Ausbau der Via Baltica gefährdet Wölfe

In Sachsen sind Wölfe wieder heimisch. Doch für eine stabile Population sind die wenigen Rudel noch zu klein. Neue Wölfe müssen nachkommen, damit für die Fortpflanzung ein ausreichend großer „Genpool“ vorhanden ist. Ansonsten würden zwangsläufig Probleme der Inzucht auftreten. Die ersten Tiere sind aus Westpolen eingewandert, und es besteht die Hoffnung, dass weitere Tiere aus dem Osten sich ebenfalls in Sachsen oder anderen grenznahen deutschen Bundesländern niederlassen.

In Westpolen, nahe der Grenze zu Deutschland, halten sich derzeit allerdings nur einige einzelne Tiere sowie wenige Rudel auf. Ihr Überleben ist nach wie vor durch Wilderei gefährdet. Die Wölfe in dieser Region haben einen wichtigen Einfluss, inwiefern sich zukünftig ein dauerhafter und sicherer Bestand in Westpolen und Deutschland entwickelt. Damit sich weitere Rudel im Osten Deutschlands etablieren können, müssen neue Wölfe aus Polen nach Deutschland gelangen können. Wichtig hierfür ist, dass die Tiere von ihren traditionellen Verbreitungsgebieten im Osten Polens ungehindert nach Westpolen und dann weiter ins östliche Deutschland gelangen können.

Genau hier liegt nun das Problem. Schon jetzt ist eine solche Wanderung nur eingeschränkt möglich. Neue Bauvorhaben geben Anlass zur größten Sorge. Im Rahmen des so genannten Transeuropäischen Netzes (TEN) wird unter anderem in Polen das Verkehrsprojekt „Via Baltica“ geplant. Eine Autobahn soll von Helsinki nach Warschau verlaufen und dabei direkt durch wertvolle Schutzgebiete, wie durch den Biebrza-Nationalpark im Nordosten des Landes. Ausbauarbeiten an bestehenden Straßenabschnitten, die auf der geplanten Trasse liegen, haben bereits begonnen. So sollen vollendete Tatsachen geschaffen und Vorschläge zu alternativen, naturverträglichen Streckenführungen blockiert werden.

Der Nationalpark ist mit 60.000 Hektar der größte in Polen und Heimat vieler seltener Pflanzen, Insekten, Vögel und Säugetiere, wie Elch, Luchs und Wolf. Der Lebensraum dieser Tiere würde in großem Maßstab zerstört und wichtige Wanderrouten, wie zum Beispiel der Wölfe, zerschneiden.

Dies hätte damit auch massive Auswirkungen auf die Entwicklung und Zukunft eines stabilen Wolfbestandes in Deutschland. Die in Sachsen lebende kleine Gruppe von Wölfen wäre vom Aussterben bedroht.

Der IFAW fordert: Das Projekt "Via Baltica" muss Wanderwege der Wölfe berücksichtigen!

Natur- und Artenschutzorganisationen haben bereits eine alternative Trassenvariante ausgearbeitet. Der Entwurf sieht vor, dass sensible Gebiete umfahren werden und die Strecke um 30 Kilometer verkürzt wird. Zusätzlich ist der Bau von Wildbrücken an geeigneten Stellen vorgesehen. Diese Korridore ermöglichen den Tieren das Überqueren der Straßen. Die Wanderwege der Wölfe in Richtung Westen würden so erhalten bleiben.

Im Herbst 2004 organisierte der IFAW ein Treffen mit verschiedenen Vertretern des EU-Parlamentes und Naturschutzorganisationen in Brüssel, um eine wolfsfreundliche Umsetzung des „Via Baltica“-Projektes zu ermöglichen. Es bedarf noch großer Anstrengungen, um die Gefahren abzuwenden, die durch das Straßenprojekt für Natur und Wölfe bestehen. Der IFAW wird sich an der Projektplanung weiterhin beteiligen, damit Wölfe in Deutschland wieder eine Zukunft haben.