Elefanten im Tsavo-Nationalpark werden immer häufiger mit Giftpfeilen getötet

Ein Archivbild der Stoßzähne eines Elefanten und des Giftpfeils, mit dem das Tier getötet wurde - beschlagnahmt von Rangern der kenianischen Naturchutzbehörde.

Schaut man sich den derzeitigen Trend bei der Wilderei an, muss man sich das Wildern eines Elefanten vermutlich in etwa so vorstellen:

Der Wilderer spannt langsam die Sehne seines Bogens und zielt mit dem Pfeil auf das Hinterbein des Elefanten – es ist ein gezielter Schuss, damit der Elefant nicht mehr so schnell laufen kann. Der Pfeil schnellt lautlos durch die Luft und trifft sein Ziel kurz über dem Knie. Der majestätische Bulle hält kurz inne und trompetet laut, als der Pfeil ihn trifft. Der Wilderer hat sich das Tier aufgrund seiner großen Stoßzähne ausgesucht. Der Elefant läuft los, verletzt; der Pfeil steckt in seinem Bein und macht ihn langsamer. Der Wilderer ist noch nicht fertig. Er spannt zum zweiten Mal den Bogen und nimmt einen zweiten Pfeil aus dem Köcher. Dieser Pfeil ist anders - seine Spitze ist mit "tödlichem Gift" getränkt. Der Wilderer geht wieder in Position, visiert den Elefanten diesmal höher an und lässt den Pfeil losschnellen. Die tödliche Pfeilspitze bohrt sich durch die dicke Haut in den Bauch des panischen Bullen. Der Bulle bricht nicht sofort zusammen. Möglicherweise läuft er noch ein Stück weiter, wird immer schwächer, da das Atmen schwer fällt, bis das Gift sein Werk getan hat und der Elefant lautlos stirbt, weil sein Herz versagt. Der Wilderer schaut zu und wartet, bis seine Beute verendet ist.

Der Krieg der Wilderer gegen die afrikanischen Elefanten wird nicht ausschließlich mit High-Tech-Maschinengewehren, Satellitenkommunikation und Nachtsichtgeräten geführt. Eine regelrechte Welle der Wilderei mit einer der einfachsten Waffen überhaupt – Pfeil und Bogen – wurde 2016 im Tsavo-Schutzgebiet beobachtet. Der Tsavo-Nationalpark ist mit 16.000 Quadratkilometern Kenias größter Nationalpark, und macht fast die Hälfte der Fläche aller offiziell geschützten Gebiete Kenias aus.

Untersuchungen des IFAW und der kenianischen Naturschutzbehörde Kenya Wildlife Service (KWS) im Rahmen des Projekts tenBoma haben ergeben, dass über 70 Prozent der im vergangenen Jahr in Tsavo gewilderten Elefanten mit Giftpfeilen getötet wurden.

Erstmals überwiegt in dieser Gegend die Wilderei mit Pfeil und Bogen gegenüber der Wilderei mit Feuerwaffen.

Die Giftpfeil-Wilderer werden bei ihren Angriffen außerdem immer skrupelloser. "Satao II" einer der letzten so genannten "Big Tusker" der Welt, ein besonders mächtiger Elefantenbulle mit besonders großen Stoßzähnen, wurde im Januar vermutlich durch einen Giftpfeil getötet. Der Wilderer schaffte es jedoch nicht, Sataos riesige Stoßzähne mitzunehmen, er wurde gestört. So wurden Sataos Stoßzähne vor dem illegalen Elfenbeinmarkt bewahrt.

Das Gift, das verwendet wird, um Elefanten wie Satao II zu töten, ist so alt wie die Menschheit selbst. Bereits Jäger-Sammler-Stämme im östlichen und südlichen Afrika haben ein pflanzliches "Buschgift" verwendet, um kleine Buschtiere als Proteinquelle zu töten. Kommerzielle Wilderernetzwerke in ganz Afrika nutzen diese Methode heute, um im großen Stil Elfebeinhandel zu betreiben. So primitiv das Gift auch scheint, es hat zahlreiche Vorteile gegenüber Feuerwaffen. Es ist günstig zu bekommen und überall verfügbar, man kann es leicht in die Schutzgebiete schmuggeln und der Todessschuss ist lautlos – es gibt keinen Knall, der KWS Ranger alarmieren könnte. Der Wilderer schleicht sich einfach genauso leise wieder aus dem Park, wie er sich hineingeschlichen hat – und hinterlässt keine Spur.

Letztes Jahr führte der KWS in von Wilderern stark genutzten Gegenden im Tsavo-Nationalpark vermehrt Operationen durch, unterstützt von unserem Projekt tenBoma. Dadurch ging die Wilderei um mehr als 40 Prozent zurück. Eine Taktikänderung der Wilderer wie die Umstellung von Gewehren auf Giftpfeile ist ein deutliches Indiz dafür, dass der KWS durch seine Operationen erfolgreich den Druck auf Wilderer erhöht hat. Das ist jedoch erst der Anfang. Wilderernetzwerke passen sich an. Wildhüter müssen eigentlich in der Lage sein, vorherzusagen, wie die Wilderernetzwerke sich anpassen, um den Wilderern voraus zu sein und das grausame Töten zu verhindern.

 

Für jede Komponente des Pfeils kann man eine Beweisspur erstellen, die die Ermittler zu den Verantwortlichen führen könnte.

Genau das passiert bei tenBoma in Zusammenarbeit mit dem KWS und anderen Partnerinstitutionen. Erstmals werden Methoden der Forensik in der Arbeit von Wildhütern angewandt. Für Unwissende sieht ein Pfeil aus wie ein ganz normaler Pfeil, mit Spitze, Schaft und Befiederung. Doch durch eine Kombination aus moderner Forensik und alter "Buschweisheit" kann man für jede Komponente des Pfeils eine Beweisspur erstellen, die die Ermittler zu den Verantwortlichen führen könnte.

Falls dieser Ansatz gelingt, bedeutet das, dass Wilderei mit Giftpfeilen nicht länger ein unmöglich nachzuweisendes Verbrechen ist. Es bedeutet, dass die Täter identifiziert werden und zur Rechenschaft gezogen werden können. Und es bedeutet, dass Elefanten, die für nichts als menschliche Habgier sterben müssen, dieser qualvolle und oft langsame Tod erspart bleibt.

Faye Cuevas

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