Akram Eissa Darwich
Straße von Hormus: Was für die Tierwelt auf dem Spiel steht
Straße von Hormus: Was für die Tierwelt auf dem Spiel steht
Die meisten Menschen denken bei der Straße von Hormus vor allem an Öltanker, Geopolitik und den globalen Handel. Was diesbezüglich jedoch kaum jemand im Sinn hat: Wale und andere Meereslebewesen, die dort leben.
Unter einer der strategisch kompliziertesten Wasserstraßen der Welt verbirgt sich ein einzigartiges und empfindliches marines Ökosystem, in dem Arten leben, die nirgendwo sonst auf der Erde zu finden sind. Durch die dort existierenden Spannungen ist dieser Lebensraum bedroht.

Die Straße von Hormus bildet eine schmale ökologische Brücke zwischen den tiefen, kühleren Gewässern des Golfs von Oman und dem flachen, wärmeren Arabischen Golf. Nährstoffreiche Strömungen, die durch die Meerenge fließen, erhalten Plankton, Korallenriffe und Seegraswiesen, die die Grundlage für das marine Leben der Region bilden. Walhaie wandern saisonal durch diese Gewässer, während Indopazifische Große Tümmler das ganze Jahr über dort ansässig sind.
Und dann ist da noch die Buckelwal-Population im Arabischen Meer. Diese vom Aussterben bedrohte Population ist einzigartig: Sie wandert nicht und ist fast ausschließlich auf das Arabische Meer und die Golfregion beschränkt. Die Wissenschaft schätzt, dass nur noch rund 100 Tiere dieser Art leben.
In diesen Gewässern gibt es auch rund 7.000 Dugongs, deren Überleben vollständig von gesunden Seegraswiesen abhängt. Für beide Arten ist die Straße von Hormus nicht nur eine Durchgangszone, sondern ein unverzichtbarer Lebensraum.
Meeresökosysteme unter Druck, auch ohne Konflikt
Selbst in Zeiten relativer Ruhe ist der Arabische Golf eine der am stärksten belasteten Meeresgebiete der Erde. Der dichte Schiffsverkehr durch Öltanker birgt die Gefahr von Kollisionen, chronischer Lärmbelastung und Ölunfällen. Darüber hinaus üben industrielle Aktivitäten und Küstenbebauung ständigen Druck auf die ohnehin schon fragilen Ökosysteme aus.
Verstärkte militärische Aktivitäten verschärfen diese Risiken. Schiffsverkehr, Sonareinsatz und Explosionen bringen intensive und ungewohnte Lärmbelastung ins Wasser. Die genutzten Schallwellen können sich mit den Frequenzen überschneiden, auf die Wale und Delfine zur Kommunikation, Navigation und Nahrungssuche angewiesen sind. Akustische Störungen können dazu führen, dass Tiere aufhören zu fressen, die Orientierung verlieren oder den Lebensraum verlassen. Für Arten, die nicht wandern, ist eine Flucht keine Option, wie z.B. für die Population des Buckelwals im Arabischen Meer.
Ölverschmutzung stellt eine zusätzliche, dokumentierte Gefahr dar. Der Arabische Golf ist flach und halb geschlossen. Es dauert zwei bis fünf Jahre bis sich das Wasser komplett ausgetauscht hat. Schadstoffe verflüchtigen sich nicht schnell; sie reichern sich an. Ölteppiche können Seegraswiesen verschatten, sodass sie nicht mehr wachsen können. Diese Wiesen sind jedoch die Grundlage des Ökosystems und es gilt: Was die Seegraswiesen bedroht, gefährdet Dugongs sowie andere abhängige Arten.
Bereits während des Golfkriegs 1990-1991 führte eine vorsätzliche Ölfreisetzung in den Arabischen Golf zum Tod von bis zu 230.000 Meerestieren und Seevögeln, wobei die ökologischen Auswirkungen erst nach Jahrzehnten überwunden waren. Dieselben Ökosysteme sind nun erneut gefährdet.
Konflikte und Wildtiere: ein bekanntes Muster
Seit Jahren dokumentiert der IFAW, wie bewaffnete Konflikte mit dem Tier- und Artenschutz zusammenhängen. Das Muster ist konsistent und zutiefst besorgniserregend. Daten über die Populationen großer Säugetiere, sowohl an Land als auch im Ozean, aus mehreren Jahrzehnten zeigen, dass die Wildtierbestände in Friedenszeiten tendenziell stabil bleiben und während Kriegen stark zurückgehen.
Infolge von Konflikten kann es leicht zum Zusammenbruch von Populationen kommen: Wo Krieg herrscht, erodieren mit der staatlichen Ordnung auch die Durchsetzung von Vorschriften zum Schutz von Lebensräumen.
Meeresökosysteme bilden da keine Ausnahme. Frühere Konflikte in dieser Region, darunter der Iran-Irak-Krieg der 1980er Jahre, fielen mit einem starken Rückgang von Flussdelfinen, Ottern, Seevögeln und anderen marinen Arten zusammen. Gleichzeitig stellt der Arabische Golf ein einzigartiges natürliches Labor dar, um zu verstehen, wie sich Meereslebewesen an extreme Hitze und Salinität anpassen. Eine Forschung, die gerade in dem Moment unterbrochen wird, in dem sie am dringendsten benötigt wird.
Worauf es jetzt ankommt
Wildtiere kennen keine nationalen Grenzen oder politischen Streitigkeiten, tragen jedoch die Folgen beider. Die eskalierenden Risiken in der Straße von Hormus sind eine deutliche Mahnung daran, dass Tiere oft die unsichtbaren Opfer menschlicher Konflikte sind und dass ökologische Schäden keine unvermeidbaren Kollateralschäden sind, sondern eine dauerhafte und vermeidbare Folge.
Bei unserer Zusammenarbeit mit Partnern in der gesamten Region ist es Teil unserer Aufgabe, sicherzustellen, dass die Auswirkungen von Konflikten und Instabilität auf die Artenvielfalt sichtbar bleiben. Das muss sowohl ein globales als auch lokales Anliegen sein. In einer Region, in der der Druck auf die Ökosysteme bereits erheblich ist, geraten Wildtiere in Krisenzeiten leicht in den Hintergrund. Zusammen mit seinen Partnern wird der IFAW Aktivitäten in Jordanien und Oman unterstützen, die dieses Thema in den Mittelpunkt rücken. Zugleich setzen wir darauf, regionale Akteure zu stärken: Sie sollen die Bedrohungen für die Natur, die aus der anhaltenden Instabilität resultieren, nicht nur erkennen, sondern auch Möglichkeiten erhalten, zu reagieren.
Die Straße von Hormus ist für den globalen Handel von entscheidender Bedeutung. Gleichzeitig ist die Meeresenge entscheidend für ein fragiles Ökosystem, das sich von wiederholten Schocks nicht erholen kann.
Dieser Artikel basiert auf dem Austausch und der Zusammenarbeit zwischen dem IFAW-Team im Nahen Osten und Nordafrika (MENA) und der Programmleitung der Organisation.
Ähnliche Inhalte
Mit großer Unterstützung können wir Großes leisten. Bitte spenden Sie, um Tieren zu helfen.