China: Aus unsagbarer Grausamkeit geretteter Kragenbär Chu Chu ist friedlich gestorben

Nachdem Grace den Kragenbären Chu Chu, der aus grausamer Gefangenschaft gerettet worden war, zum ersten Mal gesehen hatte, stellte sie ihre berufliche Laufbahn in den Dienst des Tierschutzes.

Chu Chu, der Kragenbär, ist in China friedlich gestorben. Er war vor über 20 Jahren der Grund dafür, dass ich begann, mich für den Tierschutz zu engagieren.

Es fing alles an einem freundlichen, sonnigen Tag im Jahr 1996 an. Ich stand mit meiner Videokamera auf der Aussichtsbrücke in der Bären-Rettungsstation Pan Yu Bear Sanctuary, die der IFAW in der Provinz Guangdong im Süden Chinas eröffnet hatte.

Acht Kragenbären, die man wegen ihrer sichelförmigen Zeichnung auf der Brust auch "Mondbären" nennt, waren aus grausamen Gallenbärenfarmen gerettet und in die Rettungsstation gebracht worden. Es war die erste Einrichtung dieser Art im ganzen Land.

"Tor auf!", rief jemand vom Dach herunter, dann wurden die Ketten angezogen und das Tor des Innengeheges hob sich langsam. Die Kamera lief. Alle Augen waren auf das offene Tor gerichtet, in der Erwartung, dass die Bären der Verlockung des strahlenden Sonnenscheins schnell folgen würden.

Wir warteten. Langsam trat eine dunkle Gestalt durchs Tor hinaus. Es war Chu Chu. Die Retter erkannten den noch recht jungen männlichen Bären an der langen Narbe, die sich fast über seinen ganzen Rücken erstreckte. Das Fell war abgescheuert und brachte die Haut darunter zum Vorschein. Die Narbe war eine Folge davon, dass Chu Chu sich jahrelang an den Metalldrähten gescheuert hatte, die in seinen Käfig hineinragten.

Chu Chu wurde aus einer Gallenbärenfarm gerettet, wo viele Kragenbären in kleine Käfige gepfercht werden. Dieser Mondbär hat viel zu lange Klauen, die in die Pranken einwachsen können, wenn man ihn nicht behandelt. Glücklicherweise ist Chu Chu diesem grausamen Schicksal entgangen.

Um an die Bärengalle zu gelangen, die als Zutat in der Traditionellen Chinesischen Medizin verwendet wird, wurden Bären früher in freier Wildbahn getötet. Seit die Jagd auf wilde Bären in den 80er Jahren verboten wurde, führte man in China Bärenfarmen zur Gewinnung ihrer Galle ein.

Es entstanden im Rekordtempo Hunderte solcher Farmen in ganz China. Tausende in der Wildnis gefangene Bären wurden in winzigen Käfigen gehalten. Um ihren Gallensaft permanent abzapfen zu können, wurden ihnen operativ Katheter in die Gallenblase eingeführt. Manchen Bären wurden Eisenwesten angezogen, damit sie nicht an dem eitrigen, schmerzhaften Loch in ihrem Körper kratzen konnten. Einige Bären verbrachten bis zu 13 Jahre in Käfigen, die so klein waren, dass sie sich kaum bewegen konnten.

Zwar verfügen Bären über kein besonders gutes Sehvermögen, sie haben dafür aber einen sehr feinen Geruchssinn. Die Nase in die Luft gereckt, bewegte Chu Chu sich also langsam auf den Rand des Betonfundaments zu. Er nahm ganz offensichtlich den Geruch der Grapefruits, Äpfel und Bananen wahr, die ein paar Meter vor ihm aufs Gras gestreut worden waren.

Jenseits des Betons war feuchter Boden und frisches Gras. Es gab Obstbäume und Beerensträucher. Chu Chu setzte vorsichtig eine Vorderpranke auf das Gras und wollte seine neue Umgebung untersuchen. Plötzlich zog er seine Pranke ruckartig zurück, als hätte er einen elektrischen Schock bekommen. Dann machte er auf dem Beton ein paar Schritte nach links und rechts. Aber vom Duft der Früchte angezogen, versuchte es Chu Chu noch einmal. Doch wieder machte er einen Rückzieher. Dieser scheinbar so fremdartigen Landschaft konnte er nicht trauen.

Nachdem er sein gesamtes Leben als ausgewachsener Bär in einem Käfig mit Betonboden verbracht hatte, wusste er nicht, wie sich ein natürlicher feuchter Boden und weiches Gras anfühlt. Bis auf das Schnattern der Enten im Teich nebenan war es mucksmäuschenstill. Später am Tag, als Chu Chu endlich den ersten Schritt in die neue Freiheit gewagt hatte, erkundeten er und sieben andere Bären jeden Winkel des Geheges.

Beim Anblick der Bären, wie sie sich auf ihren Hinterbeine reckten, um die mit Honig beschmierten Oberflächen der Baumstümpfe zu erreichen, musste ich lächeln. Wir wollten dadurch ihre Beinmuskeln trainieren.

Gleichzeitig liefen mir aber auch die Tränen herunter. Die Jahre der Folter auf den Bärenfarmen hatten bei den Tieren seelische und körperliche Wunden hinterlassen, die vielleicht nicht mehr zu heilen sein würden. Und dennoch hatten diese Bären noch Glück.

Einer der neun von uns geretteten Bären schaffte es jedoch nicht: Als das Bärenweibchen auf der Farm in den winzigen Käfig gesteckt wurde, war sie noch ein Baby. Der Käfig hemmte ihr Wachstum und sie hatte keine Knochen in der Brust entwickelt. Als das Rettungsteam den Käfig um ihren Körper herum aufschnitt, konnte sie nicht einmal den Kopf aufrecht halten, geschweige denn selbstständig fressen. Sie musste eingeschläfert werden.

Die geretteten Bären können nie wieder in die Wildnis zurückkehren. Sie werden den Rest ihres Lebens in der Rettungsstation verbringen. Aber sie haben dort eine kleine Nachbildung der Welt, die sie einst kannten und liebten. Dennoch leben viele andere Bären noch immer unter den schrecklichen Bedingungen.

In dem Moment als Chu Chu seinen ersten Schritt in die Freiheit machte, hörte ich auf, nur Beobachterin zu sein, sondern ich entschied, mich als Tierschützerin aktiv für Tiere einzusetzen.

Wie ich da stand und den Bären beim Planschen im Wasserbecken, beim Umherrollen im Gras und beim Genießen der frischen Früchte zusah, wurde mir bewusst, dass ich für den IFAW arbeiten will.

Chu Chu spielt im Pan Yu Bear Sanctuary in China mit einem Korb. Auch wenn er nicht in die Wildnis zurückkehren konnte, hatte er ein glückliches Leben in der Bärenstation.

Um Chu Chu auch im Alter bestmögliche Lebensbedingungen zu bieten, wurde er 2005 in die größere Bärenstation in Chengdu in der Provinz Sichuan verlegt, die von der Animals Asia Foundation unterhalten wird. Er erfuhr dort weiterhin die liebevolle Fürsorge der Pfleger und Tierärzte.

Ich hoffe, dass die liebevolle Pflege, die Chu Chu in seiner zweiten Lebenshälfte erfahren hat, die Wunden, die er während der furchtbaren Pein auf der Bärenfarm an Körper und Seele erleiden musste, ein wenig geheilt haben.

Was mich freut, ist die Tatsache, dass die Opposition gegen die grausame Behandlung von Tieren innerhalb Chinas wächst: Bei Abstimmungen wurden schon wiederholte Male Gesetzesentwürfe zur Abschaffung von Bärenfarmen und zur Verabschiedung von Tierschutzgesetzen vorgelegt. Und dank breiter öffentlicher Proteste wurde ein Betreiber von Bärenfarmen daran gehindert, an die Börse zu gehen.  

Ich bin scheinbar nicht die Einzige, dessen Leben Chu Chu, der gutmütige und versöhnliche Mondbär, verändert hat. Das ist sein Vermächtnis. Ruhe in Frieden, Chu Chu, und danke für alles!

Grace Ge Gabriel

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