Faule Nashorn-Diebe machen weltweit leichte Beute in Museen

Einer meiner letzten Jobs führte mich nach Sanaa, die Hauptstadt des Jemen. Es ist schwer, alle Sinnesreize zu beschreiben, die auf mich hereinprasseln, wenn ich Bab Al-Jemen, das Tor zu Sanaas Altstadt passiere, doch zwei Dinge fallen mir besonders ins Auge.

Das Erste ist der Anblick eines Kamels mit Scheuklappen, das in einen engen Raum gepfercht wie in einem Gefängnis dahin vegetiert. Das Kamel dreht endlose Runden um einen Mühlstein, Stunde für Stunde, Tag für Tag; der Stein ist im Grunde des Kamels einzige Daseinsberechtigung.

Als ich mich dann von diesem ersten Schock erholt habe, stelle ich plötzlich fest, dass man hier überall Dolche oder Jambias, wie sie im Jemen heißen, kaufen kann.

In jedem Laden der engen Gasse sitzen Männer an Ständen und verkaufen diese Dolche mit großem Stolz und todernster Miene. Ende der 80er-Jahre waren die besten Dolchgriffe, die auf dem Markt zu finden waren, aus Nashörnern.

Einen Nashorn-Dolch musste man einfach haben und hatte man etwas Minderwertigeres, konnte man sich nicht mit dem gleichen Stolz brüsten wie der reichere Nachbar.

Unterschätzen Sie nicht, was es im Jemen bedeutete, einen Dolch zu tragen. Alle Jungs träumten schon früh von ihrem ersten Dolch und man trug ihn an einem manchmal sehr auffällig verzierten Gürtel immer bei sich.

In dieser Region, wo es sehr oft zu Konfrontationen kam, gab es sogar einen speziellen Verhaltenskodex dafür, wie man seinen Dolch zu ziehen hatte.

Je wertvoller der Dolch, desto höher das Ansehen des Mannes.

Im Alltag trugen die meisten Leute ihre Nashorn-Dolche nicht; sie waren für besondere Gelegenheiten vorbehalten. Damals konnte ein Nashorn-Dolch 20 000 US-Dollar einbringen. Die heutigen Preise lassen diese Summe wie einen Witz erscheinen.

Man kann sich so lange darüber streiten wie man will, ob der illegale Handel mit Nashorn-Dolchen im Jemen immer noch betrieben wird oder nicht, eine Sache ist glasklar: Die besten Dolche aus Nashorn sind heute bis zu 100 000 US-Dollar wert und befinden sich zumeist in Privathaushalten, wo sie an Söhne und Enkel weitervererbt werden und gelten insgesamt als große Seltenheit.

Als ich vor kurzem über den Markt in Sanaa spazierte, sah ich, dass die Stände vor Dolchen mit Plastikgriffen, billigen Nashorn-Imitaten, nur so überquollen. Als ich fragte, warum das so sei, bekam ich die Antwort, dass echtes Nashorn zu teuer sei und außerdem zu schwer zu finden.

Ich wollte ja gern glauben, dass die Verarbeitung von Nashorn weltweit immer weniger betrieben wird und dass Nashörner weitgehend in Sicherheit sind.

Was soll man dann aber mit der merkwürdigen Nachricht anfangen, dass in Museen weltweit immer wieder das Horn von Nashörnern gestohlen wird?

Zuerst hielt die Polizei es für einen Einzelfall und maß dem keine große Bedeutung bei. Letzten März wurde im Museum für Naturgeschichte im französischen Rouen ein Nashorn-Horn aus einer Ausstellung entwendet. Im Zuge des harten Durchgreifens der EU gegen den Verkauf von antikem Elfenbein wurden dann zwei mutmaßliche Täter aus Polen wegen versuchten Diebstahls eines Nashorn-Horns festgenommen.

Drei Nashorn-Hörner wurden aus einem Museum in Hamburg gestohlen und wir dachten für einen Moment, dass unsere „Think Twice“-Kampagnen-Stücke entwendet waren, aber das war zum Glück nicht der Fall. Andere Länder wie Italien, England und Irland berichten ebenfalls von Fällen gestohlener Hörner aus Ausstellungen.

Was hat das denn nun aber alles zu bedeuten?

Kann es bedeuten, dass der Schutz der Nashörner in freier Wildbahn so gut ist, dass Diebe sich nun leichterer Beute zuwenden müssen?

Das ist zweifelhaft …

Der Jemen ist schließlich nicht der einzige Ort auf der Welt, wo man illegale Nashorn-Hörner findet. Es ist viel wahrscheinlicher, dass die Habgier um sich greift und der illegale Markt für Nashorn-Trophäen so sehr boomt, dass ein paar Diebe auf den fahrenden Zug aufspringen, weil sie sich mit recht wenig Aufwand und ohne überhaupt ein Nashorn jagen oder töten zu müssen, für ihre Beute einen ziemlich guten Preis bekommen.

Beenden wir endlich die Farce, der Handel heizt das Töten von Nashörnern und anderen gefährdeten Wildtieren nur noch mehr an und das Argument, dass der Handel die Wildtiere doch eigentlich schütze, ist schlichtweg Blödsinn.

Beispiel: Ein Trip in den Kazaranga National Park im indischen Assam ist ein gutes Beispiel für einen Ort, wo heute mehr Nashörner leben als früher…

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Experten

Cynthia Milburn, Direktorin Tierschutzaufklärung und -bildung
Direktorin Tierschutzaufklärung und -bildung
Nancy Barr, Programmdirektorin Kinder- und Jugendprogramm “Animal Action“
Programmdirektorin Kinder- und Jugendprogramm “Animal Action“