Blickpunkt Indien: Wenn's ums Fressen geht, ist ein gerettetes Elefantenkalb gar nicht mehr scheu

Da ist wohl jemand hungrig: ein gerettetes Elefantenkalb in freudiger Erwartung der nächsten Flasche.Das Erste, was ich von der kleinen Elefantendame sah, war ihr Rüssel, den sie mir durchs Fenster entgegenstreckte. Ein eher untypisches Verhalten...man könnte meinen, sie vermisst die Wildnis und versucht so viel wie möglich davon von ihrem Quarantäne-Raum im Rettungszentrum für Wildtiere in Assam aus zu erhaschen.

Sie streckte ihre muskulöse, 1,5 Meter lange Nase hinaus und ertastete damit, was sie erreichen konnte - die Fensterbank, die Glasscheibe, das Eisengitter... Manchmal wickelte sie den Rüssel um das Gitter, rieb sich damit die Augen und wartete mit weit aufgesperrtem Maul schon auf die nächste Fütterung.

Unser Tierpfleger Bhadreshwar sorgt dafür, dass es ihr gut geht. Er füttert sie alle zwei Stunden (oder wenn sie nach Fressen ruft) mit zwei großen Flaschen Milch. In ihrer Aufregung verteilt sie die Milch im ganzen Gesicht und im Raum. Bhadreshwar putzt alles sorgfältig nach jeder Fütterung.

"Sie liebt es rauszugehen", erzählt Bhradeshwar. "Sie ist zwar noch etwas zu jung, um bei den anderen Elefantenkälbern zu bleiben, aber wir gewöhnen sie langsam aneinander. Wir gehen tagsüber mit ihr im nahe gelegenen Wald spazieren und lassen sie für ein paar Stunden in einem Freiluftgehege, bevor wir sie wieder in ihren Raum zurückbringen. Sobald sie anfängt, am Gras zu knabbern, können wir sie mit den anderen Kälbern draußen lassen."

Es sind noch vier weitere Elefantenkälber in unserem Zentrum - Jhakhala, Rani, Tora und Dev, die nachts im offenen Gehege und tagsüber im Wald sind.

Sie wurde als zwei Monate altes Kalb gerettet. Mutterseelenallein saß sie auf einer Sandbank im Fluss Brahmaputra in Assam fest. Sie war wahrscheinlich vom Wasser mitgerissen worden, als ihre Herde den Fluss durchquerte und von Anwohnern, die ihre Schreie gehört hatten, gerettet worden.

Am 26. Februar wurde sie in unser Rettungszentrum gebracht. Seither kümmern sich unsere Tierärzte und Pfleger um sie. Falls sie durch ihre Rettung ein Trauma erlitten hat, sind dafür bei ihr keine Anzeichen festzustellen. Auch ihre physischen Leiden, eine Harnwegsinfektion und Dehydrierung, sind mittlerweile kuriert. Sie scheint sich in Bhadreshwars Gesellschaft sehr wohlzufühlen. Ich hingegen scheine ihr ein wenig auf den Geist zu gehen. Ich versuche, ihr so gut wie möglich aus den Augen zu gehen, ertappe mich aber immer wieder dabei, wie ich bei ihrem Raum herumschleiche. Ich kann einfach nicht anders als durch ihr Fenster zu lugen, wenn ihr Rüssel nicht nach mir hinauslugt.

Spätnachmittags schläft sie tief und fest, liegt ausgestreckt auf der rechten Flanke, das Gesicht Richtung Fenster. Das Klicken meiner Kamera weckt sie auf, sie erhebt sich abrupt, kommt aufs Fenster zu und streckt ihren Rüssel aus...so als riefe sie nach Bhadreshwar - Zeit für die nächste Mahlzeit!

Sheren Shrestha

Mehr Informationen über unsere Arbeit für die Rehabilitation und Auswilderung von Tieren in Indien finden Sie hier.

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Experten

Céline Sissler-Bienvenu,Direktorin Frankreich und frankophones Afrika
Direktorin Frankreich und frankophones Afrika
Mitglied des IFAW-Elefantenteams
IFAW-Elefantenexpertin
Grace Ge Gabriel, Regionaldirektorin Asien
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James Isiche, Regionaldirektor Ostafrika
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Jason Bell, Programmdirektor Elefanten, Regionaldirektor Südliches Afrika
Programmdirektor Elefanten, Regionaldirektor Südafrika
Peter Pueschel, Direktor Internationale Natur- und Umweltschutzabkommen
Direktor Internationale Natur- und Umweltschutzabkommen
Vivek Menon, Regionaldirektor Südasien
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