Namensgebung mit System: Wie 223 Elefantenbabys im Amboseli-Nationalpark zu ihrem Namen kommen

Unsere Neuzugänge brauchen einen Namen.Der Babyboom scheint langsam abzuflauen.

Für die kommenden Monate stehen zwar noch ein paar Geburten an, doch die ab Oktober geborenen Kälber werden nicht mehr zu den „Babyboomern“ gezählt.

Im vergangenen Jahr hat es 223 Geburten gegeben, die bei weitem größte Geburtenwelle seit Beginn der Studie im Jahr 1972.

Einige Familien haben jetzt sehr viele Kälber – die OA-, die PA-, und die GB-Familie jeweils 13 oder 14. Klar kann es nur so viele Babys geben, wie überhaupt Mütter zur Verfügung sind, aber trotzdem: Wenn da plötzlich über 10 kleine Elefanten umhertollen, dann bringt das ganz sicher viel neuen Schwung in eine Familie!

Unsere Herausforderungen der kommenden Monate sind klar: Bei dem großen Gewusel an jungen Elefanten den Überblick bewahren, der Tatsache ins Auge sehen, dass einige der Kleinen nicht überleben werden. Und dann ist da auch noch die Herausforderung der Namensgebung.

Warum ausgerechnet die so schwierig ist, will ich Ihnen erklären.

Als wir 1972 mit der Dokumentation der Elefantenpopulation begannen, hatten wir keine Ahnung davon, dass wir irgendwann mal auf die 58 Familien kommen würden, die wir heute haben.

Cynthia Moss und Harvey Croze fotografierten zunächst alle Tiere und fassten sie zu Familien zusammen, denen jeweils ein Buchstabe aus dem Alphabet zugeordnet wurde – A, B, C und so weiter.

Die schöne Marjorie, geboren 1987, ist eine der Ersten, die von uns einen Namen bekamen.

Jedes Familienmitglied bekam einen Namen, der den Buchstaben der Familie als Anfangsbuchstaben hatte, so hießen die Mitglieder der A-Familie beispielsweise Annabel, Amy, Alison, Agatha, Amelia… Ab der 27. Familie bekamen die Familien jeweils zwei Buchstaben zugewiesen, was dann z.B. AA, AB, BA, BB ergab.

Damals wurden die Namen noch relativ willkürlich gewählt.

 

Manche Elefanten wurden nach Göttern und Göttinnen benannt – Isis, Athene, Dionysos, oder nach Philosophen – Aristoteles, Platon. Andere Namen sind schon etwas bezeichnender, besonders die der bereits von der Herde getrennt lebenden Bullen, wie z.B. Handsome (zu dt.: Hübscher) oder Sleepy (zu dt.: Schlafmütze, weil Cynthia ihn einmal bei einem genüsslichen Nickerchen ertappte).

Manchmal kamen die Namen auch aus Büchern, die das Forschungsteam gerade las; Remedios nach einer Figur des Romans „Hundert Jahre Einsamkeit“, oder Bronowsky nach „Das Juwel in der Krone“.

Als die Population dann immer weiter wuchs, wurden sogar Namensbücher zu Rate gezogen.

Die stehen heute immer noch abgegriffen im Bücherregal des Camps herum.

Ab dem Jahr 1987 änderte Cynthia dann das System der Namensgebung – die Namen wurden von nun an anhand eines jährlich wechselnden Themas ausgewählt.

Dieses System der thematischen Namensgebung erlaubt es uns, über Tiere im gleichen Alter einen besseren Überblick zu behalten. Besonders wichtig ist das für die neuen Teammitglieder, die alle Elefanten ganz neu kennenlernen müssen.

In den letzten zwanzig Jahren sind schon alle möglichen Themen vorgekommen: Plätze, Flüsse, Städte und Berge in Afrika; arabische, indische, norwegische Namen, Massai-Namen, biblische Namen; Pflanzen aus Amboseli; Sterne und Planeten; Musiker, Schauspieler und Schauspielerinnen, Fußballer; Computer, Internet; Süßigkeiten und Getränke.

Jeder Name muss nach wie vor mit dem gleichen Buchstaben beginnen wie der Familiencode, was uns manchmal zu einer ziemlich kreativen Schreibweise zwingt.

Die wunderbare Vronsky – benannt nach einer Figur aus dem Roman Anna Karenina.Die QB-Familie ist immer ein Alptraum. Als wir 2007 das Thema „Süßigkeiten“ hatten, kamen beispielsweise „Qaramel“ und „QitQat“ heraus.

Das Thema und die passenden Namen dazu auszuklamüsern, ist immer ein riesiger Spaß.

Wie Menschen haben auch Elefanten in den ersten Lebensjahren ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko.

Die Elefanten bekommen deshalb erst einen Namen, wenn sie im Alter von vier Jahren die kritische Phase überwunden haben und wir recht sicher sein können, dass sie überleben. 

Wir vergeben auch keinen Namen zweimal; und das nicht nur, weil für eine Langzeitstudie jedes Tier eine individuelle Identität braucht, sondern auch, weil wir sie als Individuen kennengelernt haben.

Es könnte niemals einen zweiten Echo oder eine zweite Barbara geben.

Es erhalten jedoch nicht alle Elefanten ihre Namen von uns.

Seit 1988 betreiben wir auch ein Patenprogramm, bei dem Spender bezahlen können, um einem Elefantenbaby einen Namen zu geben.

Es unterscheidet sich von anderen Patenprogrammen, weil jeder Elefant ausschließlich von diesem einen Spender seinen Namen bekommt und der Name für immer gleich bleibt.

Wie werden diese Elefantenkälber heißen?

Die Spender erhalten Fotos von dem Elefantenbaby, seiner Familie und eine Familiengeschichte. Wenn bei „ihrem“ Elefanten etwas Wichtiges passiert, halten wir die Spender darüber auf dem Laufenden.

Die Regeln für die Namensgebung durch Spender sind ganz einfach; der Anfangsbuchstabe muss zwar mit dem des Familiencodes übereinstimmen, aber ansonsten muss der Name nicht zu einem bestimmten Thema passen.

Oft vergeben die Spender Namen zu Ehren einer für sie wichtigen Person.

Wenn ihr Wunschname bereits belegt ist, ermutigen wir sie, einen anderen Namen zu wählen oder wir finden einen Kompromiss; z.B. haben wir „Ruth II“ und „Charlie GC“, damit wir diese Kälber von den ursprünglich Ruth und Charlie getauften unterscheiden können.

Trotz unseres Spenderprogramms brauchen wir für jedes Jahr ein Thema.

Vielleicht können Sie uns ja bei der Suche helfen und Ihren Themenvorschlag unten im Kommentarbereich hinterlassen?

Es sollte ein Thema sein, das Namen mit allen Buchstaben des Alphabets hergibt.

Die in diesem Jahr geborenen Elefanten bekommen zwar erst im Jahr 2016 ihre Namen, aber es wäre doch toll, jetzt schon zu wissen, welches Thema alle Namen dieser 223 Babys haben werden!

--VF 

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Experten

Céline Sissler-Bienvenu,Direktorin Frankreich und frankophones Afrika
Direktorin Frankreich und frankophones Afrika
Mitglied des IFAW-Elefantenteams
IFAW-Elefantenexpertin
Grace Ge Gabriel, Regionaldirektorin Asien
Regionaldirektorin Asien
James Isiche, Regionaldirektor Ostafrika
Regionaldirektor Ostafrika
Jason Bell, Programmdirektor Elefanten, Regionaldirektor Südliches Afrika
Programmdirektor Elefanten, Regionaldirektor Südafrika
Peter Pueschel, Direktor Internationale Natur- und Umweltschutzabkommen
Direktor Internationale Natur- und Umweltschutzabkommen
Vivek Menon, Regionaldirektor Südasien
Regionaldirektor Südasien