Geschwindigkeitsbegrenzungen retten Walen das Leben

Geschwindigkeitsbegrenzungen retten Walen das Leben

Ich erinnere mich, wie mein Vater mich als Kind einmal mitnahm, um mir auf dem Gelände seiner Firma die Nester von frisch geschlüpften Kanadagänseküken zu zeigen. Es gab dort keine Gehwege, also liefen wir am Straßenrand im Gras. Die Straßenschilder zeigten 30 km/h als Höchstgeschwindigkeit an. Entweder weil mein Vater mich zur Vorsicht ermahnen wollte oder weil er einfach Lust hatte, eine interessante wissenschaftliche Erkenntnis zum Besten zu geben (er ist schließlich Ingenieur), erklärte er mir, dass Geschwindigkeitsbegrenzungen dazu da sind, um das Todesrisiko zu verringern, falls Menschen von einem vorbeifahrenden Auto erfasst werden.

In der Tat liegt das Risiko, durch die Kollision mit einem Auto zu sterben, bei unter fünf Prozent, wenn ein Auto nur mit 30 km/h fährt. Bei Geschwindigkeiten von 50, 60 oder 80 km/h liegt die Todesrate hingegen bei 40, 80 beziehungsweise fast 100 Prozent. Die Logik ist ganz einfach: Geringe Geschwindigkeiten sind für Fahrer und für Fußgänger sicherer.

Dasselbe gilt für Wale: Wenn Schiffe ihre Geschwindigkeit auf zehn Knoten (circa 18 km/h) oder weniger drosseln, verringert sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Zusammenstoß für einen Wal tödlich endet, um 80 Prozent!

Die US-Wetter- und Ozeanografiebehörde (NOAA) hat die Auswirkungen der aktuell geltenden Geschwindigkeitsbestimmung für Schiffe untersucht. Laut dieser Bestimmung müssen Schiffe mit einer Länge von über 20 Metern ihre Geschwindigkeit in Walverbreitungsgebieten drosseln, wenn sich dort Glattwale aufhalten. Die Untersuchung hat ergeben, dass die Kosten für die Schiffsindustrie minimal sind, der Nutzen für die Glattwale jedoch enorm ist.

Dennoch ist zurzeit ein Antrag im Gespräch, mit dem eine Ausnahmeregelung für US-Schiffsrouten in den Häfen zwischen Jacksonville, Florida und New York City in Kraft treten soll. Die Geschwindigkeitsbegrenzung, die im vergangenen Dezember verlängert wurde, verlangt, dass Schiffe zwischen November und April diesen Häfen langsamer fahren müssen. Denn in diesem Zeitraum wandern dort Glattwale zwischen ihren nördlich gelegenen Nahrungsgründen und den südlichen Fortpflanzungsgebieten. Sollte die geltende Vorschrift aufgeweicht werden, würde dies Walmütter und ihre Kälber in große Gefahr bringen.

Die Antragsteller führen als Argument mangelnde Sicherheit für den Schiffsverkehr an: Wenn Schiffe bei widrigen Seeverhältnissen langsamer fahren müssen, erschwere dies die Navigation. Auch für den IFAW steht die Sicherheit an erster Stelle. Als die Bestimmung im Jahr 2008 in Kraft trat, enthielt sie jedoch bereits eine Ausnahmeregelung – die so genannte "Abweichungsklausel", die genau für diese Fälle gedacht ist.

Es liegt auf der Hand, was getan werden muss, um Schiffszusammenstöße zu vermeiden: Entweder die Fahrrinnen müssen verlegt werden, um Kollisionen zu vermeiden, oder die Schiffe müssen langsamer fahren. Erstere Lösung haben wir bereits erfolgreich an der US-Ostküste umgesetzt. Dank der Verlegung der Fahrrinne und den Geschwindigkeitsbegrenzungen gibt es dort keine Schiffskollisionen mehr mit Glattwalen.

Eine weitere Ausnahmeregelung ist unnötig und würde zudem den Zweck der bestehenden Bestimmung und unsere bisherigen Erfolge zunichte machen.

Genau wie wir wollen auch die Seeleute das Beste für die Wale. Der IFAW und andere Organisationen haben hart dafür gearbeitet, dass sowohl die Seeleute ungehindert ihre Arbeit machen können und gleichzeitig die Wale geschützt werden. Im Jahr 2012 hat der IFAW gemeinsam mit dem Stellwagen Bank National Marine Sanctuary und anderen Partnern eine Wal-Alarm-App entwickelt. Via Tablet oder Smartphone erhalten Seeleute damit Warnmeldungen, wenn sie in ein Gebiet mit Geschwindigkeitsbegrenzung vorstoßen oder an einen Ort kommen, wo vor kurzem Glattwale gesichtet wurden. Dadurch ist es für die Seeleute viel leichter, Geschwindigkeitsbegrenzungen zu erkennen und sich daran zu halten.

Schiffe können Glattwalmütter und ihre Kälber vor unnötigen Verletzungen oder sogar vor dem Tod bewahren, indem sie abbremsen. Wir fordern die US-Wetter- und Ozeanografiebehörde deshalb dazu auf, die Geschwindigkeitsbegrenzung für Schiffe in allen Hafengewässern zum Schutz der Glattwale aufrecht zu erhalten.

April Wobst

Erfahren Sie mehr darüber, wie der IFAW sich für den Schutz der Wale und ihrer Lebensräume einsetzt.

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Experten

Dr. Maria (Masha) N. Vorontsova, Regionaldirektorin Russland und GUS
Regionaldirektorin Russland und GUS
Dr. Ralf Sonntag, Länderdirektor Deutschland
Länderdirektor Deutschland
Isabel McCrea, Regionaldirektorin Ozeanien
Regionaldirektorin Ozeanien
IFAW Japan Representative
Repräsentantin IFAW Japan
Patrick Ramage, Programmdirektor Wale
Programmdirektor Wale