Tag zwei der WTO-Anhörung: Kanadische Robbenjagd wird scharf kritisiert – aber nicht von der EU

Die Robbenjagd an der kanadischen Ostküste – und jetzt auch die Robbenjagd der Inuit – werden als grausamste Jagd der Welt dargestellt.

Ich bin in Genf bei der ersten WTO-Anhörung zu Kanadas und Norwegens Klage gegen die EU-Verordnung für Robbenprodukte.

An Tag zwei kam es zum lebhaften Schlagabtausch. Die Delegationen gaben nicht jede einzeln ihr Plädoyer ab. Stattdessen hatten sie die Gelegenheit sich gegenseitig Fragen zu stellen und diese zu erwidern. Sowohl Kanada als auch Norwegen äußerten Kritik an der EU-Handelsverordnung aufgrund ihrer Ausnahmeregelung für die Robbenjagd der Inuit, die Produkte von Robben auf dem europäischen Markt erlaube, die unter Anwendung der erwiesenermaßen grausamsten Tötungsmethoden überhaupt – wie etwa „netting“ – ums Leben kommen. Diese Argumentation war zwar zu erwarten gewesen, Kanada hatte jedoch selten so negative und kritische Äußerungen über die Robbenjagd der Inuit verlauten lassen, besonders weil kanadische Lobbyisten, Politiker und Inuit sich eigentlich seit langem einig waren, dass zwischen der Inuit-Jagd und der kommerziellen Ostküstenjagd keinerlei Unterschied besteht.

Norwegen übte scharfe Kritik an der kanadischen Jagd und behauptete, dass die am Vortag im Video gezeigten Vorfälle (die meisten Aufnahmen seit 2009 durch den Internationalen Tierschutz-Fonds (IFAW) und HSI Kanada aufgenommen) in der norwegischen Jagd ja NIEMALS vorkommen würden und durch das norwegische Gesetz verboten seien. Besonders harsche Kritik wurde am Einsatz des Holzknüppels, an den kleinen schwankenden Booten, an der Erlaubnis, auf Robben im offenen Meer zu schießen und an der „unsinnigen“ Überprüfung des Bewusstseinsverlusts geübt. Auch wenn sie kleiner ist und auf dem Papier sicherlich ein wenig netter aussieht als die Jagd in Kanada, ist es schwierig zu sagen, was genau bei der norwegischen Jagd vor sich geht, da dort überhaupt keine unabhängige Beobachtung durch NGOs stattfindet.

Beim Abendessen fiel die Bemerkung, dass Norwegen mindestens zehn Mal so viel in die Klage stecken muss, wie es überhaupt aus der Jagd herausbekommt – das Gleiche gilt wahrscheinlich für Kanada. Aber ganz abgesehen davon, ob die Entscheidung der Expertengruppe für Kanada positiv ausfällt, wollen die Europäer nun mal keine Robbenprodukte kaufen und die kanadische Robbenindustrie wird nach wie vor staatliche Hilfen benötigen, um zu überleben. Die Einzigen, die durch diese Angelegenheit reich werden, sind die Anwälte für internationales Handelsrecht.

Eins ist sicher – die wenigen noch verbliebenen kanadischen Robbenjäger werden rein gar nichts von dieser Sache haben. Es wird weltweit nur noch mehr Negativschlagzeilen geben, wenn die kanadische Ostküstenjagd – und nun auch die Robbenjagd der Inuit – hier als die grausamsten Jagden überhaupt dargestellt werden.

Kanada hat nun die Gelegenheit, sein Gesicht zu wahren und Millionen Dollar an Steuergeldern einzusparen, wenn es seine WTO-Klage gegen das EU-Handelsverbot fallenlässt. Das gesparte Geld könnte den Robbenjägern im Osten und Norden viel besser zugute kommen. Es sind die kanadischen Steuerzahler, die die Rechnung für diese Klage begleichen müssen. Warum sollten von dem Geld also nicht auch die Kanadier profitieren, sondern die Anwälte?

--SF

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Experten

Dr. Ralf Sonntag, Länderdirektor Deutschland
Länderdirektor Deutschland
Sheryl Fink, Direktorin Wildtier-Kampagnen, IFAW Kanada
Direktorin Wildtier-Kampagnen, IFAW Kanada
Sonja Van Tichelen, Regionaldirektorin Europäische Union
Regionaldirektorin Europäische Union