WTO-Anhörungen zum EU-Robbenverbot: Kanadas Effekthascherei verpufft

Am deutlichen Sieg des Tierschutzes — genauer gesagt, dass Tierschutz als Bestandteil der öffentlichen Moral anerkannt wurde – wird sich unabhängig vom Ausgang dieses Anhörungsverfahren höchstwahrscheinlich nichts ändern. c. IFAWSeit dem 18. März finden bei der Welthandelsorganisation WTO in Genf Anhörungen zum EU-Handelsverbot für Robbenprodukte statt. Für Schlagzeilen in Kanada hat dabei gesorgt, dass eine “begeisterte” Umweltministerin Leona Aglukkaq die kanadische Delegation anführt. 

Keines der anderen Länder, die bei der WTO Einspruch gegen das Handelsverbot eingelegt haben, ist durch einen Minister vertreten. Aber selbst wenn die Anwesenheit eines Ministers erwartet worden wäre, wäre es doch die Aufgabe der Fischereiministerin – in deren Zuständigkeit die Robbenjagd fällt – oder vielleicht auch des Handelsministers gewesen. Stattdessen wurde die Umweltministerin entsandt, deren Aufgabenbereich herzlich wenig zu tun hat mit der kommerziellen Robbenjagd. Das geschah einzig, um Aufmerksamkeit zu erheischen.

In ihrer Eröffnungserklärung erläuterte Ministerin Aglukkaq, sie und die kanadische Regierung insgesamt würden alle Urteile anfechten, die das Verbot aufrechterhalten. Sie wiederholte die Aussage der Regierung, dass ein EU-Verbot "ungerecht" und Kanadas Robbenjagd "menschlich, nachhaltig und gut reguliert" sei. Aber das steht hier gar nicht zur Debatte.

Die kanadische Delegation zieht eine Show ab. Der Rest der Welt – und das Berufungsgremium – haben dies offenbar größtenteils ignoriert. Die Show findet aber ohnehin in erster Linie für die kanadischen Medien statt. In wenigen Wochen beginnt die Saison für kommerzielle Robbenjagd. Die Quote für Sattelrobben wird voraussichtlich bei 400.000 Tieren liegen. Kanada nutzt deshalb die Gelegenheit, noch einmal unter Beweis zu stellen, dass man sich für diese sterbende Industrie "stark macht". Was das bringt, bleibt abzuwarten.

Anhörungen vor der WTO müssen rechtliche Fragen wie Gesetzesauslegungen zum Thema haben. Es ist dort nicht möglich, bestehende Beweise neu zu prüfen oder neue Aspekte zu untersuchen. Die Frage, welche Rolle die Robbenjagd bei Kanadas Entwicklung spielt und ob die kommerzielle Robbenjagd human erfolgt oder nicht, ist deshalb größtenteils bedeutungslos.

In erster Linie werden sich die Diskussionen voraussichtlich nicht um das Verbot selbst drehen, sondern darum, inwiefern die Ausnahmen akzeptierbar sind. Am deutlichen Sieg des Tierschutzes — genauer gesagt, dass Tierschutz als Bestandteil der öffentlichen Moral anerkannt wurde – wird sich unabhängig vom Ausgang dieses Anhörungsverfahren höchstwahrscheinlich nichts ändern.

Man darf auch nicht außer Acht lassen, dass der europäische Markt vor dem Verbot von 2009 keine fünf Prozent der kanadischen Robbenexporte ausmachte. Europa ist seit 1983 kein wichtiger Markt für Robbenprodukte mehr und das wird sich voraussichtlich auch nicht ändern.

Darüber hinaus ist die Zahl der Robbenfelle, die von Inuit erjagt wurden und nach Europa oder überhaupt ins Ausland gehen, zu vernachlässigen. Wiederholt wurde diese Woche erwähnt, dass Kanada praktisch nichts dafür getan hat, dass Inuit-Robbenjäger besseren Zugang zum EU-Markt bekommen – einen Markt, zu dem sie jetzt nahezu exklusiven Zugang haben, weil Robbenprodukte der Inuit vom Handelsverbot ausgenommen sind. Aber Kanada finanziert weiterhin kommerzielle Robbenjagdaktivitäten an der Ostküste.

Kanada wird argumentieren, die EU habe diesen Markt kaputt gemacht. Doch diese Behauptung wirft einige Fragen auf. Wenn das Handelsverbot der EU so "zerstörerische" Folgen für die Robbenjäger der Inuit hatte, wie kann es dann sein, dass Robbenfelle der Inuit schon in den Jahren vor dem Verbot einen Wert von nur 61.551 Dollar hatten, während die Jagd in Neufundland 11 Millionen Dollar einbrachte.

Warum haben die Inuit nicht genau wie die kommerziellen Robbenjäger von dem "Boomjahr 2006" profitiert, als die Pelzpreise auf ein Rekordhoch von über 100 Dollar pro Pelz kletterten?

Warum haben kommerzielle Robbenjäger in den vergangenen zwei Jahren mehr als 7 Millionen Dollar für diverse Projekte erhalten, während die Robbenjäger der Inuit leer ausgingen?

Wenn der EU-Markt so wichtig ist, warum beschweren sich Handwerker der Nunavut darüber, dass sie nicht ausreichend Robbenfelle für ihre Produkte bekommen können?

Viele Fragen. Hoffentlich bekommen wir auch einige Antworten.

Sheryl Fink

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Experten

Dr. Ralf Sonntag, Länderdirektor Deutschland
Länderdirektor Deutschland
Robbie Marsland, Regionaldirektor Großbritannien
Regionaldirektor Großbritannien
Sheryl Fink, Direktorin Wildtier-Kampagnen, IFAW Kanada
Direktorin Wildtier-Kampagnen, IFAW Kanada
Sonja Van Tichelen, Regionaldirektorin Europäische Union
Regionaldirektorin Europäische Union