Nania auf ihrem Weg zurück in die Wildnis

Céline Sissler-Bienvenu | 21 April 2019

Es war noch dunkel und recht kühl, als ich das Verwaltungsgebäude des Nationalparks Deux-Balé in Boromo erreichte. Es war 04.45 Uhr und außer dem „I-Ah“ einiger Esel und gelegentlichem Hundegebell war alles still. Bald schon würde der Muezzin die Gemeinde zum Gebet rufen. Das Getöse von Autos und Motorrädern würde sich mit dem Lachen von Kindern auf ihrem Schulweg und dem Gesang von Soldaten beim Morgenlauf mischen. Doch bis dahin sollte Nania die Stadt bereits verlassen haben.

In ihrem provisorischen Gehege hat Nania meine Anwesenheit bereits bemerkt. Mit hochgerecktem Rüssel saugt sie die Luft ein und führt die Rüsselspitze dann ans Maul, um jedes Luftmolekül mit ihrem Jacobson-Organ zu analysieren. Wenn es ums Riechen geht, haben Elefanten die Nase ganz weit vorn – sogar vor den Ratten, wie Forscher von der Universität Tokio 2014 herausfanden. Nania hat den am besten entwickelten Geruchssinn in der ganzen Tierwelt. Er ist fünfmal so stark ausgeprägt wie der des Menschen und doppelt so empfindlich wie der von Hunden. Für einen Elefanten – wie auch für viele andere Tiere – besteht die Welt also vor allem aus Gerüchen.

Während der Lkw, der Nania in ihr neues Leben bringen soll, rückwärts an die „Treppe“ aus mit Steinen gefüllten Säcken heranfuhr, begrüßten Nania und ich uns so, wie wir es gewohnt waren. Da Elefanten – vor allem, wenn sie jung sind – sehr taktil sind, streichelte ich ihren mit feinen Sinneshärchen bedeckten Rüssel. Ich erklärte Nania, dass wir sie zurück in ihren ursprünglichen Lebensraum bringen, wo ihre Verwandtschaft lebt, um sie darauf vorzubereiten, uns eines Tages zu verlassen. Damit sie bei ihrer Familie sein kann, wie es sich für einen wild lebenden Elefanten gehört. Ich erzählte ihr von dem 2.500Quadratmeter großen Freigehege, das der IFAW für sie gebaut hatte, und von der nahe gelegenen Wasserstelle, die sie in Begleitung ihrer Pfleger mehrmals täglich besuchen würde. Bei der Gelegenheit konnte ich ihr auch verraten, dass wir eine Sondergenehmigung für Whisty (ein Schaf, das ihr Freund geworden war) erlangt hatten, damit beide im Park zusammenbleiben konnte. Nania antwortete, indem sie mir das Ende ihres Rüssels wie einen Saugnapf auf die Nase legte.

Es war 05.50 Uhr. Der Lkw war zur Abfahrt bereit. Nania und Whisty mussten nur noch einsteigen. Matratzen waren am Lkw angebracht, um für den Schutz der Tiere und ihrer Begleiter während der Fahrt zu sorgen. Für den kleinen Hunger zwischendurch hatte man Zweige mit zarten Blättern für die beiden ungewöhnlichen Freunde aufgehängt. Die mitgeführten Wasserkanister dienten zur Unterteilung der Ladefläche und als Sitzgelegenheit für das Team. Wir mussten die verfügbaren Mittel kreativ einsetzen, um Nania und Whisty sowie jedes einzelne Mitglied des Teams gesund und sicher ans Ziel zu bringen. Die 18 Monate alte Nania brachte etwa eine halbe Tonne auf die Waage. Da konnten wir nicht mithalten. Ich kontrollierte noch einmal die relativ gemütliche Transportbehausung. Unser kleines Team war bereit. 

06.00 Uhr: Zeit für Nanias zweite Trinkflasche. Alle drei Stunden trank Nania zwei Liter Spezialmilch, die exakt auf ihre Bedürfnisse angepasst ist. Nanias Ersatzmütter, die Tierpfleger Idrissa, Souleymane, Salif und Abdoulaye, waren sich sicher, dass sie Nania mithilfe der Flasche zum Einsteigen bewegen konnten. Ich war davon nicht so überzeugt. Abdoulaye holte Nania aus ihrem Gehege und hielt ihr die Flasche hin, um sie zu den mit Steinen gefüllten Säcken zu führen, mit denen sie den Einstieg in den Lkw geübt hatten. Im Training hatte das immer sehr gut geklappt. Salif und Idrissa ermunterten Nania zusätzlich. Nania hielt ihren Blick konzentriert auf die Flasche gerichtet und setzte einen Fuß auf den ersten Sack, dann den zweiten... und verharrte. Ihr war heute nicht danach. Der Lkw, den wir ihr vor zwei Tagen ausführlich gezeigt hatten, kam ihr vor wie eine Falle. Also musste Whisty als Lockvogel herhalten. Ohne Erfolg. Nania wollte einfach nicht. Auch die kleinen, reifen Bananen, die sie so gerne mochte, konnten sie nicht in den Laderaum locken. Eine halbe Stunde lang versuchten Nanias Pfleger einen Trick nach dem anderen, doch sie ließ sich nicht überzeugen. Wir gaben den Lkw auf.

Als die Sonne aufging, teilte ich dem Team mit, dass wir Nania jetzt in ihr neues Gehege bringen... zu Fuß. Anders als am Vortag, als ich allen geraten hatte, am kommenden Morgen gutes Schuhwerk anzuziehen, war jetzt kaum jemand zum Scherzen aufgelegt. Wir hatten 14 Kilometer vor uns.

Nania lief an der Spitze, gefolgt von Whisty. Einige Dorfbewohner, die auf dem Weg zu ihren Feldern waren, schauten unserer ungewöhnlichen Prozession verwundert nach. Neunzig Minuten Fußmarsch später erblickten wir den Eingang zum über 800 Quadratkilometer großen Nationalpark, in dem Nania zukünftig leben sollte. Wir machten eine Trinkpause, und Whisty, der einen Teil des Wegs in einem Auto mitgefahren war, gesellte sich wieder zu Nania. Nania legte erfreut ihren Rüssel um das Schaf. Zusammen legten sie die restlichen acht Kilometer durch die Savanne zurück.

Nania bildete nun den Mittelpunkt unserer kleinen Gruppe – so, wie sie es später auch in ihrer eigenen Herde tun würde. Sie lief willig mit, und ihr sanft schwingender Rüssel berührte bei jedem Schritt meine Beine. Um 09.00 Uhr machten wir Rast. Nania schlang ihre dritte Flasche in kürzester Zeit herunter und wir bespritzten sie mit Wasser. Anschließend bedeckte sie ihre empfindliche Haut mit Erde – zum Schutz vor Sonne und Insekten. Wir setzten unseren Marsch in langsamerem Tempo fort.

Um 10.20 Uhr setzte Nania erstmals Fuß in ihr Rehabilitationsgehege. Ein bewegender Moment. Endlich war sie zu Hause. Uns wurde schlagartig klar, dass wir ein neues Kapitel in ihrem Leben aufgeschlagen hatten. Ganz sicher wird es einzigartig. Einzigartig, wie dieser vierstündige Marsch, bei dem Nania das Tempo bestimmte. Einzigartig, wie ihr Rüssel, der kürzer ist als bei anderen Elefantenkälbern ihres Alters, und einzigartig, wie ihre enge Freundschaft mit Whisty.

Nania bedeutet in der westafrikanischen Sprache Dioula so viel wie „Wille“. Das passt!

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