Widerstand gegen kommerziellen Walfang - weltweit
Wir ändern die globale Denkweise und schützen die Wale für die Zukunft40 Jahre Walfangverbot: Warum Wale noch immer Schutz brauchen
40 Jahre Walfangverbot: Warum Wale noch immer Schutz brauchen
Stellen wir uns einen Blauwal in der Antarktis vor. Nennen wir sie Mira.
In diesem Jahr wird Mira 40 Jahre alt. Sie ist damit genauso alt wie das internationale Moratorium gegen den kommerziellen Walfang. Mira gehört zu einer Generation von Walen, die nur deshalb noch durch die Ozeane ziehen kann, weil die Mitgliedstaaten der Internationalen Walfangkommission (IWC) 1982 entschieden hatten, den kommerziellen Walfang ab 1986 auszusetzen.
Wäre Mira früher geboren worden, hätte ihre Geschichte ganz anders enden können.
Vor dem Moratorium waren die Blauwale im Südpolarmeer beinahe ausgerottet: Von rund 250.000 Tieren blieben nur noch wenige Hundert. Heute geht die IWC davon aus, dass es wieder mehr als 2.000 antarktische Blauwale gibt – ein Bruchteil der ursprünglichen Population aber ein Zeichen der Erholung.
Trotz solcher Erfolge muss das Walfangmoratorium bis heute verteidigt werden. Denn Island, Norwegen und Japan betreiben weiterhin kommerziellen Walfang. Seit Inkrafttreten des Moratoriums haben diese drei Staaten zusammen rund 45.000 Wale getötet. Heute werden vor allem Arten wie Zwerg-, Finn-, Sei- und Brydewale durch diese drei Länder kommerziell gejagt.
Doch auch für Blauwale wie Mira ist der Ozean noch längst kein sicherer Ort. „Wale sind weltweit massiv durch menschengemachte Gefahren bedroht“, erklärt Andreas Dinkelmeyer, Kampagnenleiter des International Fund for Animal Welfare (IFAW) in Deutschland. Sie sind nicht nur durch Harpunen bedroht, sondern auch durch Schiffskollisionen, Fischereigeräte, Unterwasserlärm, Plastikmüll, Überfischung und die Klimakrise.
Das Moratorium war ein Wendepunkt, aber nicht das Allheilmittel
Als die IWC 1982 beschloss, den kommerziellen Walfang zu stoppen, war das eine der wichtigsten artenschutzpolitischen Entscheidungen des 20. Jahrhunderts. In Kraft trat das Moratorium 1986 – nach rund drei Jahrhunderten industrieller Jagd auf Wale. Zwar unterstützt inzwischen die überwiegende Mehrheit der Staaten den Schutz der Wale. Doch das Walfangverbot stand von Anfang an unter Druck. Relativ schnell wurde mit dem sogenannten wissenschaftlichen Walfang ein Schlupfloch genutzt, um die Jagd fortzusetzen. Zudem erlaubten die Regeln der IWC Mitgliedstaaten, Vorbehalt gegen Entscheidungen einzulegen. Einige Staaten nutzten genau das oder fanden andere Wege, weiter zu jagen:
- Norwegen legte Vorbehalt ein und betreibt bis heute kommerziellen Walfang.
- Island trat aus der IWC aus und wurde 2002 mit einem Vorbehalt wieder Mitglied, um den kommerziellen Walfang fortzusetzen. Ein bis heute rechtlich umstrittener Schritt.
- Japan zog seinen Vorbehalt zurück, umging das Moratorium dann aber lange unter dem Deckmantel des sogenannten wissenschaftlichen Walfang. Seit dem Austritt aus der IWC 2019 jagt das Land wieder offen kommerziell.
Der Beschluss von 1986 war also nicht das Ende des kommerziellen Walfangs. Er war der Beginn eines politischen Ringens um den Schutz der Wale, das bis heute andauert.
Ein jahrzehntelanger Kampf für den Walschutz
Der IFAW gehörte zu den internationalen Organisationen, die eng zusammenarbeiteten, um das Moratorium auf den Weg zu bringen. Als sich zeigte, dass manche Staaten trotz des Verbots weiterjagen wollten, begann ein jahrzehntelanger Einsatz: wissenschaftlich, diplomatisch und politisch.
Ein früher Meilenstein wurde mit Hilfe des Washingtoner Artenschutzübereinkommen CITES erreicht. 1983, kurz nach dem Beschluss des Moratoriums, wurde ein Handelsverbot für die meisten Walarten beschlossen. Das war entscheidend: Ohne ein solches Verbot hätte der internationale Handel die kommerzielle Ausbeutung erneut anheizen können. Als Japan und Norwegen später wiederholt versuchten, Schutzbestimmungen für Walarten aufzuweichen, setzte sich der IFAW dagegen ein, sodass diese Vorstöße der Walfänger nicht erfolgreich waren.
Ein weiterer entscheidender Schritt für den Walschutz war die Einrichtung des Southern Ocean Whale Sanctuary. In den Gewässern rund um die Antarktis wurden innerhalb eines Jahrhunderts mehr als zwei Millionen Wale getötet. Als Frankreich 1992 vorschlug, den Südlichen Ozean zu einem Schutzgebiet für Wale zu machen, unterstützte der IFAW diese Initiative. Zwei Jahre arbeitete der IFAW intensiv daran mit wissenschaftlichen und rechtlichen Argumenten sowie im Wissenschaftsausschuss der IWC. 1994 wurde das Schutzgebiet mit 26 Stimmen beschlossen. Nur Japan stimmte dagegen.
Trotz Einrichtung des Schutzgebietes fuhr Japan fort dort Wale zu fangen
Auch ein späterer maßgeblich von den USA vorangetriebener Vorstoß, das Moratorium durch willkürlich festgelegte Fangmengen zu ersetzen, scheiterte am Widerstand des IFAW und anderer Akteure. IFAW Wissenschaftler:innen zeigten, dass die vorgeschlagenen Fangmengen nach den eigenen Regeln der IWC nicht nachhaltig gewesen wären. Der Vorschlag wurde am Ende nicht angenommen, und das Moratorium blieb bestehen.
So zeigt sich bis heute: Das Moratorium muss immer wieder gegen politischen Druck, wirtschaftliche Interessen und juristische Schlupflöcher verteidigt werden. Gleichzeitig wandelt sich die Rolle der IWC: weg vom reinen Management des Walfangs hin zu mehr Walschutz, etwa durch das Conservation Committee.
Schutz heute heißt auch: leisere und sicherere Meeree
Für Blauwal Mira und andere Wale sind die Gefahren heute zahlreicher und komplexer als noch vor 40 Jahren: Neben dem kommerziellen Walfang bedrohen sie etwa Unterwasserlärm, Schiffskollisionen, Verfangen in Fischereigeräte und die Auswirkungen der Klimakrise.
Im Atlantik hat sich der Unterwasserlärm durch die kommerzielle Schifffahrt in den vergangenen 40 Jahren alle zehn Jahre verdoppelt. Für Blauwale hat das dramatische Folgen: Ihr Kommunikationsraum hat sich um bis zu 90 Prozent verringert. Dauerhafter Unterwasserlärm erschwert es Walen, sich zu orientieren. Dadurch haben sie Schwierigkeiten, zu jagen, Partner zu finden, sich auszuruhen und miteinander in Kontakt zu bleiben.
Der IFAW arbeitet deshalb daran, Unterwasserlärm durch die kommerzielle Schifffahrt zu reduzieren, zum Beispiel durch die Intiative Blue Speeds. Schon eine weltweite Reduzierung der Schiffsgeschwindigkeit um nur 10 Prozent könnte den Unterwasserlärm von der Schifffahrt um rund 40 Prozent senken, das Risiko von Kollisionen mit Walen etwa halbieren und gleichzeitig die Treibhausgasemissionen der Schifffahrt um etwa 13 Prozent reduzieren.
Neben dem Lärm der Schifffahrt sind Zusammenstöße mit Schiffen eine große Gefahr für Wale. Vor Sri Lanka verlaufen beispielsweise Schifffahrtsrouten mitten durch einen wichtigen Lebensraum von Blauwalen im nördlichen Indischen Ozean. Dort setzt sich der IFAW dafür ein, diese Routen aus dem Walhabitat heraus zu verlegen. „Zusammenstöße mit Schiffen enden für Wale häufig tödlich und auch die Population vor Sri Lanka ist gefährdet. Schiffskollisionen sind sowohl ein Problem für den Artenschutz als auch für das Wohlergehen der einzelnen Wale. Schon ein angefahrener Wal ist einer zu viel“, sagt Andreas Dinkelmeyer.
Gemeinsam mit Reedereien und Schifffahrtsorganisationen wie dem World Shipping Council konnte bereits erreicht werden, dass inzwischen etwa 30 Prozent des Schiffsverkehrs südlich von Sri Lanka eine walfreundlichere Route nutzt.
40 Jahre später gilt: Das Moratorium muss weiter verteidigt werden
Vierzig Jahre nach dem Moratorium lässt sich sagen: Der IFAW und viele Partner haben erfolgreich dazu beigetragen, dass das Verbot des kommerziellen Walfangs bestehen blieb, der Handel mit Walprodukten weitgehend unterbunden wurde, Schutzgebiete eingerichtet wurden, Forschung heute mit lebenden Walen Standard geworden ist und sich die IWC inzwischen auch mit aktuellen Gefahren wie Schiffskollisionen, Verstrickungen in Fischereigerät und Ozeanlärm befasst.
Mira verdankt ihr Leben auch der Entscheidung gegen den kommerziellen Walfang vor 40 Jahren. Aber ihr Überleben hängt bis heute davon ab, ob diese Entscheidung verteidigt und weiterentwickelt wird. Denn Walschutz endet nicht mit einem Verbot. Er setzt sich fort: in internationalen Abkommen, in Schutzgebieten, in der Regulierung des Handels, in nachhaltigen Alternativen wie Whale Watching und in leiseren, gesünderen und sichereren Meeren.
In Andreas Dinkelmeyers Worten: „Das Meer muss endlich wieder ein sicherer Lebensraum für Wale werden.“ Für Mira. Und für die Generationen von Walen, die nach ihr kommen.
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