Zentrum für Wildtierrehabilitation - Indien
Jedes Jahr werden Wildtiere im Kaziranga Nationalpark aufgrund schwerer Überschwemmungen zu Waisen oder von ihren Familien getrenntDie Rettung von Wildtieren kann in der Regel nicht auf einen einzigen Moment reduziert werden. Vielmehr ist die Wildtierrettung als langwieriger Prozess zu verstehen, der erst nach der eigentlichen Rettung so richtig beginnt. Diese Arbeit findet oft hinter den Toren von Einrichtungen wie dem Zentrum für Wildtierrehabilitation (Centre for Wildlife Rehabilitation and Conservation, CWRC) statt, wo die beiden Nashörner Chandra und Kanai nach ihrer Rettung auf ihre Rückkehr in die Wildnis vorbereitet wurden.
Im Januar 2026 kamen die beiden jungen Panzernashörner nun in sogenannte „pre-release“-Areale im Kaziranga-Nationalpark im indischen Assam, wo sie nun weiterhin geschützt lernen, wie man als Nashorn in der Wildnis lebt. Verläuft alles nach Plan, werden Chandra und Kanai bald durch die weiten Graslandschaften und Feuchtgebiete des Nationalparks streifen. Sie sind Teil einer Population, die vor einem Jahrhundert fast ausgestorben war und nun ein bemerkenswertes Comeback erlebt.

Chandra und Kanai wurden als Nashornkälber aus überschwemmten Gebieten gerettet.
Chandra wurde im August 2020 gerettet. Er wurde allein aufgefunden und wahrscheinlich von seiner Mutter aufgrund des jährlichen Monsuns in Assam getrennt. Chandra war damals erst einen Monat alt und damit zu jung, um allein überleben zu können.
Die Versuche, ihn wieder mit seiner Mutter zu vereinen, schlugen fehl. Daher wurde Chandra zum CWRC gebracht, einem Zentrum für Wildtierrehabilitation, das vom Assam Forest Department, dem Wildlife Trust of India (WTI) und dem IFAW eingerichtet wurde.
Von Beginn an zeigte sich Chandra vorsichtig und zurückhaltend. Nur zu einem einzigen Tierpfleger, Mr. Hareshwar Das, fasste Chandra mit der Zeit Vertrauen. Selbst als das junge Panzerhorn mit chronischer Gastroenteritis zu kämpfen hatte, ließ es die nötige Behandlung ruhig über sich ergehen.
Ein Jahr später nahm das CWRC ein weiteres Nashornkalb in seine Obhut.
Kanai wurde ein Jahr später und unglaublicherweise am selben Tag wie Chandra, dem 2. August, gerettet. Während Chandra bei der Ankunft eher zurückhaltend war, zeigte sich Kanai verspielt, aufmerksam und fast schon überschwänglich. Einmal rutschte das junge Panzernashorn in einen aufgrund des Monsunregens angeschwollenen Bach innerhalb des Geheges. Das Kalb kämpfte darum, Halt zu finden. Letztlich gelang es ihm jedoch, in Sicherheit zu schwimmen. Erschrocken rannte Kanai zu Chandra, um Trost zu finden. Ein Moment, der die starke soziale Bindung zwischen den beiden geretteten Nashornkälbern offenbarte.
Solche kleinen, aber wirkungsvollen Interaktionen untereinander sowie zwischen den Tieren und den Fachkräften sind es, die die langwierige Rehabilitation im CWRC ausmachen. Es braucht deutlich mehr als nur Nahrung und eine Unterkunft, um ein verwaistes Tier auf ein Leben in der Wildnis vorzubereiten. Es braucht Zeit, Vertrauen und ein Verständnis dafür, dass kein Tier dem anderen gleicht.
Diese langfristige Sichtweise ist entscheidend, sagt Dr. Rathin Barman, Direktor und Leiter der Abteilung Strategy & Liaison (für Nordostindien) beim WTI:
„Mit der Rückkehr eines im CWRC rehabilitierten Nashorns in den Kaziranga-Nationalpark schließt sich der Kreis im Artenschutz, von der Rettung über die Genesung bis zur Wiederauswilderung in die Wildnis. Sie zeigt, was wissenschaftlich fundierte Rehabilitation und starke institutionelle Partnerschaften für den Artenschutz leisten können. Die Partnerschaft zwischen dem IFAW, dem WTI und dem Assam Forest Department besteht nun seit fast 25 Jahren und ich bin zuversichtlich, dass diese Partnerschaft im Bereich des Natur- und Artenschutzes in Indien noch mehr bewirken wird.“

Seit 2000 hat das CWRC mehr als 9.500 Tiere gerettet, von denen 63 % bereits wieder in die Wildnis entlassen wurden. Dazu gehören 25 von Hand aufgezogene Nashörner wie Chandra und Kanai.
Einige wurden in Kaziranga freigelassen, während viele andere im Manas-Nationalpark wieder angesiedelt wurden, wo die Nashornpopulation in den 1990er Jahren ausgerottet worden war. Heute leben im Manas-Nationalpark mehr als 50 Nashörner, wovon über die Hälfte ehemalig gerettete und wieder ausgewilderte Nashörner des CWRC sind. Ein paar von ihnen haben in freier Wildbahn bereits Nachwuchs bekommen und einige wenige, wie das Nashorn Ganga, sind inzwischen sogar Großmütter.
„Wir sind sehr stolz auf Chandra und Kanai, deren Weg beispielhaft zeigt, was nachhaltige, wissenschaftlich fundierte Artenschutzmaßnahmen bewirken können“, sagte Neil Greenwood, Program Director beim IFAW. „Ihre Fortschritte spiegeln das Engagement von Veterinärteams, Pflegeteams, Fachkräfte der Forstbehörde und unseren Partnern beim WTI wider. Diese Umsiedlung bringt nicht nur zwei Individuen in ihre angestammte Heimat zurück, sondern stärkt auch unser gemeinsames Engagement für den Schutz dieser Art vor den anhaltenden Bedrohungen.“
Wir sind der Überzeugung, dass die Rettung eines Tieres einen entscheidenden Unterschied ausmachen kann. Ein einziges Nashorn, das vor den Überschwemmungen gerettet wurde, könnte eines Tages selbst Kälber in freier Wildbahn großziehen. So kann ein ehemals verängstigtes Waisenkind zu einem Symbol der Hoffnung für eine vom Aussterben bedrohte Art werden.
Die Zukunft der Nashörner in Indien ist nach wie vor ungewiss. Wilderei, Lebensraumverlust und saisonale Überschwemmungen bleiben ernsthafte Bedrohungen. Doch in jedem mit Sorgfalt aufgezogenen Kalb, in jedem sicheren Wildtierkorridor und in jedem Menschen, der sich für den Schutz einsetzt, sehen wir, was möglich ist, wenn Mitgefühl auf Taten trifft.
Denn am Ende geht es bei dieser Arbeit nicht nur darum, einzelne Tiere zu retten. Vielmehr müssen wir ihnen eine Zukunft bieten, in die es sich zurückzukehren lohnt.
Ähnliche Inhalte
Mit großer Unterstützung können wir Großes leisten. Bitte spenden Sie, um Tieren zu helfen.