfe.

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Experten

Robert Kless, Leiter IFAW Deutschland
Leiter IFAW Deutschland