Auf der Suche nach einer vom Aussterben bedrohten Walart
Auf der Suche nach einer vom Aussterben bedrohten Walart
In den Weiten des Nordatlantiks ziehen einige der seltensten Walarten der Welt durch die Gewässer.
Die laut Roter Liste der IUCN vom Aussterben bedrohten Nordatlantischen Glattwale gehören zu den am intensivsten erforschten Walarten der Erde. Da es weltweit nur noch rund 380 Meeressäuger dieser Art gibt, haben Forschende jeden bekannten Wal der Art katalogisiert. Die Identifikation erfolgt anhand des individuellen Musters erhabener Hautstellen (engl. callosities) am Kopf sowie weiterer charakteristischer Merkmale und Narben.

Ähnlich wie bei einem Fingerabdruck gleicht keines dieser individuellen Muster am Kopf der Wale dem anderen. Dies ermöglicht es Forschenden, einzelne Wale wiederzuerkennen, um diese Tiere ihr ganzes Leben lang verfolgen zu können. Ein Leben, das bis zu 100 Jahre dauern könnte, wären da nicht unter anderem die tödlichen, vom Menschen verursachten Bedrohungen, denen die Meeressäuger täglich ausgesetzt sind.
Das enge Monitoring der Wale hat nicht nur unser Verständnis der Nordatlantischen Glattwale grundlegend verändert, sondern hilft auch der Wissenschaft dabei, Bestandsentwicklungen zu erkennen, Geburten und Todesfälle zu dokumentieren, Verletzungen durch Fischereiausrüstung und Kollisionen mit Schiffen zu erfassen sowie den Erfolg von Schutzmaßnahmen zu messen.
Doch trotz jahrzehntelanger Forschung und eines der weltweit umfassendsten Fotoidentifikationskataloge gibt es nach wie vor erhebliche Wissenslücken. Zu bestimmten Jahreszeiten bleiben einige Wale unauffindbar. Wohin gehen sie?
Ein Rätsel auf See
Die Beantwortung dieser Frage ist umso dringlicher geworden, da die Klimakrise den Nordatlantik verändert. Mit dem Wandel der Meerestemperaturen, Strömungen und Ökosysteme verlagert sich auch das Vorkommen der winzigen Copepoden, eine Nahrungsquelle der Nordatlantischen Glattwale. Die Wale folgen ihrer Beute sowohl in neue Gewässer als auch in Gewässer, die historisch bereits als Lebensraum der Art galten. Die Wissenschaft versucht nun eilig herauszufinden, wohin die vom Aussterben bedrohten Wale schwimmen und welchen Gefahren die Meeressäuger auf ihrem Weg begegnen könnten.
In diesem Sommer weitet ein internationales Team aus der Wissenschaft und von Partnern aus dem Natur- und Artenschutz die Suche auf die abgelegenen Gewässer zwischen Grönland und Island aus. Mithilfe eines autonomen Unterwassergleiters, der über mehrere Monate hinweg nach Walen lauschen kann, hofft das Team herauszufinden, ob Nordatlantische Glattwale tatsächlich wieder Gewässer besiedeln, die historisch für die Art bereits von Bedeutung waren.
Bestätigte Sichtungen von Nordatlantischen Glattwalen in europäischen Gewässern sind nach wie vor äußerst selten. Doch im Jahr 2024 wurde vor der Küste Irlands zum ersten Mal seit 114 Jahren ein Nordatlantischer Glattwal bestätigt. Er konnte anhand seines charakteristischen Hornhautmusters identifiziert werden. Forschende haben in den letzten Jahrzehnten nur eine Handvoll bestätigter Sichtungen von in Nordamerika katalogisierten Walen in europäischen Gewässern dokumentiert, darunter auch vor Island, was spannende Hinweise darauf liefert, dass zumindest einige Tiere noch immer transatlantische Wanderungen unternehmen. Die in diesem Sommer stattfindende wissenschaftliche Expedition zielt nun darauf ab, auf diesen Beobachtungen aufzubauen und besser zu verstehen, ob diese Gewässer wieder zu einem wichtigen Teil des Verbreitungsgebiets der Art werden.
Auf der Suche nach historisch bedeutsamen Gewässern
Das Kap Farvel vor der südöstlichen Spitze Grönlands war einst ein wichtiges Nahrungsgebiet für Nordatlantische Glattwale. Der Reichtum an Walen lockte auch den kommerziellen Walfang in diese Region, was zum dramatischen Rückgang der Art beitrug.
Mehr als ein Jahrhundert später sind Nordatlantische Glattwale nach wie vor bedroht. Aufgrund der Tatsache, dass nur noch rund 70 fortpflanzungsfähige Weibchen leben, kann jede Information über die Wanderungs- und Nahrungsgebiete dieser Wale zu einem wichtigen Baustein für ihre Erholung werden.
Doch die Gewässer zwischen Grönland und Island sind weitläufig, abgelegen und lassen sich mit Schiffen oder Flugzeugen nur schwer kontinuierlich überwachen. Forschende benötigen Geräte, die große Entfernungen zurücklegen, über längere Zeiträume hinweg einsatzfähig sind und Wale auch dann orten können, wenn sich keine Menschen in der Nähe befinden.
Genau hier kommt ein Unterwasserroboter ins Spiel.

Lauschen in den Tiefen des Ozeans
Im Juli dieses Jahres setzten Forschende vom Forschungsschiff SV Barba aus ein autonomes Unterwasserfahrzeug ein, das als „Slocum-Glider“ bekannt ist. Der Gleiter wird das Kap Farvel und die Dänemarkstraße durchqueren, bevor dessen Bergung vor der Küste Islands dann für Ende September 2026 geplant ist.
Anstatt sich darauf zu verlassen, dass Fachleute aus der Wissenschaft Wale von der Oberfläche aus sehen, wird der Gleiter nach ihnen lauschen. Ausgestattet mit einem Unterwassermikrofon, einem sogenannten Hydrofon, überwacht das autonome Fahrzeug kontinuierlich die Geräusche des Ozeans und detektiert die Laute großer Wale.
Die akustischen Daten werden per Satellit an einen Akustiker in Kanada übertragen, der die Aufnahmen analysiert und die vorhandenen Arten identifiziert. Bestätigte Sichtungen werden dann über WhaleMap geteilt, sodass Forschende die Ergebnisse der Expedition verfolgen können, während sich der Gleiter noch auf See befindet.
Der Gleiter ist zudem mit Sensoren ausgestattet, die die Meeresbedingungen messen, u.a. Temperatur und Tiefe. Durch die gleichzeitige Erfassung von akustischen und Umweltdaten können sich Forschende ein klareres Bild davon machen, welche Wale dort vorkommen und welchen Bedingungen diese Tiere ausgesetzt sind.
Für Forschende bietet die Möglichkeit, ein so großes und abgelegenes Gebiet kontinuierlich abzuhören, eine wichtige Chance. Schiffe können sich jeweils nur an einem Ort befinden, und visuelle Erhebungen hängen von Wetter, Tageslicht und Seegang ab. Ein autonomer Gleiter dagegen kann monatelang auf See bleiben und dabei unbemerkt Informationen an Orten sammeln, die andernfalls kaum dauerhaft überwacht würden.
Wale durch einen sich wandelnden Ozean verfolgen
Nordatlantische Glattwale sind zur Ernährung auf dichte Konzentrationen winziger Organismen, sogenannter Copepoden, angewiesen. Um zu überleben, müssen die Wale Gebiete finden, in denen sich Milliarden dieser kleinen Tiere versammeln. Veränderungen der Meerestemperatur, der Strömungen und der Produktivität wirken sich drastisch auf die Verfügbarkeit von Nahrung aus.
Da sich das Klima wandelt, verändert sich auch die Verbreitung der Copepoden. In den letzten 15 Jahren hat die Klimakrise die Wale in Gebiete getrieben, in denen die Schutzmaßnahmen nicht auf ihre Anwesenheit ausgelegt waren, was die Wissenschaft und Regierungen, welche sich für ihren Schutz einsetzen, vor neue Herausforderungen stellt.
Der Sankt-Lorenz-Golf ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Als Nordatlantische Glattwale dort in größerer Zahl auftauchten, drangen die Meeressäuger in stark frequentierte Fischgründe und Schifffahrtsrouten vor. Dies veranlasste Kanada dazu, neue Maßnahmen einzuführen, um das Risiko von Verhedderungen mit Fanggerät und Kollisionen mit Schiffen zu verringern. Das Verfangen in Fischereiausrüstung und Schiffskollisionen sind nach wie vor die beiden Hauptursachen für die vom Menschen verursachte Sterblichkeit bei Nordatlantischen Glattwalen.
Durch den Rückgang des arktischen Meereises werden neue Schifffahrtsrouten frei, wodurch in Teilen der Region mit einem Anstieg des Schiffsverkehrs gerechnet wird. Zu verstehen, ob Nordatlantische Glattwale diese Gewässer nutzen, kann der Wissenschaft helfen, neu auftretende Risiken zu erkennen und Maßnahmen zum Monitoring sowie zum Schutz darauf abzustimmen.

Wissenschaft, die Grenzen überschreitet
Wale kennen keine vom Menschen gesetzten nationalen Grenzen. Um ihre Wanderungen zu verstehen, ist eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit erforderlich. Dieses Projekt bringt Forschende und Partner aus den USA, Kanada, Grönland, Island und Norwegen zusammen und vereint Fachwissen aus den Bereichen akustisches Monitoring, Ozeanographie, autonome Technologie, Feldforschung und Biologie von Walen.
Der autonome Unterwassergleiter wird vom Ocean Tracking Network der Dalhousie University in Kanada gesteuert, während Forschende verschiedener Institutionen die akustischen und umweltbezogenen Daten auswerten werden. Das Expeditionsteam an Bord der SV Barba wird den Gleiter im Kap Farvel ausbringen und damit eine Reise beginnen, die bis in den September hinein andauern wird, bevor das Fahrzeug in der Nähe von Island wieder geborgen wird.
Der IFAW unterstützt diese internationale Initiative gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Forschung. Durch seinen Beitrag zu dieser gemeinsamen Forschungsarbeit, die unser Verständnis der Wanderwege der Nordatlantischen Glattwale erweitert, hilft der IFAW der Wissenschaft dabei, das notwendige Wissen aufzubauen, um die Wale angesichts der sich verändernden Umwelt zu schützen.
„Nordatlantische Glattwale durchqueren riesige Meeresgebiete, und keine einzelne Organisation oder kein einzelnes Land kann diese Meeressäuger allein vollständig verstehen oder schützen“, sagte Sharon Livermore, Direktorin für Meeresschutz beim IFAW. „Durch die Bündelung von Fachwissen, Technologie und Erkenntnissen aus dem gesamten Nordatlantik kann dieses Projekt dazu beitragen, wichtige Lücken in unserem Verständnis darüber zu schließen, wohin einzelne Wale wandern, während sich ihre Meeresumwelt verändert. Eine solche internationale Zusammenarbeit ist unerlässlich, wenn wir sicherstellen wollen, dass sich die Schutzmaßnahmen anpassen und den Walen folgen können, wohin auch immer sie wandern.“
Das Projekt zeigt zudem, wie neue Technologien den Wirkungsbereich der Forschung im Natur- und Artenschutz erweitern können. Autonome Fahrzeuge, Satellitenkommunikation, akustisches Monitoring und internationale Plattformen zum Datenaustausch ermöglichen es Forschenden, Wildtiere in Gebieten zu untersuchen, deren Überwachung früher unzumutbar schwierig oder kostspielig gewesen wäre.
Zuhören, um Antworten zu finden
Es gibt keine Garantie dafür, dass der autonome Unterwassergleiter während seiner Reise einen Nordatlantischen Glattwal aufspüren wird. Diese Ungewissheit ist bei der Erforschung seltener Tiere in einem riesigen Ozean unvermeidlich, doch der Wert der Expedition hängt nicht von einer einzigen Sichtung ab.
Dieses Forschungsvorhaben wird Informationen über das Vorkommen verschiedener Walarten und die Umweltbedingungen in einer Region liefern, in der bisher nur begrenzt kontinuierliche Beobachtungen möglich waren. Sollten Nordatlantische Glattwale gesichtet werden, könnten die Ergebnisse wichtige Anhaltspunkte für Natur- und Artenschutzmaßnahmen liefern. Werden keine gesichtet, verfügen die Forschenden dennoch über wertvolle Informationen, die dazu beitragen können, zukünftige Suchaktionen zu verbessern und unser Verständnis des sich wandelnden Nordatlantiks zu vertiefen.
Für die Nordatlantischen Glattwale steht viel auf dem Spiel. Jedes einzelne Tier kann für das Überleben der Art von Bedeutung sein, und um diese vom Aussterben bedrohte Art zu schützen, muss man verstehen, wie sich ihr Leben zusammen mit dem Ozean, von dem sie abhängig sind, verändert.
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