Es gibt keine Tiere "im Überschuss"

Es gibt keine Tiere "im Überschuss"

Eine junge Giraffe namens Marius wurde erschossen, zerteilt und an die Löwen im Zoo von Kopenhagen verfüttert, weil sie als „überschüssig“ galt. Dies ist üblich in den Zoos weltweit. Es ist einer der Gründe, warum der Ansatz des IFAW nicht den Arterhaltungs-programmen entspricht, die auf Zucht in Gefangenschaft basieren.

Zootiere werden aus verschiedenen Gründen zu „Überschusstieren“: zum Beispiel weil die Zoobesucher sich nicht mehr für sie interessieren, weil ihre Haltung schwierig und teuer ist oder weil nicht genug Platz für sie vorhanden ist. (Erst kürzlich wurden im Longleat Safari Park in Wiltshire in Großbritannien sechs Löwen getötet, nachdem die Löwenpopulation durch mehrere Geburten im Zoo zu groß geworden war.).  

Solche Probleme sind für die Zooindustrie spezifisch. Und um eine „Industrie“ handelt es sich hier tatsächlich, denn es wird nicht mehr investiert in etwas, was man nicht mehr haben will oder was kein Geld einbringt. Glücklicherweise können die Tiere oft durch andere Zoos, die über mehr Platz oder finanzielle Mittel verfügen, übernommen werden.

In den letzten Jahrzehnten wurden immer mehr Tiere zu “Überschuss”, weil sie nach jahrelanger Inzucht nicht mehr effektiv für die Zuchtprogramme der Zoos genutzt werden konnten. Giraffe Marius und eine weitere Giraffe in einem dänischen Zoo, die dasselbe Schicksal erwartet (zufällig heißt auch sie Marius), fallen in diese Kategorie.

Leider führen Zuchtprogramme in Zoos häufig zu Inzuchtproblemen. Da heutzutage in der Regel glücklicherweise keine Tiere aus der Natur in diese Zuchten eingebracht werden, sind die Populationen meist sehr klein und ihnen fehlen nach ein paar Generationen neue Gene. Solche Population können dann nicht mehr als gesund bezeichnet werden.

Je intensiver die Inzucht in einer Population war, umso weniger Nachkommen können für die Zucht genutzt werden. Da die Verwalter der Zoos für die Zuchtprogramme verantwortlich sind, stellen sie sicher, dass solche Tiere ausselektiert werden.

Während einer Recherche im Jahr 2003 fielen mir zufällig die geheimen Selektionslisten der europäischen Zoo- und Aquarienvereinigung in die Hände. Es handelte sich um die Listen für 1999 bis 2002 und sie ergaben, dass es zu jedem beliebigen Zeitpunkt während dieses Zeitraumes im Schnitt 7.500 „überschüssige“ Tiere in den Zoos des Verbandes gab, wobei nicht alle davon getötet werden sollten.

Marius musste wegen seiner Gene sterben. Nicht wegen schlechter Gesundheit, nicht wegen seines Verhaltens, nicht, weil er sich oder andere gefährdete. Er musste sterben, weil seine Gene ihn als männlich auswiesen und er genetisch zu dicht bei allen anderen Giraffen in Zoos auf der ganzen Welt lag. (Natürlich wurden die Direktoren der beiden dänischen Zoos dafür gerügt, dass sie diese Tötungen so öffentlich und schamlos vornahmen, denn der Zoo von Kopenhagen hatte zur Giraffentötung die Öffentlichkeit und sogar Kinder eingeladen.)

Alternative Unterbringungsmöglichkeiten für die beiden Giraffen, die den dänischen Zoos angeboten worden waren, lehnten diese mit der simplen Begründung ab: Beim Artenschutz zählen nicht Individuen, sondern nur die Gene. Ihre theoretische Argumentation lautet: Nur die Erhaltung der Art ist wichtig. Wenn wir dafür ein paar Giraffen opfern müssen, deren Gene nicht in unser Zuchtprogramm zur Arterhaltung passen, dann ist das eben so.

Ganz anders sieht der Ansatz des IFAW zum Artenschutz aus.

Wir wissen, dass es möglich ist, sich sowohl für die Art als auch für das Individuum einzusetzen. Und in einem Jahrhundert, in dem zweifelsfrei nachgewiesen ist, dass Tiere und besonders auch Giraffen fühlende Lebewesen sind – jedes von ihnen einzigartig und unersetzlich, ist jede andere Vorgehensweise inakzeptabel.

Es ist nichts Schlechtes daran, wenn wir Mitgefühl für wilde Tiere empfinden oder eine Beziehung zu ihnen aufbauen, solange wir ihre natürlichen Bedürfnisse dabei nicht vernachlässigen oder unsere eigenen auf sie übertragen. Wir können positive Beziehungen zu Wildtieren haben, die für beide Seiten bereichernd sind. Es gibt genug Beispiele für erfolgreiche „empathische Annäherungen“ in der wissenschaftlichen Forschung und in Artenschutzprojekten: Jane Goodall, Dianne Fossey, Cynthia Moss, Mark Bekoff haben dies bewiesen, um nur einige zu nennen.  

Der IFAW ist der Ansicht, dass die Natur nicht geschützt werden kann, wenn man sich nur auf die Gene beschränkt. Die Natur besteht aus vernetzten Ökosystemen, die aus miteinander verbundenen Arten bestehen, die wiederum aus miteinander verbundenen Individuen bestehen, die letztlich durch Stimmungen, Verhalten und biologische Bedürfnisse miteinander vernetzt sind.

Man kann die Natur nicht schützen, ohne die Stimmungen, Verhaltensweisen und Bedürfnisse der Individuen zu schützen, aus denen sie besteht. Dies sollte aus Sicht des IFAW in der heutigen Zeit der Grundgedanke beim Artenschutz sein.

Überall auf der Welt benötigen Tiere wie die Giraffe Marius Menschen und Organisationen, die sich für sie einsetzen und ihnen helfen. Nicht nur, weil sie einzigartige Individuen sind, sondern genauso, weil ihre Art sie aus ökologischer und verhaltensbiologischer Sicht braucht. Fortpflanzung ist letztendlich nur ein Teil des Lebens.  

Der IFAW trennt nicht zwischen Artenschutz und Tierschutz. Denn es geht hier um lebende Tiere in real existierenden Ökosystemen und nicht nur um Gene und abstrakte Konzepte.

In der Natur sind Ökosysteme, Arten und Individuen untrennbar miteinander verbunden. Wenn wir Menschen uns als Teil dieses Ganzen verstehen, müssen wir Ökosysteme, Arten und Individuen mit Respekt und Achtsamkeit begegnen.

Jordi Casamitjana

Erfahren Sie mehr über unsere Projekte zum Schutz von Wildtieren.

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Experten

Azzedine Downes, Präsident und CEO
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Beth Allgood, IFAW Länderdirektorin USA
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Cynthia Milburn, Senior-Beraterin Strategieentwicklung
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Dr. Maria (Masha) N. Vorontsova, Regionaldirektorin Russland und GUS
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Erica Martin, Vizepräsidentin Kommunikation & Öffentlichkeitsarbeit
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Faye Cuevas, Esq., Strategische Beraterin und Leiterin tenBoma
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Grace Ge Gabriel, Regionaldirektorin Asien
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Jason Bell, IFAW Vizepräsident für internationale Koordination
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Jeffrey Flocken, Regionaldirektor Nordamerika
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Patrick Ramage, Programmdirektor Meeresschutz
Programmdirektor Meeresschutz
Sonja Van Tichelen, Vizepräsident für internationale Koordination
Vizepräsident für internationale Koordination
Tania McCrea-Steele, Leiterin der Kampagne gegen illegalen Online-Wildtierhandel
Leiterin der Kampagne gegen illegalen Online-Wildtierhandel, IFAW Großbritannien