Fallstudie: Ein chinesischer Steinadler ist so wertvoll wie jeder andere Patient

IFAW-Veterinäre versorgen einen Steinadler, wie sie das in der Pekinger Greifvogelstation (BRRC) in China auch bei allen anderen Vögeln tun.Eine grüne Holzkiste tauchte aus dem Gewimmel aus Menschen, Kameras, Stativen und Mikrophonen auf. Aus der Kiste drang kein Laut.

Es war beängstigend.

Das Steinadlerweibchen erreichte die Pekinger Greifvogelstation des Internationalen Tierschutzfonds heute Nachmittag nach einer vierstündigen Fahrt von Hebei, fünf Tagen in den Räumlichkeiten eines Tierretters und einer langen Zeit in den brutalen Händen eines Wilderers. 

Sie stand dermaßen unter Stress, dass sie keinen Laut von sich gab und sich nicht bewegte. Sie war auch zu erschöpft und geschwächt, um sich zu wehren, als sie Mitarbeiter der BRRC aus der grünen Kiste hoben. 

Aus den von dem Retter übersandten Bildern war ersichtlich, dass sie sich in einem großen Raum befunden hatte, in gerader Sitzposition und wach. Allerdings ließ sie ihre Flügel etwas hängen und sie waren vom Körper abgespreizt. Sie war zu reglos für einen Wildvogel, der sich in einem gekachelten Zimmer im zweiten Stock eines Apartmenthauses befindet. Äußerlich machte sie einen gesunden Eindruck – keine blutenden Wunden, keine größeren Schäden am Gefieder. Aber sie war krank. So krank, dass es nicht zu übersehen war.

Die Erstuntersuchung zeigte, was man diesem prächtigen Adlerkörper angetan hatte. 

Ihre Füße hatte man mit Draht zusammengebunden, die sich in ihr Fleisch einschnitten. Ihre Klauen und Fänge waren durch Zellulitis, Entzündungen und Infektionen angeschwollen.

Zellflüssigkeit drang aus der offenen Haut. Eine massive Prellung der Brust zeugte von einer furchtbaren Verletzung, die eine Woche zurücklag.

Die erschlafften Muskeln ihrer Schwingen waren die Folge davon, dass sie im Gefängnis ihres Peinigers lange an einem Pfahl festgebunden war.

Das linke Handschwingengelenk war steif und schmerzte. 

Die Lungen gaben verdächtige Geräusche von sich.

Eine erste Blutuntersuchung zeigte, dass sie an schwerer Anämie leidet und die Infektion die Anzahl der weißen Blutkörperchen in Höhen getrieben hat, wie wir sie bei Greifvögeln noch nie gesehen haben.

Dieser Vogel war wirklich krank und hatte bereits eine längere Leidensgeschichte hinter sich.

Außerdem sind Steinadler sehr stressanfällig. Stress schwächt das Immunsystem und macht Tiere anfällig für opportunistisch-pathogene Erreger. Bei vielen Greifvögeln ist das ein bestimmter Pilz. Dieser macht sich die Schwäche des Tieres zunutze und befällt das Tier über die Atemwege. Dies kann den Tod bedeuten.

Das Adlerweibchen ist ein ideales Opfer für diese Krankheit, denn es leidet unter langem, schwerem Stress, einer langen, schweren Entzündung, Mangelernährung, Verletzungen und Misshandlungen.

Journalisten fragten uns, ob wir den Steinadler anders behandelten als andere Vögel.

Ich zögerte mit der Antwort, denn ich verstand die Frage nicht. 

Wir lassen allen Patienten dieselbe durchdachte und individuelle Behandlung zukommen, egal, ob es sich um eine kleine Eule, einen gewöhnlichen Turmfalken, einen Geier oder einen Steinadler handelt.

All diese Tiere sind Individuen, die wie alle anderen Lebewesen fühlen, leiden und leben wollen. Dass sie in den Augen der Menschen unterschiedlich viel wert sind, ist für die um ihr Leben kämpfenden Lebewesen ohne Belang; sie wollen nur fliegen, sich vermehren und sich stark und gesund fühlen. 

Deshalb muss die Antwort lauten, nein, in dieser Hinsicht gibt es keinen Unterschied zwischen den Steinadlern und den anderen Greifvögeln, denen wir helfen: sie unterscheiden sich nicht in ihrem Wert.

Die Verletzungen und die Krankheit dieses Adlerweibchens wurden von den Menschen verursacht, die es seiner natürlichen Umgebung entrissen und in Gefangenschaft misshandelten.

So wie diese Adlerdame leiden Tag für Tag Greifvögel aller Art, die zur Station gebracht werden: sie weisen immer wieder die gleichen durch die Gefangenschaft verursachten Verletzungen und Krankheiten auf, die gleiche verheerende Schwäche, die Augen, in denen sich der Kampf um das Überleben widerspiegelt, die bedrückende Reglosigkeit.

Unsere neue Patientin ruht sich jetzt auf ihrer Stange in einem Ruheraum aus.

Sie hat Medikamente bekommen und wurde behandelt, um ihre Schmerzen zu lindern und ihren Körper im Kampf gegen die Krankheiten und die lebensgefährlichen Verletzungen zu unterstützen.

Morgen werden weitere Untersuchungen vorgenommen und die Klauen operiert. Angesichts des Leidenswegs des Tieres und seiner chronischen Krankheiten bleibt die Hoffnung auf Besserung gedämpft. Es wird die Brutzeit verpassen und so die Gelegenheit, wertvolle kleine Jungadler großzuziehen.

Trotzdem gibt es Hoffnung, wenigstens ein bisschen Hoffnung, dass es sich eines Tages wieder in die Lüfte erheben kann. 

--KL

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Kampagnenberater
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Brian Sharp, Leiter Rettungseinsätze, Einsatzkoordinator für Strandungen
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