VIDEO: Spektakuläre Freilassung eines Sibirischen Tigers in Russland

Sehen Sie Cinderellas spektakuläre Freilassung in die Wildnis, vor Ort auf Video aufgezeichnet von IFAW-Mitarbeitern in Russland. 

Ich sollte mich wirklich glücklich schätzen, dass ich bei Cinderellas Auswilderung dabei sein durfte. Cinderella ist ein Sibirischer Tiger. Sie wurde im Winter 2012 zum Waisen und wir zogen sie in der Auswilderungsstation in Alekseyevka in der Nähe von Wladiwostok im Fernen Osten Russlands auf.

Seit Juni 2012 hatte ich so gut wie jeden Tag ein Auge auf Cinderella: Was frisst sie, was mag sie, wie schläft sie...ich beobachtete alle Einzelheiten ihres Lebens. Cinderella liebt es beispielsweise zu baden. Nach einer guten Mahlzeit, einem Schwein vielleicht oder einem Hasen, steigt sie in den Bach, der durch ihr Gehege fließt und legt sich genüsslich ins Wasser.

Als man Cinderella fand, war sie schwach und hatte Erfrierungen. Tigerjunge leiden häufig unter Erfrierungen am Schwanz. Cinderellas Schwanz war auch betroffen, und so mussten ca. fünf bis sieben Zentimeter des Schwanzes amputiert werden. Das ist die berühmte Schwanzspitze, mit der der Tiger immer so charakteristisch wackelt. Wir hatten ein wenig Sorge, dass die Amputation ihre Kommunikation mit anderen Tigern beeinträchtigen könnte, aber in der Regel sollte sie das in der Wildnis nicht behindern.

Neben dem IFAW waren viele andere Organisationen an der Rettung Cinderellas beteiligt: Das Severtsov Institute of Ecology and Evolution der Russischen Akademie der Wissenschaften, der Phoenix Fund, Inspection Tiger und WCS. Vertreter dieser Organisationen waren bei Cinderellas Freilassung dabei.

In ihrer Zeit in der Auswilderungsstation erlernte Cinderella zwei äußerst wichtige Fertigkeiten: Sie lernte zu jagen und Menschen zu vermeiden. Beides ist zwar angeboren, doch während der Rehabilitation konnte sie diese Eigenschaften noch weiterentwickeln. Mittlerweile glänzt Cinderella in beiden Disziplinen. Über den Zeitpunkt von Cinderellas Freilassung entschieden Tigerexperten gemeinsam. Nach langen Gesprächen wurde das Datum für die Freilassung für den 9. Mai festgelegt. Dass es ausgerechnet der Feiertag wurde, an dem Russland seinen Sieg im zweiten Weltkrieg feiert, war reiner Zufall.

Eine ganze Menge Leute kamen am 8. Mai bei der Auswilderungsstation zusammen, mussten jedoch in sicherer Entfernung bleiben, da Cinderella bislang absichtlich so gut wie gar nicht in Kontakt mit Menschen gekommen war. Alle Tiere werden vor der Freilassung medizinisch untersucht. Es wurde ihr außerdem ein Satellitenhalsband angelegt. Dafür musste Cinderella ruhiggestellt werden. Das war gar nicht so einfach: Cinderellas Gehege ist groß, und sie ist ziemlich gut im Verstecken. Sobald sie Menschen hörte und roch, suchte sie sich einen Fleck, an dem sie sich reglos niederlegte. Nur eine Handvoll Leute näherten sich dem Gehege.

Zwei "Schützen" warteten mit ihren Betäubungsgewehren, ein paar Leute verfolgten das Geschehen aus der Entfernung auf dem Video der Überwachungskamera und der Rest von uns wurde gebeten, einen Kilometer vom Zentrum entfernt zu warten, um Cinderella keinen unnötigen Stress zu bereiten. Ungefähr eine halbe Stunde später wurde Cinderella aus dem Gehege getragen, das für ein Jahr ihr Zuhause gewesen war. Unmittelbar danach wurde Blut abgenommen und andere Untersuchungen durchgeführt, auch ihr Schwanz wurde gemessen. Dann wurde ihr ein Satellitenhalsband angelegt.

Von weitem beobachtet sah Cinderella während ihre Aufenthalts in der Auswilderungsstation aus, als wiege sie über 100 Kilo (was ziemlich beeindruckend war), ihr Gewicht zum Zeitpunkt des Transports belief sich tatsächlich auf 94 Kilo. Es stimmt also, dass man im Fernsehen ein paar Kilo schwerer aussieht! Unser Mädchen war also eigentlich recht schlank. Ich konnte nicht widerstehen und musste Cinderellas Fell anfassen, während sie schlief. Ich war überrascht, wie warm sie war und spürte ihre Körperwärme, als ich mit meiner Hand über das Fell strich.

Das Team hievte sie dann in einen Transportkäfig. Die Messungen und Untersuchungen dauerten weniger als eine halbe Stunde. Wir brachen um ca. 13.00 Uhr beim Zentrum auf. Vier Fahrzeuge enthielt Cinderellas Eskorte, eins davon zog ihren Transporter. Während der ersten Stunde der Reise erwachte unsere zukünftige Prinzessin aus dem Schlaf und erholte sich von der Betäubung. Wir beobachteten sie durch die in ihren Käfig gebohrten Luftlöcher. Man hält das Auge vor ein Guckloch und plötzlich schaut ein Tiger einem direkt in die Augen...wie gruselig!

Bei Wladiwostok war das Wetter eher kühl, doch je länger wir fuhren, desto wärmer wurde es und am Ende war es brütend heiß. Wir hielten oft an, um nach Cinderella zu sehen. Es ist ein recht kompliziertes Unterfangen, Wasser in den Transportkäfig zu schütten, also hatten zwei Fünf-Liter-Eisblöcke für ihre Abkühlung hineingelegt. Weil wir fürchteten, dass das nicht genug wäre, duschten wir Cinderella ab, indem wir Wasser durch die Löcher gossen...was hätten wir denn sonst tun können?...Stellen Sie sich vor, sie liegen auf dem Boden und plötzlich regnet es von oben kaltes Wasser auf Sie...und genau das dachte sich Cinderella auch und sie brachte ihre Gedanken laut und deutlich zum Ausdruck. Wir verstanden den Wink. Keine Duschen mehr.

Wir können uns kaum vorstellen, was Cinderella auf dieser Reise durchgemacht haben muss. Es war eine sehr lange und anstrengende Autofahrt. Ein Transport per Hubschrauber wäre allerdings nicht bezahlbar gewesen. Unser Ziel war das Bastak-Naturreservat. Es liegt etwa 1.000 Kilometer von Wladiwostok entfernt, in der Nähe von Birobidschan. Am Abend begann es zu regnen und die Temperatur sank: Das war also unser Empfang, als wir uns dem Ort der Freilassung, dem Bastak-Naturreservat, näherten. Früher lebten in der Gegend Tiger, doch sie wurden alle durch Menschen getötet und jahrelang hatte man keine Tiger mehr dort gesichtet. Seit 2006 wurde dort aber wieder regelmäßig ein männlicher Tiger gesichtet und er taucht auch heute noch auf. Wir haben für Cinderella also große Pläne.

Am 9. Mai um 11.00 Uhr morgens erreichten wir den Ort, an dem wir auf ein riesiges Geländefahrzeug trafen, das eigentlich aussah wie ein Panzer ohne Turm. Kein anderes Fahrzeug könnte dieses Gelände durchqueren. Der Käfig wurde auf den Panzer geladen und auch wir kletterten hinauf. Ich war noch nie in so seinem Ding gefahren! Es ist eine unheimlich starke Maschine, bloß einen Nachteil hat sie: Man muss sich die ganze Zeit ducken, damit man nicht von den Ästen getroffen wird. Einmal vergaß ich es und bekam einen Hieb von einem dicken Ast, das war nicht besonders angenehm.

Schließlich erreichten wir den Ort der Freilassung. Er war bewusst mitten im Reservat gewählt, wo nie jemand hinkommt und sogar Ranger nur selten hingehen. Das heißt, dass die Patrouillen dieses Gebiet umlaufen und nach Spuren von Menschen Ausschau halten. Wenn sie keine finden, gehen sie auch nicht weiter in das Gebiet hinein. Dort brachten wir Cinderella hin.

Der Käfig wurde heruntergenommen und so positioniert, dass Cinderella genug Platz hatte, schnell herauszuspringen und sich zu verstecken. Wir dachten, dass die geradeaus rennen würde, deshalb stellten wir die Kameras seitlich auf. Verständlicherweise fand sich kein Freiwilliger, um den Käfig zu öffnen, also wurde ein kleiner Flaschenzugmechanismus gebaut, um die Käfigtür aus der Entfernung zu öffnen. Menschen und Gegenstände wurden alle sicher im Fahrzeug verstaut, da das Verhalten eines Tiger in so einer Situation unberechenbar ist. Das Seil wurde angezogen, doch die Tür öffnete sich nicht. Der Mechanismus wurde neu eingestellt und alle waren zunehmend nervös, die Zeit verstrich und alle aufgestellten Kameras standen auf Aufnahme und verbrauchten ihre Akkus. Cinderella bekam das natürlich alles mit und war gleichermaßen nervös.

Das Seil wurde erneut angezogen, doch es funktionierte wieder nicht. Das Flaschenzugsystem wurde noch mal neu gemacht. Mittlerweile machten sich unsere Kameraleute ernsthaft Sorgen darum, dass alles in die Hose gehen würde und Cinderella war alles andere als erfreut über den Trubel um ihren Käfig herum. Alle gingen zurück ins Fahrzeug, nahmen ihre Position ein und schließlich ging die Tür auf!

Das Ganze dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde. Wir hörten ein Brüllen, im nächsten Augenblick sah ich Cinderella aus dem Käfig springen und entgegen unseren Erwartungen scharf nach rechts abbiegen, wodurch sie sich unseren Blicken sofort entzog. Ich war von ihrer Geschmeidigkeit und Anmut in diesem Moment völlig hingerissen. Es war einfach überwältigend. Cinderella sprang über eine der Kameras, rannte ein Stück zur Seite, hielt an und schaute zu uns zurück. Ich dachte nur daran, dass das ja das erste Mal war, dass ich einen Tiger in der Wildnis erlebte. Und dass es vielleicht auch das letzte Mal war.

In diesem Moment hatte der Mann, der die schwere Tür aufhielt, vielleicht keine Kraft mehr und sie schloss mit einem lauten Knall. Cinderella erschrak - und verschwand. Das heißt, sie machte noch ein paar Sprünge und löste sich dann zwischen den Bäumen auf. Es ist faszinierend, wie das helle Orange und die schwarzen Streifen einen Tiger in der Taiga unsichtbar machen. Man weiß, dass sie da ist und uns sehen kann, aber wir können sie nicht sehen. Es war ein seltsames Gefühl, einerseits große Freude, weil Cinderella nun frei und zu Hause war und andererseits das Bewusstwerden, dass man ihr am liebsten nie wieder über den Weg laufen würde. Das war's.

Mittlerweile haben schon Satellitendaten, die zeigen, dass sich Cinderella durch's Reservat bewegt. Wir wissen also sicher, dass sie lebt.

Ich möchte noch einmal betonen, dass all das nur durch die vereinten Anstrengungen der Mitarbeiter verschiedener Organisationen möglich gemacht wurde: Das Severtsov Institute of Ecology and Evolution der Russischen Akademie der Wissenschaften, Inspection Tiger, WCS, Phoenix Fund und IFAW. Was aber noch viel wichtiger ist: Ohne Ihre Unterstützung wäre das alles ebenfalls nicht möglich gewesen. Tausend Dank also an alle großzügigen IFAW-Förderer, dass sie Cinderella gerettet haben und die Sibirischen Tiger nun neue Hoffnung auf ihren Erhalt schöpfen können.

--AF

Mehr Informationen über unsere Projekte zum Schutz der Tiger finden Sie hier.

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Experten

Kampagnenberater
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Brian Sharp, Leiter Rettungseinsätze, Einsatzkoordinator für Strandungen
Leiter Rettungseinsätze, Einsatzkoordinator für Strandungen
Dr. Ian Robinson, Vizepräsident für Kampagnen und internationale Angelegenheiten
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Gail A'Brunzo, Leiterin IFAW Wildtierschutz
Leiterin Wildtierschutz, IFAW
Katie Moore, Leiterin Marine Mammal Rescue and Research
Programmdirektorin Tierrettung
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Leiterin des Bereichs Katastrophenhilfe
Vivek Menon, Regionaldirektor Südasien
Regionaldirektor Südasien