WTO-Anhörung: Kanada und Norwegen gehen gegen EU-Verordnung für Robbenprodukte vor

IFAW-Mitarbeiterin Sheryl Fink macht sich bei der WTO-Anhörung Notizen.Montag, der 18. Februar war der erste Tag der dreitätigen Anhörung bei der Welthandelsorganisation (WTO), bei der Kanada und Norwegen ihre Klage gegen das EU-Gesetz zur Regelung des Imports und Verkaufs von Robbenprodukten vorbringen.

In den Stellungnahmen der kommenden Tage werden voraussichtlich Protektionismus, Irreführung und womöglich sogar „Gehirnwäsche“ heraufbeschworen…doch die drei Experten werden diese Informationen in den nächsten Monaten heranziehen, um eine wichtige Entscheidung über den Tierschutz und seine Rolle im internationalen Handel zu treffen. Sie werden entscheiden, ob das EU-Handelsverbot gegen die WTO-Regeln verstößt, und falls ja, ob die Einschränkung für Robbenprodukte immer noch mit den berechtigten moralischen Bedenken zu rechtfertigen ist, die die EU-Bürger hinsichtlich des Wohlergehens der Robben haben.

Ich selbst beobachte die kanadische Robbenjagd bereits seit 11 Jahren und weiß, dass es mehr als genug Beweise dafür gibt, dass die Jagd nicht auf moralisch vertretbare Weise durchgeführt werden kann. Kanada versuchte schon im Jahr 2009 durch kleine Änderungen der Schutzgesetze für Meeressäuger (Marine Mammal Regulations), das EU-Importverbot zu umgehen – allerdings ohne Erfolg. 

Die Geländebedingungen vor Ort sind zu unberechenbar und der Konkurrenzdruck viel zu groß, als dass standardmäßig humane Tötungsmethoden angewendet werden könnten. Das Jagdgebiet ist zu groß, als dass Behörden die Einhaltung und Durchsetzung von Vorschriften kontrollieren könnten und sogar wenn die Grausamkeiten mit der Kamera festgehalten und an die Behörden übersandt werden, machen Verfahrenshürden eine Strafverfolgung sehr schwierig. 

Worum geht es denn eigentlich letzten Endes bei dieser Anfechtung? 

Es geht nicht darum, einen Industriezweig zu schützen oder die Jobs kanadischer Arbeiter zu retten. Die kommerzielle Robbenjagd ist ein Verlustgeschäft. Carino Inc., der einzige verbliebene Verarbeiter für Robbenprodukte in Neufundland brauchte letztes Jahr ein Rettungspaket in Höhe von 3,6 Mio. kanadischen Dollars, um überhaupt das Geschäft fortführen zu können. Und obwohl erst ein Bruchteil dieser Summe zurückgezahlt wurde, gab es schon Ankündigungen, dass in diesem Jahr vielleicht schon ein neues Rettungspaket benötigt wird.

Laut einem Artikel von Robert Howse, Joanna Langille und Katie Sykes in der kanadischen Zeitung Globe and Mail von vergangener Woche macht sich Kanada die WTO-Bestimmungen sogar selbst zunutze, um die Robbenjagd künstlich am Leben zu halten. Die Nachfrage für Robbenprodukte sinkt kontinuierlich, und seit Verabschiedung des EU-Verbots sind auch Russland und Taiwan nachgezogen und haben Gesetze gegen den Import von Robbenprodukten erlassen.

Es gibt viele Hinweise darauf, dass das Ende der Robbenjagd naht. Der traditionelle „Robbentag“ auf dem Parliament Hill in Ottawa beispielsweise fiel dieses Jahr fast unbemerkt aus. Offenbar hatten die Politiker, die normalerweise publikumswirksam Robbenfleisch verspeisen und für die Kameras Robbenfelle zur Schau tragen, die Veranstaltung abgesagt. Dämmert es der Harper-Regierung womöglich langsam, dass sie das Geld für die sterbende Robbenjagd eigentlich nur zum Fenster hinaus wirft? Die Zeit wird es zeigen.

Momentan scheint Kanada noch entschlossen, Millionen von Dollar für die Anfechtung des EU-Verbots zu vergeuden, wofür die einzige annähernd rationale Erklärung sein kann, dass die Politiker ihre Niederlage nicht eingestehen wollen. Wir senden also folgende Botschaft an die kanadischen Politiker: Sie dürfen ruhig zugeben, dass die Robbenjagd am Ende ist. Schon vor Jahrzehnten war ihre Zeit gekommen. Durch die Robbenjagd wurden früher notwendige Produkte gewonnen, doch diese Zeiten sind lange vorbei. Jetzt ist es Zeit, dem veralteten Industriezweig seinen Platz in den Geschichtsbüchern zuzuweisen.

--SF

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Experten

Dr. Ralf Sonntag, Länderdirektor Deutschland
Länderdirektor Deutschland
Robbie Marsland, Regionaldirektor Großbritannien
Regionaldirektor Großbritannien
Sheryl Fink, Direktorin Wildtier-Kampagnen, IFAW Kanada
Direktorin Wildtier-Kampagnen, IFAW Kanada
Sonja Van Tichelen, Regionaldirektorin Europäische Union
Regionaldirektorin Europäische Union