Von indischen Weisheiten und Flugzeugkost

Wenn ich reise, habe ich immer ein Buch dabei. Meistens kaufe ich mir eins am Flughafen und suche mir etwas aus, das nicht schwer zu tragen und auch nicht schwer zu lesen ist. Es soll schließlich weder auf den Beinen ungemütlich werden, noch will ich mich schuldig fühlen müssen, wenn ich während der Lektüre einschlafe.

Ich nenne diese Art von Literatur immer „Flugzeugkost“, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Diejenigen, die meine letzten Beiträge verfolgt haben, werden wissen, dass ich vergangene Woche in Bhutan und Indien war, um die Initiativen des Internationalen Tierschutzfonds im Tiger- und Elefantenschutz voranzubringen.

Als ich auf der Reise zum IFAW-Regionalbüro Naher Osten im Indira Gandhi International Airport an der Flughafenbuchhandlung vorbeikam, stoppte ich kurz und warf einen Blick auf die Neuveröffentlichungen in den Regalen. Dabei entdeckte ich ein Buch über das Mogulreich in Indien.

Es schien, als hätte dieser eine Blick ins Bücherregal eine Reihe sehr sonderbarer Zufälle losgetreten, denn als der Kassierer gerade mein Buch eintippte, kam der Verkäufer, der mir das Buch zuerst gegeben hatte, mit einem zweiten Buch angelaufen. Er sagte, dass ich dieses mit dem Kauf des ersten Buchs zum halben Preis haben könne und er denke, dass ich es auf jeden Fall haben müsse.

Ich machte einen kleinen Scherz darüber, dass er mich ja offensichtlich über Indien belehren wollte, kaufte das Buch dann aber doch.

Die vergangenen zwei Tage hatte ich mit unseren Programmleitern und Partnern beim Wildlife Trust of India (WTI) die weltweite Strategie des IFAW diskutiert. Wir hatten in der Gruppe über eine Neuausrichtung unserer Strategie gesprochen, da wir uns mit unseren Kampagnen permanent auf neue Gegebenheiten einstellen müssen. Und weil das oft schlichtweg frustrierend sein kann, habe ich mich im Anschluss an das Meeting auch wieder einmal mehr gefragt, was uns eigentlich genau dazu antreibt, mit unseren Organisationen auf scheinbar aussichtslosem Posten für den Naturschutz zu kämpfen.

Meinen Kollegen Vivek Menon, Leiter des WTI, zog ich damit auf, dass er ständig behauptete, dass „das Leben eine Illusion sei“ und wenn ich doch nur endlich fest in Indien arbeiten würde, würde ich schon verstehen, was das heißt.

Über die Jahre hinweg bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass wir unseren Kampf für die Tiere nicht gewinnen können, indem wir nur trockene Statistiken zitieren. Stattdessen müssen wir zunächst eine moralische Forderung formulieren und die Statistiken eher als Munition statt als Hauptwaffe einsetzen.

All diese Gedanken spukten mir gerade im Kopf herum, als ich mich ins Flugzeug nach Dubai setzte. Ich öffnete das dubiose zweite Buch, das mir zum halben Preis ans Herz gelegt worden war.

Das Buch „Emperors of the Peacock Throne” (die Kaiser des Pfauenthrons) von Abraham Eraly ist ein ziemlich dickes Buch und gehört nicht zu den Werken, die ich mir normalerweise unter dem Dröhnen der Flugzeugmotoren einverleiben würde.

Ich lachte über diesen doppelten Buchkauf genauso wie über die Themenwahl leise in mich hinein und beschloss, dass ich wenigstens das Vorwort lesen würde, anstatt mich meiner normalerweise wesentlich leichteren Flugzeugkost zu widmen.

Auf der ersten Seite des Vorworts von „Emperors of the Peacock Throne“ wird in einem Zitat von Albert Camus behauptet, dass der Mensch die Gesamtheit der Geschichte nicht begreifen kann, „da er selbst inmitten ihrer Gesamtheit lebt“.

Ich fand, dass genau das ja im Grunde auch auf Naturschutzprojekte zutrifft und man es gut mit dem Bild eines Naturschützers vergleichen kann, der „den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht“. Hatten wir nicht genau darüber noch kurz zuvor in unserem Elefanten- und Tiger-Meeting diskutiert?

Auf der nächsten Seite ersetzte ich dann schon automatisch jedes Mal das Wort „Historiker“ durch „Naturschützer“. Mein Fantasietext liest sich dann wie folgt:

„Der Naturschützer ist keineswegs frei von Moral. Gerade seine moralische Stimme verleiht seiner Arbeit ihr einzigartiges Timbre – wenn diese moralische Stimme nicht erhoben wird, wäre das, wie wenn man im Naturschutz genau wie in der Paläobotanik vorginge, nämlich mit kühler Objektivität.“

Sogar der dänische Philosoph aus dem 19. Jahrhundert Kierkegaard mischt sich ein und gibt „seine subjektive Gewissheit in einer Welt voller objektiver Ungewissheiten“ zu.

Während des Landeanflugs war ich dann zu einem Schluss gekommen: Auch wenn wir alle wissenschaftlichen Daten der Welt haben, um zu beweisen, dass Wildtiere durch den illegalen Handel immer stärker bedroht sind, wird uns letztendlich nicht die Wissenschaft den Sieg bescheren. Den Sieg wird uns die „subjektive Gewissheit“ darüber bescheren, dass das sinnlose Töten von wilden Tieren schlicht und einfach falsch ist. Und das ist ganz klar ein moralisches Argument mit einzigartigem Timbre.

Und als ich dann nach der Ankunft in Dubai stapelweise Berichte durchsah, in denen mir jede einzelne Seite förmlich entgegenschrie, dass eine weitere Gruppe Elefanten wegen ihres Elfenbeins grausam getötet oder noch mehr chinesische Tiger wegen ihrer Felle und Knochen gewildert worden waren, hatte ich auch schon wieder ganz schnell mehr Munition zusammen, um die Hauptwaffe, nämlich das subjektive moralische Argument, zu befüllen:

Als intelligente und denkende Tiere müssen die Menschen richtig handeln und das sinnlose Töten der letzten wild lebenden Lebewesen beenden.

Und jetzt verstehe ich auch sehr genau die indische Weisheit „die Augen sehen, doch der Verstand erkennt“.

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Kelvin Alie, Programmdirektor Wildtierhandel
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Peter Pueschel, Direktor Internationale Natur- und Umweltschutzabkommen
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Robert Kless, Leiter Wildtier-Kampagnen, IFAW Deutschland
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Vivek Menon, Regionaldirektor Südasien
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