IFAW-Gemeindeprojekte in Südafrika: Viel mehr als nur tiermedizinische Betreuung

Cora Bailey, Gründerin des IFAW-Haustierprojekts in den  Townships von Johannesburg (CLAW) auf Stippvisite bei kürzlich geimpften Welpen. © IFAW/B. GasperiniDas Wort „Ubuntu“ bezeichnet eine afrikanische Philosophie und bedeutet so viel wie „Menschlichkeit“. Direkt übersetzt heißt es: „Ich bin, weil ihr seid, und ihr seid, weil ich bin.“

Das kommunale Tierschutzprogramm des Internationalen Tierschutz-Fonds, kurz CLAW (Community Led Animal Welfare), hat sich diese alte afrikanische Philosophie zur Mission gemacht. In der reichsten Provinz Südafrikas bringt es tiermedizinische Betreuung auch zu den Armen und Bedürftigen, für die so eine Unterstützung oft schon eine riesige Hilfe ist.

Es existieren keine Statistiken darüber, wie viele Hunde und Katzen eigentlich in den Gegenden leben, in die die mobilen CLAW-Tierkliniken kommen. Doch wie überall sonst auf der Welt gilt auch hier, dass in jedem Haushalt, egal wie arm dieser auch sein mag, immer noch Platz für ein Haustier ist – Katzen als Rattenbekämpfungsmittel, Hunde als Gefährten oder als Wachtier.

Während der Apartheid wurden in den Townships keine Tierarztpraxen eröffnet. Heutzutage fließen die einzigen Gelder, die der Staat hin und wieder für Tiere bereitstellt, in die gelegentlichen Tollwutimpfkampagnen.

Grundlegende tierärztliche Versorgung gibt es schlicht und einfach nicht.

Und genau hier setzt das CLAW-Programm an.

Es geht dahin, wo sonst keiner hingeht und steht Millionen von Menschen regelmäßig und mit Rat und Tat bei Fragen und Problemen rund um ihre Haustiere zur Seite. CLAW bringt eine tiermedizinische Grundversorgung direkt zu den Leuten und betreibt rund um die Uhr einen Notdienst für kranke und verletzte Tiere – meistens Opfer von Vergiftung oder Autounfällen. In der ständigen CLAW-Klinik kümmert sich ein professionelles Team aus Tierärzten und Mitarbeitern um die Tiere.

In den notleidenden Gegenden, wo CLAW sich engagiert, zerstören Probleme wie Arbeitslosigkeit, Nahrungsknappheit, Krankheiten und der mangelnde Zugang zu flie­ßendem Wasser, Strom oder sanitären Anlagen jeglichen sozialen Zusammenhalt in den Gemeinden. Die zentrale Botschaft von Ubuntu wird häufig ignoriert; so werden allzu oft die Kinder damit beauftragt, die Tiere zu entsorgen, wenn eine Familie sich das Futter oder den Tierarzt nicht leisten kann. Die Kinder wenden dann bisweilen sehr grausame Methoden an, um die ihnen aufgetragene Aufgabe zu erledigen.

Die Durchführung von Kastrationen, einer der zentralen Aufgabenbereiche von CLAW, trägt dazu bei, dass Tiere gesünder sind und für ihre mittellosen Besitzer keine große Last mehr darstellen. Viel seltener finden sie sich dadurch in der Situation wieder, sich ihrer Welpen und Kätzchen entledigen zu müssen.

Das Leiden von Tieren oder Gewalt gegen Tiere beeinflusst Kinder wie Erwachsene sehr nachhaltig. Das emotionale Trauma und die Verletzung der Beziehung zu ihrem Haustier hängen Kindern oft das ganze Leben lang nach. Wenn Kinder bei anderen hingegen Mitgefühl für Tiere beobachten, entwickeln sie sich auch selbst zu empathischeren und selbstbewussteren Erwachsenen. 

In den Gemeinden, in denen CLAW aktiv ist, gibt es so gut wie keine Gewalt gegen Tiere mehr.

CLAW wirkt dort wie sozialer Kitt. Ganz nach dem Motto der CLAW-Gründerin Cora Bailey, „Am Ende jeder Leine befindet sich ein Mensch“, sorgt CLAW dafür, dass nicht nur die Bedürfnisse der Tiere berücksichtigt werden, sondern genauso die ihrer menschlichen Besitzer.

Viele Leute wenden sich im Notfall zuerst einmal an CLAW, weil das Projekt auch dafür bekannt ist, dass es Essenspakete an bedürftige Familien verteilt und Menschen beim Bezug von Sozialleistungen unterstützt. Und dann sind da noch die Aufklärungsprogramme für junge Leute, die an den CLAW-Standorten in allen Schulen durchgeführt werden.

Der langjährige CLAW-Mitarbeiter De Villiers Katywa mit Kindern bei einer „Samstagssitzung“ – ein von CLAW entwickeltes Eingliederungsprojekt für kriminelle Jugendliche als Alternative zum Gefängnis. Die Jugendlichen betätigen sich in zahlreichen Aktivitäten: Hunde ausführen, bürsten oder trainieren, Kochstunden, Handwerken u.a.

Im Jahr 2007 rief CLAW ein Eingliederungsprogramm für Jugendliche ins Leben, die in Gang-Kriminalität verwickelt sind oder aggressives Verhalten an den Tag legen. Aus dem Projekt entwickelte sich schließlich der CLAW-Kids’ Club, ein jeden Samstag stattfindendes Treffen, bei dem sich alles um den artgerechten Umgang mit Tieren dreht und bei dem die Jugendlichen neue Verhaltensweisen erlernen sollen.

Einige Monate nach der Einweihung des Programms hielt das CLAW-Team eine Gruppe Kinder davon ab, einen Hund zu Tode treten, nachdem ein Erwachsener ihnen den Auftrag erteilt hatte „ihn verschwinden zu lassen". Der Hund wurde gerettet und die Kinder dazu verpflichtet, im Kids’ Club zu erscheinen. Bei ihrer ersten Sitzung saßen alle im Kreis und Cora streichelte und tätschelte den Hund, den die Kinder so schwer verletzt hatten. Die Kinder sprachen darüber, was passiert war und warum Menschen und Tiere auf ganz ähnliche Weise Schmerz, Angst und Hunger empfinden können. Am Ende der Sitzung entschuldigte sich jedes Kind bei dem Hund und gab das Versprechen ab, sich gegenüber einem anderen Lebewesen nie wieder so zu verhalten.

Letztes Jahr lieferten ein paar Zwölfjährige einen kleinen Hund namens Sparky bei CLAW ab. Sie  waren kilometerweit gelaufen, um den Hund in Sicherheit zu bringen. Das Herrchen war arbeitslos, seine Familie ging jeden Abend hungrig schlafen und Sparky, der ebenfalls nichts zu fressen hatte, kämpfte um’s Überleben.

Die Jungs, die Sparky gerettet hatten, gehörten zu der Gruppe, die im Jahr 2007 den ungewollten Hund fast umgebracht hätte.

Vor CLAW gab es keinen Ort, wo man kranke oder verletzte Tiere abliefern konnte. Allein die Präsenz des Projekts in einer Gemeinde fördert die Fürsorge der Menschen untereinander. Es ist weithin bekannt als Institution, die viel mehr bietet als nur tiermedizinische Betreuung – sie stärkt den sozialen Zusammenhalt.

CLAW hat in Südafrika und auch anderswo mittlerweile eine große Anhängerschaft aus freiwilligen Helfern und Unterstützern, die das Programm entweder durch ihre Mithilfe oder durch Spenden unterstützen.

CLAW bringt über Tiere die Menschen einander näher. 

Es fördert eine fürsorglichere und solidarischere Gesellschaft, in der Menschen aufeinander aufpassen.

Es ist Ubuntu.

--KNA

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Experten

Alexa Kessler, Projektleiterin für den Bereich Haustiere, IFAW Deutschland
Projektleiterin für den Bereich Haustiere, IFAW Deutschland
Cora Bailey
Director, Community Led Animal Welfare (CLAW)
Cynthia Milburn, Direktorin Tierschutzaufklärung und -bildung
Direktorin Tierschutzaufklärung und -bildung
Dr. Ian Robinson, Vizepräsident für Kampagnen und internationale Angelegenheiten
Vizepräsident für Kampagnen und internationale Angelegenheiten
Gail A'Brunzo, Leiterin IFAW Wildtierschutz
Leiterin Wildtierschutz, IFAW
Hanna Lentz, Programm-Managerin/Campaignerin, IFAW Zentrale USA
Programm-Managerin/Campaignerin, IFAW Zentrale USA
Kate Nattrass Atema, Programmdirektorin Haustiere
Programmdirektorin Haustiere
Nancy Barr, Programmdirektorin Kinder- und Jugendprogramm “Animal Action“
Programmdirektorin Kinder- und Jugendprogramm “Animal Action“
Shannon Walajtys
Leiterin des Bereichs Katastrophenhilfe