Öl- und Gasförderung im Ochotskischen Meer bedroht Grauwale

Dienstag, Februar 22, 2005
Moskau
Es sind die letzten 100 ihrer Art, des Westpazifischen Grauwals in Ostasien, und sie sind stark gefährdet. Ausgerechnet in ihren Futterplätzen im Ochotskischen Meer macht sich zur Zeit ein gigantisches Industrieprojekt breit: das Öl- und Gasförderungsprojekt „Sachalin 2“ - mit verhängnisvollen Auswirkungen für die sanften Riesen.
Wenn die Pläne für das 12-Milliarden-Dollar-Unternehmen nicht abgeän-dert werden, dürften die letzten Westpazifischen Grauwale bald ausge-löscht sein. 
 
Zu diesem Ergebnis kommt eine wissenschaftliche Studie, die das Konsortium der beteiligten Firmen unter Federführung der Shell selbst in Auftrag gegeben hatte. Besondere Stör- und Gefahrenquellen  sieht das Sachverständigengremium der IUCN (Weltnaturschutz-Union) in dem Bau und Betrieb von Offshore-Plattformen und Pipelines direkt in den Weidegründen der Wale sowie in einem hohen Lärmpegel, starkem Schiffsverkehr und Ölunfällen.
 
Die Experten fordern eine Aufschiebung des Projekts, die weitere Erforschung der Risiken und entsprechende Abänderungen bei Bau und Betrieb. 
 
Der Westpazifische Grauwal galt schon einmal als ausgestorben. Aber seit etwa 1965 wurden einzelne Tiere vor den Küsten Ostasiens gesichtet. Gewissheit über den Fortbestand einer Restpopulation gibt es erst seit 1995, als die wissenschaftliche Beobachtung im Ochotskischen Meer begann, wo sich die Wale jedes Jahr von Juni bis November zur Nahrungsaufnahme aufhalten. Ein Forschungsprogramm über den Rest-bestand hat der Internationale Tierschutz-Fonds (IFAW) mitfinanziert.
 
Beunruhigt sind der IFAW und andere Tier- und Naturschutz-organisationen über die Haltung, die die Shell zeigte, nachdem die Studie dieser Tage vorgelegt worden war: Einerseits verspricht Shell, die Ergebnisse zu beachten, andererseits teilt die Firma mit, dass sie aus Umweltschutzgründen das Projekt nicht hinausziehen werde.
 
Jetzt setzen der IFAW und seine Mitstreiter auch auf die Unterstützung durch die Geldgeber, die hinter dem Projekt stehen.
 
„Wir haben niemals gefordert, das Projekt ‚Sachalin 2’ gänzlich zu stoppen, sondern nur zu modifizieren,“ erklärt Grigorij Tsidulko von IFAW Russland. „Aber es ist nicht akzeptabel, einfach weiterzumachen. Die Wale dürfen nicht ausgelöscht werden.“  
 
Hintergrund: Grauwale gehören zu den Großwalen. Sie werden bis zu 15 Meter lang und 35  Tonnen schwer. Es gibt sie nur in der nördlichen Hemisphäre, hauptsächlich in subarktischen Gewässern. Mit Beginn des Winters ziehen sie nach Süden, wo die Kühe in warmen, flachen Gewässern ihre Kälber zur Welt bringen. Ursprünglich gab es drei – voneinander isoliert existierende - Populationen: die nordatlantisch-europäische, die ostpazifische und die westpazifische. Für die Existenz eines nordatlantischen Bestands gibt es nur historische Beweise - er gilt  seit 1700 als ausgestorben.
 
Die beiden pazifischen Populationen waren lange vom Walfang verschont geblieben, weil ihr geringer Trangehalt wirtschaftlich nicht attraktiv war. Nachdem  den  Walfängern aber die fetteren Arten ausgegangen waren, rückten  auch Grauwale in ihr Blickfeld.
 
Insbesondere als ein Amerikaner die „Winterresidenz“ des Ostpazifischen Grauwals in den Lagunen der mexikanischen Halbinsel Baja California entdeckt hatte: Im flachen Wasser drängten sich die Grauwalmütter mit ihren Kälbern und konnten, so leicht wie keine andere Art zuvor, abgeschlachtet werden. Allein im Jahr 1874 wurden 11000 Tiere getötet.
 
Das brachte in Kürze die ganze Art in Gefahr. Die ostpazifische Population galt  um 1900 als ausgestorben. Als später aber doch noch einzelne Tiere gesichtet wurden, ließ man sie in Ruhe, und 1946 wurden sie unter Schutz gestellt. Heute ist die Population auf etwa 20.000 Tiere angewachsen.
 
Dagegen ist der Westpazifische (auch: Koreanische) Grauwal immer noch in äußerst schlechter Verfassung.

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