Interview mit einer ganz besonderen Wildhüterin im indischen Kanha-Nationalpark

Leelabai lebte die letzten 19 Jahre im Wald, ihre einzigen Waffen ein Stock und viel Mut.Von der Forstverwaltung angestellte Wildhüter, die die Tiger in den zentralindischen Reservaten vor Wilderern schützen, arbeiten unter lebensgefährlichen Bedingungen. In der Regel sind sie schlecht bezahlt, schlecht ausgerüstet, schlecht ausgebildet und unversichert..

Gemeinsam mit seiner Partnerorganisation Wildlife Trust of India (WTI) veranstaltet der Internationale Tierschutz-Fonds Schulungen und finanziert Ausrüstung und Versicherungen für diese Wildhüter und unterstützt die zuständigen Vollzugsbehörden beim Ausbau ihres Know-hows in Sachen Ermittlungsmethoden, Kriminalitätsprävention, Einsatzkoordination, Strafverfolgung sowie im Kampf gegen die Wilderei.

Das folgende Interview von Jose Louies, Regionaler Leiter des WTI Südindien mit Leelabai, einer Wildhüterin im Kanha-Nationalpark in Madhya Pradesh zeigt den Mut und das Engagement, mit denen viele dieser Wildhüter ihre Arbeit verrichten. - James Kinney

Begegnung mit Leelabai - Wildhüterin in Kanha

Kanha, 19. März 2013:

"Ich war auf dem Weg zurück ins Camp, als ein Tiger beschloss, den gleichen Weg zu nehmen wie ich. Er sah mir direkt in die Augen und bewegte sich langsam in meine Richtung. Selbstverständlich war mir beim Anblick dieses 120 Kilo schweren Raubtiers, das da schnurstracks auf uns zuging, etwas mulmig zumute. Ein leises Bhagwan bharose (so wahr mir Gott helfe) in mich hineinmurmelnd ging ich festen Schrittes weiter und versuchte, keine Angst zu zeigen. Der Tiger kam näher...und dann verschwand er plötzlich im Gebüsch", erinnerte sich Leelabai. Mit einem Lächeln, das wahrscheinlich meinem verblüfften Gesichtsausdruck galt, sagte sie: "Der Tiger muss die Uniform bemerkt haben und hat begriffen, dass es bloß der malik (Besitzer) ist, der einen Spaziergang macht."

Leelabai ist keine gefeierte Wildtierexpertin oder -Fotografin. Sie hat keine wissenschaftlichen Aufsätze veröffentlicht und gehört keiner Naturschutzvereinigung an.

Die letzten 19 Jahre ihres Lebens lebte sie als Wildhüterin im Wald, ihre einzigen Waffen ein Stock und viel Mut.

Wir wären uns höchstwahrscheinlich nie begegnet, hätten wir im Rahmen einer gemeinsamen Initiative des IFAW und des Wildlife Trust of India (WTI) im Kanha-Nationalpark nicht vor kurzem eine Schulung zur Kriminalitätsprävention für Wildhüter durchgeführt.

Regionaler Leiter des WTI Zentralindien Dr. R.P. Mishra mit Leelabai.

Leelabai, die von ihren Kollegen liebevoll amma (Mutter) genannt wird, feiert im kommenden Dezember ihren 60. Geburtstag und tritt damit ihren Ruhestand an.

Die resolute Dame machte die WTI-Kollegen neugierig, und wir wollten alle mehr über ihr Leben als Wildhüterin erfahren - ein bis heute leider weitgehend männerdominierter Beruf.

Wissbegierig wie ich bin, wandte ich mich mit zahlreichen Fragen an sie.

Wie bist du zu deinem Job gekommen?

Ich bekam den Job als Wildhüterin im Jahr 1985, nachdem mein Mann von Wilderern getötet worden war. Ich war allein mit vier Kindern - zwei Jungen und zwei Mädchen. Die Behörde bot mir den Job an, damit ich über die Runden kommen konnte und ich entschied, ihn anzunehmen.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus?

Wir gehen auf Patrouille in den Wald, täglich mindestens um die 10 km. Es gibt kein Tier, dem wir nicht begegnen... seien es Tiger oder Gaure, wir sehen sie alle!

Was denkst du über Tiger?

Oh...was ich denke? (Lacht) Was soll ich denn schon denken, wenn mir ein majestätisches Tier wie der Tiger über den Weg läuft! Er ist schlicht und einfach der Stolz unserer Wälder. Wir befinden uns hier ja schließlich im Reich des Tigers und Menschen aus aller Welt kommen her, um einen Tiger zu sehen! Ja, ich bin sehr stolz auf unsere Tiger.

Warum denkst du sollten wir die Tiger schützen?

Nun ja, es gibt eine Menge wichtiger Gründe und das weißt du sicherlich, aber ehrlich gesagt ist für mich der wichtigste Grund, dass uns der Tiger viele Jobs bringt. Er ist für all die Touristen verantwortlich, die in unsere kleine Stadt kommen, die in den Hotels wohnen, Fahrzeuge mieten und den Park besuchen. Sie bringen einfach mehr Jobs und Dienstleistungen, für die wir bezahlt werden.

(Beeindruckt von der Aufrichtigkeit ihrer Antworten und ihrem nüchternen Tonfall fuhr ich mit meinen Fragen fort, um noch mehr über diese faszinierende Dame zu erfahren)

Aber gibt es abgesehen vom Einkommen noch andere Gründe, den Tiger zu retten?

Der Tiger ist doch das wichtigste Tier des Waldes, oder?

Wenn wir ihn retten, retten wir auch andere Tiere und den gesamten Wald!

Wenn wir wollen, dass auch zukünftige Generationen diese prächtigen Geschöpfe sehen können, dann ist es jetzt an uns, sie zu retten.

Ich hätte gern, dass auch meine Enkel Tiger im Wald sehen können; sie sind der Stolz unserer Nation! Wo sonst kann man denn noch wie hier wilde Tiger sehen? Die ganze Welt kommt in meinen Dschungel, um sie zu sehen!

Hast du je selbst einen Wilderer erwischt?

Was denkst du denn, Kind?

Dass ich all die Jahre Däumchen gedreht habe? Als Wildhüterin war ich bei einigen Beschlagnahmungen und Festnahmen dabei.

Einmal, als ich mit zwei Aushilfswildhütern auf Patrouille war, trafen wir ein Vater-Sohn-Gespann, Kammhuhnjäger, die gerade dabei waren, Fallen auszulegen. Als sie uns sahen, wollten sie wegrennen, doch wir schnappten sie ohne Probleme.

Ich gab dem Kind zwei leichte Klapse und fragte es, warum es sich in solche schmutzigen Geschäfte ziehen lässt und sich dadurch sein Leben verbaut.

Wir gingen zurück, sammelten alle Fallen ein und übergaben sie später unseren Vorgesetzten. Es hat unzählige Vorfälle wie diesen gegeben; ich kann mich nicht an jeden einzelnen erinnern. Das ist ganz normaler Arbeitsalltag.

Was möchtest du der neuen Generation von Wildhütern gerne sagen?

Ich würde einfach sagen, dass ich getan habe was ich konnte und dass es jetzt in ihren Händen liegt, unsere Wälder weiterhin vor Wilderern und Dieben zu schützen. Und dass sie auch den Zauber des Waldes spüren sollen, jeden Tag, wenn sie in den Wald gehen. Denn nur dann können sie diese tiefe und unendliche Liebe zu ihm erfahren.

Hast du Pläne für dein Leben im Ruhestand?

Ich habe mir darüber noch keine Gedanken gemacht. Ich weiß nur, dass ich nach 19 langen Jahren endlich eine Pause machen und Zeit mit meinen Enkeln verbringen werde. Aber ich weiß, dass der Wald mir fehlen wird.

Leelabai und ich unterhielten uns noch weitere 10 bis 15 Minuten...

Sie sagte mir, dass ihr die Schulung wirklich gut gefallen hatte, besonders die Schulungsmethoden.

Sie hatte bei der praktischen Übung dort zum ersten Mal eine Tigerfalle gesehen und war sehr wütend darüber geworden, dass ein Tiger mit so einem simplen Gerät getötet werden kann.

Sie sagte etwas wehmütig, dass sie als Wildhüterin gerne mehr tun würde, aber dass es jetzt an den Jüngeren sei, zu übernehmen.

Leelabai sprach dann über die Themen, die am Vortag in der Schulung behandelt worden waren und darüber, wie am Ende des Tages alle zusammengesessen und diskutiert hatten. Sie versicherte mir lächelnd, dass durch Schulungen Wildhütern viel lernen und ihren Job letztendlich besser erledigen können.

"Ihr solltet wirklich regelmäßig solche Schulungen zur Auffrischung durchführen, da wir nicht so oft Gelegenheit dazu bekommen. Doch es ist gut zu sehen, dass unsere Vorgesetzten sich um unsere Weiterbildung kümmern", fügte Leelabai hinzu.

Nach der letzten Bemerkung stand sie schweigend auf und ging weg, um am Rest der Schulung teilzunehmen. Ich blieb sitzen, in meinem Kopf schwirrten die Eindrücke des vergangenen Gesprächs umher.

Leelabai ist nur eine von Hunderten unbekannter Wildhüter, die unter gefährlichsten Bedingungen unsere Wälder und Wildtiere beschützen und für ihre Verdienste niemals gewürdigt werden. Es ist nicht nur ein Job für sie, sondern sie leben im wahrsten Sinne des Wortes mitten im Urwald und riskieren Tag für Tag ihr Leben.

Es ist kein leichtes Leben, täglich viele Kilometer Patrouille zu laufen, in provisorischen Camps zu leben, das ganze Jahr über dem wechselhaften indischen Wetter ausgesetzt zu sein - und gegen all diese Widrigkeiten für den Schutz unserer Wildtiere zu kämpfen.

Unser heutiges kapitalistisches System wird Leelabai ganz sicher nie mit einer Auszeichnung bedenken, geschweige denn ihr Verdienst als Naturschützerin anerkennen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach wird es ihr ergehen wie schon vielen engagierten Wildhütern vor ihr - sie wird als Nummer in die Verwaltungsakten der Forstbehörde eingehen, in einer kleinen Stadt ein einfaches Leben als Großmutter im Ruhestand führen und all ihr Wissen und ihre Erfahrung für sich behalten.

Menschen, die wegen der Tiger nach Kanha kommen, werden nie erfahren, welche Opfer die Wildhüter tagtäglich für den Schutz von Indiens "Nationaltier" auf sich nehmen.

Ich hoffe, dass auf diesem Weg viele Menschen erfahren, welchen beeindruckenden Beitrag Leelabai in den letzten 20 Jahren zum Schutz der Tiger geleistet.

--JL

Mehr Informationen über unseren Einsatz für den Tiger erfahren Sie hier.

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