Förderung der Walbeobachtung – weltweit
Wale beobachten statt jagen!Es ist früh am Morgen an Bord der Song of the Whale. Der vom IFAW gebaute Forschungssegler gleitet durch die Wellen. An Deck steht die Crew, hört, beobachtet, notiert. Unter Wasser nehmen Mikrofone die Laute der Wale auf. Über Wasser werden Tiere identifiziert, Positionen bestimmt, Bewegungen dokumentiert.
„Das Team der Song of the Whale ist eine eng verbundene Gruppe und hat ein gemeinsames Ziel: auf die Bedrohung verschiedener Walarten aufmerksam zu machen.“, sagt der Skipper Richard McLanaghan. Hier wird Wissen durch Beobachtung und mithilfe von lebenden Tieren gewonnen.

Dass das heute der wissenschaftliche Standard ist, war lange nicht selbstverständlich. Über Jahrzehnte hielten Walfangnationen daran fest, dass man Wale töten müsse, um sie zu erforschen. Unter dem Vorwand der Wissenschaft wurden so Tiere trotz Moratorium für kommerziellen Walfang und Schutzgebieten gejagt.
Das Schlupfloch im Walfangmoratorium
Als die Internationale Walfangkommission (IWC) 1982 das Moratorium gegen den kommerziellen Walfang beschloss, enthielt es eine Ausnahme: Staaten durften Wale zu wissenschaftlichen Zwecken töten. Diese Regelung wurde zum Schlupfloch.
Vor allem Japan nutzte diese Ausnahme über Jahrzehnte, um den Walfang fortzusetzen und jagte Wale auch im Südpolarmeer, einem internationalen Schutzgebiet. Auch Island griff zeitweise auf diese Regelung zurück, allerdings in deutlich geringerem Umfang. Offiziell wurden Walfang unter dem Deckmantel der Forschung betrieben. Tatsächlich wurden weiterhin Wale getötet und das Fleisch anschließend verkauft. DNA-Analysen belegten zudem, dass auch geschützte Arten im Handel landeten.
Zusätzlich wurde das Argument genutzt, Wale würden zu viel Fisch fressen und damit die Fischerei gefährden. Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch, dass diese Annahme nicht trägt: Wale sind Teil komplexer Ökosysteme und ihr Abschuss führt nicht zu mehr Fisch. Im Gegenteil: Gesunde Walpopulationen tragen zum Gleichgewicht der Meere bei. Der eigentliche Druck auf die Fischpopulationen entsteht durch Überfischung.

Ein juristischer Wendepunkt
Wie fragil die Argumentation des „wissenschaftlichen Walfangs“ war, zeigte sich 2014 vor dem Internationalen Gerichtshof. Auf Initiative Australiens wurde der Fall vor das Gericht gebracht. Unterstützt wurde die Vorbereitung des Falls auch durch den IFAW, etwa durch die Aufarbeitung der Geschichte des „wissenschaftlichen Walfangs“ und durch juristische Fachgespräche mit internationalen Expert:innen.
Nach mehrjährigen Verfahren entschied der Internationale Gerichtshof 2014, dass Japans Walfang nicht für wissenschaftliche Forschung geeignet sei. Das Urteil war eindeutig und hatte unmittelbare Folgen: Japan stellte seinen Walfang im Südpolarmeer ein.
„Für uns war das ein Wendepunkt. Zum ersten Mal wurde auf höchster Ebene anerkannt, dass der sogenannte wissenschaftliche Walfang keine wissenschaftliche Grundlage hat“, sagt Andreas Dinkelmeyer.
Walforschung ohne Töten
Heute stehen zahlreiche Methoden zur Verfügung, um Wale zu erforschen, ohne sie zu töten: akustische Messungen, Foto-Identifikation, genetische Proben und Langzeitbeobachtungen. Sie ermöglichen Einblicke in Verhalten, Kommunikation und Wanderungen. Zudem liefern sie umfassendere Daten über das Leben der Wale als Untersuchungen an toten Tieren.
Der IFAW hat diese Entwicklung früh vorangetrieben. Mit der Song of the Whale wurde Forschung ohne Tötung nicht nur theoretisch möglich, sondern praktisch umgesetzt. Der Forschungssegler ist leise, stört die Tiere nicht und kann auch nachts oder bei schwierigen Bedingungen arbeiten. So können Wale über längere Zeiträume beobachtet, ihre Bewegungen dokumentiert und ihre Lebensräume besser verstanden werden.
Für den Skipper Richard McLanaghan ist diese Forschung ein wichtiger Beitrag zum Schutz der Tiere: „Ich fühle mich unserer Arbeit sehr verpflichtet. Ich glaube, wir leisten einen kleinen, aber wichtigen Beitrag zur Lösung. Unsere Forschung hilft dabei, besser zu verstehen, wie wir etwa die vom Aussterben bedrohten Nordatlantische Glattwale schützen können. Genau deshalb mache ich das.“
Frühe Einsätze der Song of the Whale, etwa in den Azoren, zeigten, dass nicht-tödliche Forschung den Walfang ersetzen kann. Dort, wo einst gejagt wurde, entstand eine neue Perspektive: Lebende Wale wurden zur Grundlage neuer Einnahmequellen, insbesondere durch Whale Watching.
Whale Watching: Wale mehr Wert lebend als tot

In vielen Küstenregionen zeigt sich heute, dass lebende Wale eine nachhaltige wirtschaftliche Grundlage bieten können. Tourismus, Forschung und Bildungsangebote schaffen Einkommen, ohne die Tiere zu gefährden.
Der IFAW hat diesen Wandel aktiv mitgestaltet. Durch Studien, Workshops und die Zusammenarbeit mit lokalen Partnern hat die Organisation dazu beigetragen, Whale Watching als nachhaltige Alternative zum Walfang zu etablieren. Auch innerhalb der IWC setzte sich der IFAW dafür ein, Walbeobachtung stärker zu verankern: nicht nur als touristisches Angebot, sondern als Thema mit wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Bedeutung.
In Regionen wie Island, der Karibik oder den Azoren wurde Whale Watching so zu einer echten Alternative. Der IFAW unterstützte dabei nicht nur den Aufbau der Angebote, sondern auch deren Weiterentwicklung und Regulierung. Gemeinsam erarbeiteten Behörden, NGOs und Tourismusverbände weltweite Standards, die sowohl den Schutz der Tiere als auch die Interessen der lokalen Bevölkerung berücksichtigen.
Der wirtschaftliche Effekt ist messbar: Innerhalb eines Jahrzehnts verdoppelte sich der globale Umsatz der Branche von rund einer auf zwei Milliarden US-Dollar. Doch wichtiger als die Zahlen ist die Perspektive: Wale werden nicht mehr nur als Ressource betrachtet, sondern als Teil eines lebendigen Ökosystems und als Lebewesen, deren Schutz sinnvoll ist.
Gleichzeitig verändert sich auch die Rolle der IWC. Der IFAW hat dazu beigetragen, den Fokus vom Walfang und hin zum Schutz der Tiere zu lenken – wir arbeiteten eng mit Mexiko zusammen an einem Vorschlag ein Conservation Committee zu gründen. Durch dieses Committee gibt es nun Mechanismen innerhalb der IWC, um moderne Gefahren für Wale wie Kollisionen mit Schiffen, Verfangen in Fischereinetzen und Unterwasserlärm zu behandeln. Gleichzeitig erlaubt es mit anderen zwischenstaatlichen Abkommen zu kooperieren und die vielfachen Gefahren anzugehen. Dieser Wandel ist noch nicht abgeschlossen, zeigt aber, dass Wale heute zunehmend als Lebewesen geschützt werden, nicht mehr als Ressource verwaltet.
Forschung braucht keine Harpune
Vierzig Jahre nach dem Moratorium ist eine zentrale Erkenntnis klar: Wale müssen nicht getötet werden, um sie zu verstehen.
„Argumente für den kommerziellen Walfang sind längst widerlegt, auch für den sogenannten wissenschaftlichen Walfang. Wir haben heute das Wissen und die Methoden, um Wale zu erforschen und zu schützen, ohne ihnen zu schaden. Und doch sind Wale weiterhin menschengemachten Gefahren ausgesetzt. Der IFAW arbeitet weiter daran diese zu minimieren, auch 40 Jahre nach In-Kraft-Treten des Moratoriums “, sagt Andreas Dinkelmeyer.
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