Am Internationalen Tag des Tigers vermissen wir einen leidenschaftlichen Tigerschützer

Es ist wieder einmal der Internationale Tag des Tigers.

Normalerweise hätte unser Mitarbeiter Peter Pueschel einen Blog-Beitrag über die Tiger geschrieben.

Darin hätte er ausführlich beschrieben, was der IFAW zur Bekämpfung der Wilderei von Tigern in Indien und Russland unternommen hat und wie er sich in China für eine Reduzierung der Nachfrage nach Tigerprodukten einsetzt. Er hätte auch von den zahlreichen internationalen Abkommen berichtet. Vielleicht hätte er davon erzählt, wie wir zusammen in aufreibenden Verhandlungen um eine Änderung des Wortlauts im Vertragstext von "ein" zu "das" gefeilscht hatten. Wie dank unserer Beharrlichkeit die internationale Gemeinschaft nach und nach Zugeständnisse machte, was den Schutz des Tigers angeht – von der Überwachung von Tigerpopulationen bis hin zum Handelsverbot mit Tigerprodukten.

Peter ist jedoch vor kurzem durch tragische Umstände verstorben. Nach 25 Jahren unermüdlicher Arbeit für den Schutz von Elefanten, Haien, Tigern, Walen und nur Gott weiß, wie vielen anderen Arten, die irgendwann den Schutz internationaler Konventionen brauchen werden, ist er nicht mehr da. Und nun muss ich an seiner Stelle diesen Beitrag schreiben.

Ich möchte keineswegs versuchen, seinen unheimlich exakten Stil zu kopieren. Ich möchte auch nicht darüber schreiben, was wir als Organisation für die Rettung der Tiger getan haben. In beiden Fällen könnte ich nicht an Peters herausragende Qualität heranreichen.

Stattdessen möchte ich davon erzählen, wie ich mit Peter zusammen war, als er zum ersten Mal Tiger in freier Wildbahn sah.

Er war den weiten Weg von Europa nach Zentralindien zum Kanha-Nationalpark gereist. Parkdirektor Himmat Singh Negi nahm uns auf. Im Jahr zuvor hatten der IFAW und seine indische Partnerorganisation Wildlife Trust of India die Wildhüter im Park geschult und ausgerüstet. Noch ein Jahr zuvor hatten wir eine finanzielle Entschädigung zur Verfügung gestellt, als einer der Wildhüter während der Arbeit tragisch ums Leben gekommen war. Wir hatten also mit den Mitarbeitern des Parks einiges über unsere vergangene Arbeit zu besprechen.

Wir waren aber nicht ausschließlich für die Arbeit gekommen. Peter sollte Tiger sehen. Interne Umstellungen beim IFAW hatten ihn gerade zum Leiter der IFAW-Kampagne für Tiger gemacht. Jetzt wollte er auch ein wenig Zeit mit dem Geschöpf verbringen, für dessen Rettung er von nun an zuständig war.

Wir verbrachten drei Tage im Park. Wir fuhren nach Sonf, Ronda und Bishanpura. Wir wurden Zeuge der eindrucksvollen Brunft der Barasinghas. Die männlichen Tiere röhrten ihre Brunftschreie in Richtung Hirschkühe, die allerdings offenbar lieber weiter wiederkäuten, als sich hofieren zu lassen. ("Es muss an dem lächerlichen Kopfschmuck liegen, den die Männchen tragen", war Peters Kommentar zu den Grasbüscheln, die die Hirsche in ihren Geweihen hängen haben, um auf Weibchen attraktiver zu wirken.)

Eine Schlangenweihe flog vor unserem Jeep über den Weg, auf der Jagd nach versteckter Beute. Große Herden gefleckter Hirsche stoben immer wieder an uns vorbei und hielten nur kurz an, um Blätter vom Boden aufzusammeln, die die Languren in den Bäumen beim hastigen Fressen runterfallen hatten lassen. Wir fuhren hinauf zum Bahminidadar-Plateau und hatten von dort einen Blick über das gesamte Gebiet des Kanha-Parks.

Als wir wieder hinunter auf das zentrale Grasland fuhren, teilte sich plötzlich das Gras vor uns. Eine Erscheinung trat vor uns auf den Weg.

Für jemanden, der noch nie die Präsenz eines Tigers erfahren hat, ist es schwierig zu erklären, was der Anblick dieser leuchtend goldenen und tiefschwarzen Streifen mit einem Menschen anstellt.

Peter atmete ein und nicht mehr aus.

Die Tigerin ging am Jeep vorbei, völlig unbeeindruckt und gemächlich. (Die Hektik begann für sie immer erst in der Abenddämmerung, wenn die Touristen in ihre Ressorts zurückgehen und die Parkwächter ihre Posten beziehen.)

Ich knipste ein Foto nach dem anderen. Erst später fiel mir auf, dass Peter kein einziges Foto von dieser ersten Begegnung gemacht hatte. Ich brauchte ihn nicht zu fragen warum, denn auch mir war es bei meiner ersten Begegnung so ergangen. Er sollte es ohnehin nicht bereuen, denn während unserer Zeit im Park liefen uns drei weitere Tiger über den Weg. Der letzte war ein temperamentvoller Teenager, der uns frech anknurrte, bevor er sich davonmachte.

Wir zündeten einen seiner berühmten Zigarillos an. Diesem Genuss frönte ich nur zusammen mit Peter und nur zu besonderen Anlässen. Dies war auf jeden Fall ein besonderer Anlass und wir wollten ihn dementsprechend würdigen.

Am Abend unterhielten wir uns angeregt über Tiger und ihre Zukunft. Hatte Indien 1471 Tiger oder weniger? Ich sagte mehr; er glaubte, dass es weniger waren. Seine Sicht auf die Dinge war meistens etwas nüchterner als meine. Hatten sie noch eine Zukunft? Ich sagte ja; er gab keinen Kommentar dazu. Er wollte womöglich nicht wie ein Hellseher klingen. Taten die Regierungen genug, um sie zu retten? Wir waren uns beide darin einig, dass weltweit nicht genug getan wird. Indien war in unseren Augen noch am besten aufgestellt, was Engagement und Resultate anging. Dort leben immerhin 60 Prozent der weltweiten Tigerpopulation. Doch sogar in Indien könnten die Dinge so viel besser sein, sagte er, wenn man den richtigen Leuten mehr Freiheiten lassen würde, um die Populationen wieder größer zu machen. Ich stimmte ihm von ganzem Herzen zu. Wir tranken ein Bier auf diesen Gedanken und auf die wehmütige Vorstellung davon, was sein könnte.

Ist das Globale Tigerforum stark genug? brachte er auf. Der IFAW war Gründungsmitglied des Tigerforums (Global Tiger Forum, GTF), das einzige internationale Forum für Tiger. Viele Jahre lang halfen wir dem Forum bei seiner Problemlösung. Wir unterstützten Mitgliedschaften (der IFAW zahlte jahrelang den Mitgliedsbeitrag für Kambodscha), wir unterstützen die inhaltliche Konzeption und auch die Verwaltung (jahrelang stellten wir dem Forum einen Verwaltungsmitarbeiter zur Verfügung).

IFAW-WTI hatte dem Forum bei der Herausgabe eines weltweiten Tiger-Aktionsplans für alle Verbreitungsstaaten geholfen, drei Dreijahresperioden hintereinander. Taten denn wir als Organisation genug für den Tiger? fragte Peter. Wir verspürten alle beide Bedauern darüber, dass unserem Team einfach die Kapazitäten fehlten, um einen großen Durchbruch zu erreichen. Andererseits waren wir auch beide der Meinung, dass die Organisation ihr Bestes tat und immerhin in allen drei Ländern etwas erreichen konnte.

Seine nächste Reise führte Peter nach Ranthambhor. Auch dort sah er Tiger. Diesmal machte er viel bessere Fotos, denn nun war es an der Zeit, mit der externen Linse zu dokumentieren. Auf seiner inneren Linse hatte er die Bilder ja bereits eingebrannt.

Ich hoffe nur, dass die Tiger sich Peter auch genau angesehen haben.

In ihm haben sie nämlich einen leidenschaftlichen Verteidiger verloren. Seine Erinnerungen an die Begegnungen mit ihnen in der Wildnis inspirierten ihn in den Debatten bei Artenschutzabkommen wie CITES oder CMS und auch bei IFAW-internen Konferenzen. Es lag ihm am Herzen, immer das Beste für die Tiere zu erreichen, die er so liebte.

Vivek Menon

 

 

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Experten

Dr. Maria (Masha) N. Vorontsova, Regionaldirektorin Russland und GUS
Regionaldirektorin Russland und GUS
Gail A'Brunzo, Leiterin IFAW Wildtierschutz
Leiterin Wildtierschutz, IFAW
Grace Ge Gabriel, Regionaldirektorin Asien
Regionaldirektorin Asien
Vivek Menon, IFAW Senior-Berater Strategische Partnerschaften
Senior-Berater Strategische Partnerschaften