Tiger & Co als Medizin und Stärkungsmittel

Auf den Spuren des illegalen Wildtierhandels in Thailand und Myanmar (Burma) –

China Town in Bangkok, Thailand - Ich öffne die Türe zu einem schummrigen Laden, der Produkte der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) anbietet. Ein eigenartiger Geruch steigt mir in die Nase, mein Blick gleitet über die Regale und Schränke, die bis zur Decke reichen.. Hunderte von Glasbehälter und Schachteln mit Wurzeln, Knollen, Holz und Rindenstücke, getrockneten Pflanzenteilen und Pilzen sind zu sehen. Ich entdecke aber auch zahlreiche Tierprodukte. Es ist nur schwer, bei manchen auch gar nicht zu erkennen, von welchem Tier sie stammen. Mit Hilfe einer Übersetzerin, die mich begleitet, komme ich mit dem Ladenbesitzer ins Gespräch. Gerne zeigt er mir eine Auswahl der Tierprodukte, die er im Angebot hat, und erläutert die Wirkungs- und Anwendungsweise: Insektenlarven, getrocknete Seepferdchen, Schlangen und Skorpionen, das Gehörn von einem Hirsch, Teile von Schildkrötenpanzer, der Penis von einem Reh, getrocknete Schlangen und getrocknete Gallenblasen vom Bären und der Kobra. Es sind also auch geschützte Tierarten darunter.

Ich befinde mich auf Spurensuche nach Produkten von Tigern und anderen geschützten und vom Aussterben bedrohten Wildtieren in Südost Asien, genauer gesagt in Thailand. Anlass ist die Produktion einer TV-Reportage für die Serie Planet-E im ZDF mit dem Titel „Nebenwirkung: Ausrottung“, bei der ich als Wildtierexperte eingeladen wurde mitzureisen. Wir wollen vor Ort untersuchen, ob es einen Markt für Wildtierprodukte gibt. Werden Teile oder Produkte von stark gefährdeten Arten wie dem Tiger gehandelt und welche Rolle spielt dabei ihre Verwendung in der Traditionellen Chinesischen Medizin?

Das Gespräch mit dem Apotheker geht weiter. Ich erfahre, dass sein Sortiment zu ca.  80% aus pflanzlichen Zutaten besteht, 20 % sind Tierprodukte. Diese, so die Erläuterung, sind neben Mineralien und Pflanzen ein wichtiger Bestandteil in der TCM. Alle haben eine ganz charakteristische Wirkung und üblicherweise werden in der TCM für ein Rezept viele unterschiedliche Bestandteile mit ähnlicher Wirkung zusammengemischt. Betont wird, dass Bestandteile vom Tiger oder Nashorn besonders wirkungsvoll seien und diese nur schwer oder bedingt durch pflanzliche Wirkstoffe ersetzt werden können.

Wir gehen in eine andere der zahlreichen TCM-Apotheken, die sich in dem chinesischen Viertel von Bangkok angesiedelt haben. Hier frage ich explizit nach Produkten vom Tiger. Sogleich bietet mir der Inhaber „echte Knochen von einem wilden Tiger“ an. Der Preis von umgerechnet wenigen Euro für 100 Gramm lassen mich aber vermuten, dass diese Knochen nicht vom Tiger stammen können. Die Preise für echte Tigerprodukte sind astronomisch, bis zu 8.000 € für ein Tigerfell, 12.000 € für ein Tigerschädel. So wird es sich hier tatsächlich wohl um Knochen vom Schwein oder Hund handeln. 

Die Besuche in weiteren TCM-Apotheken und einem Krankenhaus machen klar, dass die Einstellungen und Aussagen der Ärzte und Apotheker sich zum Teil erheblich unterscheiden. Manche betonen, dass Tigerprodukte nicht mehr verkauft werden dürfen und diese Wirkstoffe in der TCM nun eigentlich fehlen. Andere berichten davon, dass ihnen regelmäßig Tigerprodukte angeboten werden würden, diese aber ablehnen. Der Tiger sei geschützt und die Wirkung durch andere Produkte zu erzielen. Andere Apotheker bieten offen „Tigerprodukte“ an, auch wenn diese dann meist nicht echt sind.

Hier in Bangkok scheint also der illegale Handel mit Produkten von geschützten Tieren vornehmlich verdeckt abzulaufen. Ich weiß aus sicheren Quellen, dass es die Nachfrage nach solchen Artikeln gibt und dass man sie auch bekommt, wenn man die richtigen Kontakte hat und bereit ist, genügend Geld zu bezahlen. Als westlicher, neugieriger Tourist errege ich aber Skepsis und Misstrauen, man lässt sich nicht oder kaum in die Karten schauen.

So beschließen wir, uns auf den Weg in den Norden zu machen, in die Grenzregion von Thailand und Myanmar (Burma). Dort, so hört man, sei der Handel offener und die Produkte auf dem Markt zu finden.

Mit einem Tagesvisum reisen wir in die burmesische Grenzstadt Tachileik. Die Stadt ist nicht allzu groß, die Märkte dort aber umso größer. Sie sind beliebt bei Touristen, insbesondere aus China.

Was ich finde, schockiert mich. Die Vielzahl der angebotenen Tierarten ist erschreckend, darunter auch geschützte Arten. Ich sehe lebende Fische, Kröten, Vögel, Schildkröten, die vornehmlich bei der lokalen Bevölkerung in der Küche Verwendung finden.

Dann stoße ich auf einen kleinen Marktstand, der allerlei Tierprodukte feilbietet. In einem Eimer befindet sich eine stinkende Flüssigkeit, darin Knochen und Hörner der seltenen und streng geschützten Bergziegenart Serau. Die ölige Flüssigkeit wird in Flaschen abgefüllt und soll Muskel und Gelenkschmerzen lindern. Am gleichen Stand werden Zähne vom Tiger angeboten, der Preis lässt vermuten, dass sie tatsächlich echt sind. Ein kleiner Katzenkopf dagegen kostet umgerechnet nur wenige Euro, er stammt somit sicherlich nicht von einem Tiger, wird mir aber als solcher angepriesen. Mein Versuch, diese Produkte zu fotografieren, wird brüsk gestoppt.

Meine Suche geht weiter und ich finde mich in einem Spirituosen-Geschäft wieder. Die Verkäuferin zeigt mir auf Nachfrage stolz eine Flasche Tigerwein, importiert aus China. Zur Herstellung von Tigerwein werden Tigerknochen in Whisky eingelegt. Man glaubt, dass danach die Flüssigkeit eine stärkende und heilende Wirkung hat.

Ein Schmuckladen hat zahlreiche Elfenbeinprodukte in seiner Auslage: Armreifen, Halskette, geschnitzte Figuren. Nach Aussage der Verkäuferin stammt das Elfenbein von burmesischen Elefanten. Derartige Souvenirs sind insbesondere bei chinesischen Touristen sehr beliebt. 

Zurück auf thailändischer Seite finde ich eine TCM-Apotheke. Der Besitzer ist nicht anwesend und das Personal zeigt mir bereitwillig ein Präparat, das neben Kräuterbestandteilen auch Tigerprodukte beinhaltet. Auch Tigerpenis soll im Sortiment sein, das bekomme ich aber nicht zusehen. Gut sichtbar in der Auslage finde ich dagegen eine präparierte Meeresschildkröte, einen Bärenschädel, getrocknete Seepferdchen und ein Haigebiss.

Die traurige Zusammenfassung meiner Reise: Es gibt in Thailand und Südost Asien einen umfangreichen Markt für Wildtierprodukte, auch von geschützten Arten wie Tiger, Elefant, Meeresschildkröte, Kobra und Serau. Insbesondere die Nachfrage aus dem Bereich der TCM und nach Urlaubssouvenirs treibt dieses Geschäft an. Der Handel läuft zu großen Teilen verdeckt, was die Arbeit der örtlichen Artenschutz- und Zollbehörden enorm erschwert.

Nur wenn die Nachfrage nach diesen Produkten gestoppt wird, haben Arten wie der Tiger noch eine Chance. Zudem muss der Lebensraum geschützt und die Maßnahmen gegen Wilderei und Schmuggel verstärkt werden. Bestehende Handelsverbote müssen konsequent eingehalten werden und die Strafen müssen so drastisch sein, dass sie eine echte Abschreckung sind.

Projekte des IFAW in Indien, Russland und China zeigen, dass dies funktionieren kann. Wo die genannten Maßnahmen umgesetzt werden, geht die Wilderei zurück, die Tigerbestände stabilisieren sich. Noch ist es nicht zu spät, die letzten Tiger zu retten.

Lesen Sie hier über eine Auswilderungsstation, dieTigerwaisen eine einzigartige Chance zum Überleben bietet.

Mit der IFAW-Tiger-Patrouille unterwegs in Sibirien - hier der Bericht unseres Kollegen Robert Kless.

-- RK

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Experten

Azzedine Downes, Präsident und CEO
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Céline Sissler-Bienvenu,Direktorin Frankreich und frankophones Afrika
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Dr. Elsayed Ahmed Mohamed, Regionaldirektor Mittlerer Osten
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Dr. Maria (Masha) N. Vorontsova, Regionaldirektorin Russland und GUS
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Grace Ge Gabriel, Regionaldirektorin Asien
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Isabel McCrea, Regionaldirektorin Ozeanien
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Jeffrey Flocken, Regionaldirektor Nordamerika
Regionaldirektor Nordamerika
Kelvin Alie, Programmdirektor Wildtierhandel
Programmdirektor Wildtierhandel
Peter Pueschel, Direktor Internationale Natur- und Umweltschutzabkommen
Direktor Internationale Natur- und Umweltschutzabkommen
Robert Kless, Leiter Wildtier-Kampagnen, IFAW Deutschland
Leiter Wildtier-Kampagnen, IFAW Deutschland
Vivek Menon, Regionaldirektor Südasien
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