Room to Roam: „Megaparks“ zum Schutz der Elefanten in Afrika
Room to Roam: „Megaparks“ zum Schutz der Elefanten in Afrika
von Peter Borchert, Schriftsteller und Naturschützer
Elefantenherden kennen keine von Menschen gezogenen Grenzen. Wo sie sich frei bewegen können, folgen sie der jahreszeitbedingt wechselnden Verfügbarkeit von Wasser und Nahrung auf uralten Pfaden und durchqueren Landschaften, die sich über Hunderte von Kilometern erstrecken können. Seit Jahrtausenden bewegten sich Afrikas Elefanten auf diese Weise und prägten und erhielten so die Ökosysteme in ihrer Umgebung. Heute ist ein Großteil dieser grenzenlosen Freiheit verschwunden. Straßen, landwirtschaftliche Betriebe, Zäune und politische Grenzen haben einst zusammenhängende Lebensräume in isolierte Fragmente zerschnitten. Viele Elefantenpopulationen sind räumlich nun auf Nationalparks und andere Schutzgebiete beschränkt, die zu klein und zu isoliert sind, um ihr Überleben langfristig zu sichern. Infolgedessen gewinnt ein neues Natur- und Artenschutzkonzept an Bedeutung: nicht größere Parks, sondern miteinander verbundene, weitläufige und vernetzte Landschaften, die als „Megaparks“ bezeichnet werden.

Eine schrumpfende Welt für Elefanten
Dieser Paradigmenwechsel, der zum Ziel hat, Lebensräume von Wildtieren durch Korridore zu größeren, zusammenhängenden „Systemen“ zu verbinden, steht im Mittelpunkt der IFAW-Initiative Room to Roam. Auf der Grundlage von zwei Jahrzehnten Forschung und Zusammenarbeit mit lokalen Gemeinden konzentriert sich die Initiative darauf, sichere Verbindungen für Elefanten und andere Wildtiere in Ost- und Südafrika zu schaffen. Ziel ist es, die Artenvielfalt zu fördern, die Resilienz gegenüber den Auswirkungen der Klimakrise zu stärken und eine nachhaltige Koexistenz von Menschen und Wildtieren zu ermöglichen.
Elefanten gehören zu den bekanntesten Tieren Afrikas. Rund 400.000 von ihnen durchstreifen noch immer die Savannen des Kontinents. Flüchtig betrachtet mag das beruhigend klingen, doch in Wirklichkeit ist ein nachhaltiger Schutz der Elefanten viel komplexer.
Im Laufe des letzten Jahrhunderts haben Straßen, Zäune, Landwirtschaft, Siedlungen und politische Grenzen die weiten Landschaften, in denen sich Elefanten einst frei bewegten, zunehmend fragmentiert. Was übrig bleibt, ist ein Flickenteppich isolierter Populationen, von denen viele räumlich auf Nationalparks und andere relativ kleine Schutzgebiete beschränkt sind.
Früher dominierte das Modell des sogenannten „Festungsnaturschutzes“: ein Ansatz, der auf der Vorstellung beruht, dass Ökosysteme am besten funktionieren, wenn sie innerhalb klar abgegrenzter Reservate vor menschlichen Störungen geschützt sind. Heute gilt dieser Ansatz als überholt. Gerade historisch hat diese Vorstellung dazu beigetragen, indigene Völker aus ihren angestammten Gebieten zu verdrängen und ihrer Rechte zu berauben. Und auch ökologisch betrachtet, bietet dieser Ansatz nur kurzfristig eine Lösung: Langfristig führt die dadurch entstehende Isolation zu ernsthaften Herausforderungen für die Wildtiere.
Der Schutz hat die Afrikanischen Savannenelefanten vor dem Aussterben bewahrt. Dank früher Natur- und Artenschutzinitiativen gibt es in vielen Schutzgebieten weiterhin florierende Populationen, doch nur in fünf davon leben mehr als 10.000 Elefanten. Diese betrachte ich als die Hochburgen der Elefanten.
Professor Rudi van Aarde
Von isolierten Parks zu vernetzten Landschaften
In freier Wildbahn waren Elefanten nie dazu bestimmt, an einem Ort zu bleiben. Sie bewegten sich über große Gebiete hinweg und richteten sich nach dem Nahrungs- und Wasserangebot, sozialem Druck innerhalb der Herden und anderen potenziell auftretenden Störungen. Wird ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt, sind die Folgen erheblich.
Populationen, die auf kleine oder voneinander getrennte Gebiete beschränkt sind, können überbevölkert werden, was zu einer Verschlechterung der Lebensraumqualität führt. Auch Inzucht und der Verlust genetischer Vielfalt können die Folge sein. Solche Populationen sind anfälliger für Krankheiten, Dürren, Wilderei und andere Belastungen, wodurch letztendlich auch das Risiko eines lokalen Aussterbens steigt.

Trotz der zunehmenden Fragmentierung leben viele der Elefanten im südlichen Afrika glücklicherweise nach wie vor in großen, miteinander verbundenen Clustern von Schutzgebieten. Diese können sich über mehrere Nationalparks, Pufferzonen und sogar internationale Grenzen erstrecken. Die Wissenschaft argumentiert daher zunehmend, dass solche vernetzten Landschaften, oft auch als „Megaparks“ bezeichnet, der Schlüssel zum langfristigen Überleben der Elefanten sind.
Ein „Megapark“ ist kein einzelnes, eingezäuntes Schutzgebiet, sondern ein Netzwerk miteinander verbundener Schutzgebiete und intakter Landschaften. Nationalparks und Reservate bilden den Kern, verbunden durch Verbindungen durch umliegende Pufferzonen und von Gemeinden verwaltete Flächen.
In solchen vernetzten Landschaften können sich Elefanten zwischen verschiedenen Schutzgebieten frei bewegen. Einige lokale Populationen können wachsen, während andere schrumpfen. Entscheidend ist, dass trotz natürlicher Schwankungen die Gesamtpopulation stabil bleibt.
Dementsprechend ermöglichen diese miteinander verbundenen Landschaften den Elefantenpopulationen, als ein einziges, größeres System zu funktionieren, anstatt als isolierte Gruppen.
So funktionieren „Megaparks“
Man kann sich dies als ein Netzwerk von Nachbarschaften vorstellen. Einige Gebiete sind besonders sicher und reich an Nahrung und Wasser, wodurch Elefantenpopulationen hier wachsen können. Andere Gebiete sind dagegen schwieriger zu bewohnen, z.B. aufgrund schlechterer Lebensbedingungen oder durch den Druck des Menschen, wodurch die Populationen dort ohne Zuwanderung neuer Elefanten zurückgehen würden.
Seit mehreren Jahren setze ich mich für ‚Megaparks für Metapopulationen‘ als Schutzansatz für Afrikanische Elefanten ein. Die Idee hat eine solide ökologische Grundlage und erkennt Konzepte wie Wandel, räumliche Variation und Vernetzung als Grundlage für Managementpläne im Natur- und Artenschutz an. Dies ersetzt die landwirtschaftlich geprägte Denkweise, die das Elefantenmanagement im südlichen Afrika in den 1960er Jahren und in den folgenden 30 Jahren dominierte.
Professor Rudi van Aarde
Können sich Elefanten zwischen diesen Gebieten frei bewegen, können Populationen in stärkeren Regionen diejenigen in schwächeren sozusagen wieder auffüllen. Bei ausreichender Zeit und Gelegenheit können so auch Gebiete, aus denen Elefanten temporär gänzlich verschwunden sind, wieder besiedelt werden. Das Ergebnis ist eine Population, die als Ganzes stabiler und widerstandsfähiger wird.
Im südlichen Afrika haben Forscherinnen und Forscher neun große Elefantenschutzcluster identifiziert, die auf diese Weise funktionieren. Sie decken zusammen über 715.000 Quadratkilometer ab und beherbergen rund 300.000 Elefanten, was ungefähr 90% der Population des Subkontinents darstellt.
Dazu gehören bekannte Schutzgebiete wie der Krüger-Nationalpark, der Chobe-Nationalpark, der Hwange-Nationalpark und der Gonarezhou-Nationalpark.

Warum „Room to Roam“ wichtig ist
Untersuchungen unter Verwendung von Satellitenortung und Langzeit-Bestandsdaten zeigen, dass Elefanten bereits oder nach wie vor zwischen vielen dieser Gebiete hin- und herwandern. Die Populationstrends unterscheiden sich lokal, bleiben jedoch über die gesamte Landschaft hinweg relativ stabil. Dies deutet darauf hin, dass miteinander verbundene Populationen nicht als isolierte Einheiten funktionieren, sondern als ein gemeinsames System, das die Wissenschaft als „Metapopulation“ bezeichnet.
Konnektivität bewirkt jedoch mehr als nur die Stabilisierung der Populationszahlen. Sie verbessert auch die Gesundheit und Widerstandsfähigkeit der Elefantenpopulationen. Die Bewegung zwischen Gruppen verringert Inzucht und trägt zur Erhaltung der genetischen Vielfalt bei, während gleichzeitig lokale Überbevölkerung und die daraus resultierenden Schäden am Lebensraum verhindert werden.
Konnektivität ist mehr als nur das Bewegen von Tieren oder Pflanzen von einem Gebiet in ein anderes. Es geht darum, natürliche Bewegung zu ermöglichen, mit anderen Worten: die Ausbreitung zu fördern. Konnektivität ist eine Priorität für Elefanten und Ökosysteme im Allgemeinen.
Professor Rudi van Aarde
Wenn sich die Bedingungen in einem Gebiet verschlechtern, z.B. aufgrund von Dürre, Feuer oder menschlicher Aktivität, können Elefanten an andere Orte ziehen. Verbessern sich die Bedingungen mit der Zeit wieder, können die Tiere allerdings auch wieder in diese Gebiete zurückkehren. Kurz gesagt: Vernetzte Landschaften ermöglichen es Elefanten, sich an Veränderungen anzupassen, anstatt ihnen schutzlos ausgeliefert zu sein.
Der Erhalt von Verbindungen zwischen Schutzgebieten ist daher unerlässlich, garantiert allein jedoch keinen Erfolg. Elefanten nutzen solche Wege nur, wenn diese relativ frei von Störungen sind, Zugang zu Wasser, Nahrung und Schutz bieten und es den Tieren ermöglichen, sich ohne übermäßiges Risiko zu bewegen. Und selbst dann sind eine kontinuierliche Überwachung und ein aktives Management erforderlich.
Konnektivität schafft also die Möglichkeit eines funktionierenden Systems, führt allerdings nicht automatisch zu einem solchen.
Die menschliche Dimension
Wichtig ist diesbezüglich auch die Beachtung der menschlichen Dimension, da mehr Bewegungsfreiheit für Elefanten zu Konflikten mit der Bevölkerung führen kann und nicht überall sofort positiv aufgenommen wird.
Gemeinden, die in der Nähe von Schutzgebieten leben, tragen oft reale Kosten durch wandernde Wildtiere, u.a. Ernteschäden, Zerstörung von Eigentum, Konkurrenz um Wasser und in einigen Fällen auch Verletzungen oder Todesfälle. Es ist daher durchaus verständlich, dass Vorschläge zur Ausweitung vernetzter Landschaften auf Widerstand stoßen können.
Damit ein auf Vernetzung basierender Natur- und Artenschutz erfolgreich sein kann, müssen lokale Gemeinden greifbare Vorteile erkennen. Dazu können eine gerechte Aufteilung der Einnahmen aus dem Tourismus, Entschädigungen für verursachte Schäden, Beschäftigungsmöglichkeiten und die Unterstützung eines von der Gemeinde geleiteten Managements der natürlichen Ressourcen gehören. Entschiedene Maßnahmen zur Verringerung von Konflikten zwischen Menschen und Elefanten sind unerlässlich. Ohne die Unterstützung der lokalen Bevölkerung ist es unwahrscheinlich, dass selbst gut konzipierte Strategien des Natur- und Artenschutzes Erfolg haben.

Die Grenzen der Vernetzung
Konnektivität spielt in „Megaparks“ eine signifikante Rolle, ist jedoch kein Allheilmittel.
Sie allein kann Probleme wie Wilderei, illegalen Wildtierhandel, schwache Regierungsführung, politische Instabilität oder großflächigen Lebensraumverlust nicht lösen. In manchen Fällen könnte eine solche Vernetzung von Landschaften das Risiko sogar erhöhen, z.B. wenn Elefanten in Gebiete vordringen, in denen diese Bedrohungen besonders gravierend sind. Damit Vernetzung funktioniert, muss die gesamte Landschaft daher ausreichend sicher sein.
… die Erhaltung von Elefantenpopulationen, ob klein oder groß, sollte die Prämisse aller Natur- und Artenschutzmaßnahmen sein. Vernetzung ist die Logik und das oberste Ziel, das vor uns liegt. In Afrika weisen große Schutzgebiete in der Regel große Elefantenpopulationen auf. Diese Populationen sind im Allgemeinen stabil, insbesondere dort, wo sich Elefanten frei ausbreiten können. Vernetzung macht Sinn. Lasst die Elefanten umherstreifen.
Professor Rudi van Aarde
Im südlichen Afrika lebt die weltweit größte noch verbliebene Population von Afrikanischen Elefanten. Das ist kein Zufall. Vielmehr spiegelt dies mehr als ein Jahrhundert Natur- und Artenschutzbemühungen wider, darunter die Ausweitung von Schutzgebieten, Initiativen gegen Wilderei, Wasserversorgung und grenzüberschreitende Zusammenarbeit.
Die Herausforderung besteht nun darin, auf diesem Fundament aufzubauen, indem die Vernetzung zwischen diesen Gebieten gestärkt und ausgebaut wird. In vielen Regionen ist diese Arbeit bereits im Gange.
Ein Wandel im Denken
„Megaparks“ bieten einen Weg, um von isolierten, in sich geschlossenen Reservaten zu einem flexibleren, landschaftsweiten Ansatz überzugehen. Dieser moderne Ansatz unterstützt sowohl die ökologische Widerstandsfähigkeit als auch die Bedürfnisse der Menschen.
Anstatt zu fragen, wie viele Elefanten ein einzelner Park aufnehmen kann, stellen Fachleute aus dem Natur- und Artenschutz mittlerweile eine andere Frage: Wie können Elefanten landschaftsweit so gemanagt werden, dass die Populationen von selbst stabil bleiben?
Das ist ein bedeutender und notwendiger Wandel.
Anmerkung des Autors
Dieser Artikel stützt sich in erster Linie auf die Forschungsergebnisse des verstorbenen Professors Rudi van Aarde und seiner Kollegschaft an der Conservation Ecology Research Unit (CERU) der Universität Pretoria, die in „Let Elephants Roam“ vorgestellt wurden. Der IFAW hat diese Forschungsarbeit unterstützt, die seiner Initiative „Room to Roam“ zugrunde liegt: einer ehrgeizigen, landschaftsweiten Vision für die verbliebenen Afrikanischen Elefanten und die Gemeinden, die sich mit ihnen das Land teilen.
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