Faultiere: Wenn Zuneigung zur Ausbeutung wird
Faultiere: Wenn Zuneigung zur Ausbeutung wird
Der Tod von mehr als 30 Faultieren vor der Eröffnung einer neuen Attraktion in Florida hat weltweit für Bestürzung gesorgt und viele Fragen aufgeworfen: Woher stammten diese Wildtiere? Und wie gut war die Pflege, die die Tiere in Gefangenschaft erhalten hatten? Hinter dieser traurigen Geschichte verbirgt sich bei genauem Hinsehen mehr. Sie erinnert uns daran, dass Begeisterung und Bewunderung allein Wildtiere nicht schützen, und Faultiere dringend stärkere Schutzmaßnahmen benötigen.
Faultiere sind für ihre langsamen Bewegungen, ihr sanftes Aussehen und ihre ruhige Art weltweit bekannt. So sind diese besonderen Tiere mittlerweile auch in den sozialen Medien, im Marketing, bei touristischen Angeboten sowie bei kommerziell betriebenen Wildtierbegegnungen besonders beliebt. Diese Popularität hat ihren Preis, wenn eine höhere Nachfrage nach hautnahen Begegnungen, neuen Attraktionen oder sogar die Privathaltung die Folge ist.

Wenn Zuneigung zur Ausbeutung wird
Die steigende Beliebtheit der Faultiere im Internet und die damit einhergehend höhere Präsenz in der Konsumkultur lässt auch die Nachfrage nach Selfies und hautnahen Begegnungen mit diesen einzigartigen Säugetieren wachsen. Manche Tiere werden als Requisiten für Fotos benutzt und/oder in Umgebungen gehalten, die eher der menschlichen Unterhaltung als den Ansprüchen von Faultieren dienen. Dies spiegelt ein allgemeines Muster im Wildtierhandel wider: Je mehr eine Tierart romantisiert wird, desto eher werden Menschen das in bare Münze umzusetzen versuchen.
Für einige Faultiere bedeutet das zu jung ihren Müttern entrissen zu werden, gefährlicher Transport, schlechte Haltungsbedingungen und Stress. Faultiere benötigen in Gefangenschaft eine hochspezialisierte Pflege und pflanzen sich dort kaum fort. Wer also ein Faultier in Gefangenschaft streicheln oder fotografieren möchte, hat es oft mit einem Tier zu tun, das einst frei in der Wildnis lebte.
Und die Nachfrage wächst. So hat sich z.B. die Einfuhr in die USA lebender Tiere der Art Eigentliches Zweifingerfaultier von 59 Tieren im Jahr 2012 auf 160 im Jahr 2023 fast verdreifacht. Das zeigen die Daten aus dem Law Enforcement Management Information System des US Fish & Wildlife Service. Neuere Daten wurden Stand 2026 nicht öffentlich ausgewertet. Hinter diesen Zahlen stehen Hunderte einzelner Faultiere, die aus ihrer Heimat und ihren Familiengruppen entrissen wurden, um ausgestellt zu werden und als lebende Requisiten für Wildtierbegegnungen zu dienen.
Faultiere sind keine Haustiere
Faultiere sind Wildtiere mit sehr speziellen Bedürfnissen und keine Haustiere. Sie haben sich über Millionen von Jahren auf das Leben in tropischen Wäldern spezialisiert. Ihr Körperbau und ihr Verhalten sind an das Leben in Baumkronen angepasst, nicht an Transport, künstliche Ausstellungen oder ständige Interaktion mit Menschen. Gerade mit Blick auf den Kontakt mit Menschen ist es wichtig daran zu erinnern, dass ruhiges Verhalten der Tiere nicht zwangsläufig deren Wohlbefinden bedeuten muss. Regungslosigkeit kann auch eine Stressreaktion sein.
Deshalb ist die Partnerschaft des IFAW mit der Association of Zoos and Aquariums im Rahmen der "Not A Pet"-Kampagne so wichtig. Darin weisen wir auf eine einfache, aber dringende Tatsache hin: Wildtiere sind keine Haustiere und sollten nicht gekauft, verkauft oder privat gehalten werden. Was für Großkatzen und Primaten gilt, trifft auf Faultiere gleichermaßen zu: So anziehend diese Tiere online auch erscheinen mögen, Faultiere haben komplexe Bedürfnisse, die private Haltung oder kommerzielle Einrichtungen nicht erfüllen können. In Europa klären wir mit unserer Kampagne „Liked to death“ über den gefährlichen Einfluss von sozialen Netzwerken und dem Wildtierhandel auf.

Die Bedeutung strengerer Schutzmaßnahmen
Die aktuellen Schlagzeilen aus Florida erinnern daran: Wenn Wildtiere als Ware behandelt werden, können mögliche Rettungssysteme erst reagieren, wenn der Schaden bereits angerichtet ist.
Echter Schutz bedeutet daher auch, die Nachfrage anzugehen, die die Ausbeutung überhaupt erst antreibt. Es bedeutet, Attraktionen abzulehnen, die hautnahe Wildtierbegegnungen anbieten, und schwierige, aber notwendige Fragen zu stellen: Woher kommen diese Tiere und wie sieht deren Versorgung aktuell aus? Es bedeutet auch zu erkennen, dass Social-Media-Inhalte, die Wildtiere als Accessoires, Requisiten oder Haustiere darstellen, hinter den Kulissen viel Leid verbergen können.
Stärkere internationale Schutzmaßnahmen sind ebenfalls unerlässlich. Das Washingtoner Artenschutzübereinkommens (CITES) soll den grenzüberschreitenden Handel mit Wildtieren regulieren. Für Tiere, die von der kommerziellen Nachfrage betroffen sind, können strengere Schutzlisten, eine konsequente Durchsetzung und eine bessere Aufsicht dazu beitragen, die Ausbeutung vor einer möglichen Eskalation einzudämmen.
Haben Gesetzeslücken, schwache Überwachung oder unverantwortliche Praktiken bei der Haltung von Tieren in Gefangenschaft weiter Bestand, bleiben oft lediglich Rettungs- und Rehabilitationsorganisationen übrig. Einrichtungen, die sich dem Tierschutz verschrieben haben, sollten jedoch nicht gezwungen sein, auf vermeidbares Leid zu reagieren, das durch schlechte Politik oder kommerzielle Ausbeutung verursacht wird.
Wenn die Nachfrage nationale Grenzen überschreitet, muss der Schutz dies ebenfalls tun.
Wie Sie helfen können
Alltägliche Entscheidungen zählen. Menschen können helfen! Nehmen Sie nicht an kommerziell angebotenen Wildtierbegegnungen und -interaktionen teil. Teilen Sie keine ausbeuterischen Tierinhalte, unterstützen Sie ethischen Tourismus und setzen Sie sich für strengere Schutzmaßnahmen für Wildtiere im Handel ein. Kampagnen, wie z.B. Liked to death, helfen, öffentliches Bewusstsein zu schärfen und dauerhafte Veränderungen zu bewirken.
Faultiere müssen nicht näher bei uns Menschen sein, um bewundert zu werden. Sie brauchen intakte Wälder, Schutz vor Ausbeutung und politische Maßnahmen für ihren Schutz. Die Welt liebt Faultiere bereits. Jetzt ist es an der Zeit, diese Liebe auf die richtige Art und Weise zu zeigen.
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