Zwei Fotoaufnahmen eines Tigers beweisen seine erfolgreiche Auswilderung

Zwei Fotos, ein Tiger. Aufnahme links vom 11. Februar 2011, Aufnahme rechts - ohne Halsband - vom Dezember 2012 © Manas TRIch glaube, wir müssen hinter den Tiger blicken.

Zunächst muss ich jedoch erzählen, dass es eine beeindruckende Erfahrung ist, einen Tiger in freier Wildbahn zu sehen. Exakt das selbe Tier dann ein Jahr später wiederzusehen, ist noch beeindruckender. Und wenn es sich dabei auch noch um einen Tiger handelt, den unser Team in einer Stadt gerettet und ausgewildert hat, fehlen mir für meine Begeisterung definitiv die Worte. Und es kommt wahrlich nicht oft vor, dass mir die Worte fehlen.

Der Tiger, von dem ich spreche, ist einer der glücklichen, die in einer stark besiedelten Gegend Indiens überlebt haben. Das Bemerkenswerte an diesem Exemplar ist, dass es nicht als lebensbedrohliche Gefahr für Menschen erklärt wurde, obwohl es nach drei Begegnungen mit Menschen zwei Tote gegeben hatte. Noch bemerkenswerter ist die Tatsache, dass es dagegen keinen öffentlichen Protest gab. Die Menschen hätten zweifelsohne erleichtert sein können, dass das Tier nicht mehr frei umherlief, doch es störte sich offenbar keiner daran.

Der Tiger war im März 2010 in einer Stadt namens Geleki im nordöstlichen Bundesstaat Assam aufgetaucht. Keiner wusste, woher er gekommen war. Er blieb über eine Woche. Unterstützt durch ein Team von Mitarbeitern des Internationalen Tierschutz-Fonds und des Wildlife Trust of India (IFAW-WTI) von der Rettungsstation für Wildtiere in Kaziranga fing die Forstbehörde von Assam den Tiger lebendig ein.

Bei solchen Mensch-Tiger-Konflikten in Indien ist das Einfangen in der Regel der Anfang der Geschichte und nicht das Ende.

Bei einer Tigerpopulation im Land, die schätzungsweise aus gerade einmal 2000 verbliebenen Tieren besteht, können wir es uns nicht leisten, Tiere unnötigerweise an die Gefangenschaft zu verlieren. Andererseits können wir es uns natürlich auch nicht leisten, Menschenleben auf's Spiel zu setzen und ein potenziell gefährliches Tier übereilt freilassen. So würde uns der Rückhalt der Bevölkerung für die gesamte Art verloren gehen. Dieses Dilemma kann nur durch eine sehr sorgfältige Abwägung der Optionen nach einer fachmännischen Beurteilung des Verhaltens des Tieres gelöst werden. Zugunsten der besten Lösung müssen manchmal auch unpopuläre Entscheidungen getroffen werden.

Mit diesem Tiger hat es das Schicksal gut gemeint.

Seine angeblichen Angriffe auf Menschen erwiesen sich als Unfälle und die Behörden entschieden, das Tier freizulassen. Als Ort der Freilassung wurde der Manas-Nationalpark im Bezirk Bodoland (Assam) gewählt. Da politische Unruhen in den 80er- und 90ern das Schutzgebiet stark in Mitleidenschaft gezogen hatte, wurde es zum damaligen Zeitpunkt auf der Roten Liste des gefährdeten Welterbes geführt und drohte, den Status als UNESCO-Weltnaturerbe zu verlieren. Es war also das Schicksal unseres Tigers, dazu beizutragen, dass der Manas-Nationalpark künftig wieder an seinen vergangenen Ruhm anknüpfen konnte.

Nachdem wir im Rahmen eines Wiederansiedlungsprojekts ab 2006 verwaiste und per Hand aufgezogene Nashörner, Elefantenkälber sowie seltene Nebelparder und zahlreiche andere Tierarten ausgewildert hatten, war nun ein Tiger mit der Auswilderung an der Reihe. Am 1. April 2010 wurde der Tiger freigelassen und ein Jahr später, im Juni 2011, wurde der Manas-Nationalpark wieder von der Roten Liste des gefährdeten Welterbes genommen.

Eine Auswilderung gilt nur dann als erfolgreich, wenn die freigelassenen Tiere in der Wildnis überleben können.

Es ist uns natürlich aus rein logistischen Gründen nicht möglich, alle 2000 seit 2002 ausgewilderten Tiere zu beobachten, doch einigen Fällen widmen wir dennoch besondere Aufmerksamkeit. Unser Tiger bekam, genau wie andere ausgewilderte Großsäugetiere auch, ein Funkhalsband. Der Signalempfang war angesichts der Größe des Auswilderungsgebiets allerdings sehr schlecht. Bald hatten wir das Tier auf dem 2500 Quadratkilometer großen Gebiet verloren.

Die erste erfreuliche Nachricht erreichte uns im Februar 2011 in Form einer Fotoaufnahme unseres Tigers, die ihn gesund und munter zeigte. Das Foto war von der Kamerafalle einer anderen NGO aufgenommen worden. Er hatte fast ein Jahr problemlos in der Wildnis überlebt! Es war also die richtige Entscheidung gewesen, ihn einzufangen und in Manas auszuwildern.

Nach vielen weiteren geretteten, ausgewilderten und umgesiedelten Tigern, Nashörnern, Elefanten, Gibbons und vielen anderen Tieren hörte ich letzte Woche nach langer Zeit endlich wieder etwas von diesem Tiger. Ich bekam eine aufgeregte E-Mail von unserem regionalen Leiter Dr. Bhaskar Choudhury:

"Es gibt eine neue Kamerafallen-Aufnahme von unserem Tiger...das Halsband ist abgefallen...bekomme bald die GPS-Koordinaten...er hat fast 1095 Tage in der Wildnis überlebt!"

1095 Tage...fast drei Jahre. Lange genug, um sich dort ein Revier aufzubauen! Lange genug, um Nachkommen zu zeugen. Lange genug, dass die Nachkommen vielleicht schon ihr eigenes Revier haben!

Auf den ersten Blick sieht das Überleben eines einzelnen Tieres vielleicht wie ein Tropfen auf den heißen Stein aus. Schaut man jedoch näher hin, hat es wesentlich größere Auswirkungen als man zunächst annimmt. Denken wir nur an seine Nachkommen. Denken wir an den Weg, den dieses Tier für andere Tiger geebnet hat, die sich vielleicht in einer ähnlichen Situation befinden. Denken wir an den Beitrag, den dieses Tier zur Wiederbelebung eines ganzen Gebietes trägt. Für mich und mein Team steht der Tiger für so viel mehr. Wir sehen ihn als Belohnung für unsere Mühen und als Motivation weiterzumachen.

Ich danke allen Förderern, die das ermöglicht haben.

--VM

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Experten

Dr. Maria (Masha) N. Vorontsova, Regionaldirektorin Russland und GUS
Regionaldirektorin Russland und GUS
Gail A'Brunzo, Leiterin IFAW Wildtierschutz
Leiterin Wildtierschutz, IFAW
Grace Ge Gabriel, Regionaldirektorin Asien
Regionaldirektorin Asien
Peter Pueschel, Direktor Internationale Natur- und Umweltschutzabkommen
Direktor Internationale Natur- und Umweltschutzabkommen
Vivek Menon, Regionaldirektor Südasien
Regionaldirektor Südasien