Blickpunkt Amboseli: Studie über die sozialen Beziehungen von Elefanten

Barbara mit ihrer jüngsten Enkelin Betts. Barbaras Entscheidungen erhöhen die Reproduktionsleistung ihrer Familie.

Einige Leser dieses Blogs haben sich in ihren Kommentaren zu meiner offensichtlichen Freude an der Arbeit geäußert. Ich bin froh, dass die Freude so offensichtlich ist. Jeder, der so viel Zeit mit den Amboseli-Elefanten verbringen darf, hätte wie ich daran Freude und würde sich privilegiert fühlen. Auch wenn einige frustrierende Momente auftauchen, gibt es nicht viel, was entspannender ist, als in der Stille eines Nachmittags in Amboseli einer friedlich grasenden Elefantenfamilie zuzusehen.

Ich als Forscherin habe außer dem ersten Privileg, dass ich Zeit mit den Elefanten verbringen darf, natürlich auch noch den zweiten entscheidenden Luxus, dass ich Zugang zum Datensatz für Amboseli habe. Die Amboseli-Studie ist die am längsten laufende Studie über wilde Elefanten aller Zeiten. Seit vier Jahrzehnten sammeln Dr. Cynthia Moss und das restliche Team Informationen über Geburten, Todesfälle, soziale Beziehungen, Genetik und Verhalten. Mit jedem Tag im Feld wird der Datensatz erweitert, ein weiterer Full-Time-Job ist es aber, diese Daten zu pflegen und zu verwerten. Letztendlich ergibt es wenig Sinn, Tausende von Arbeitsstunden und Dollar in das Sammeln von Daten zu investieren, wenn diese dann auf Notebooks oder Computern liegen bleiben und nicht dazu genutzt werden, unser Verständnis von Elefanten, und davon wie man sie und ihre Lebensräume am besten schützt, zu verbessern.

Als ich in Amboseli angefangen habe, war es meine erste Aufgabe, alle Elefanten identifizieren zu lernen und zu verstehen, wie im Projekt Daten erhoben und organisiert werden. Einige Fragen in der vom IFAW mitfinanzierten Studie über Störungen im sozialen Gefüge von Elefanten werden wir mithilfe dieser Daten beantworten können; beispielsweise enthalten sie Informationen darüber, welche Elefanten zusammen Zeit verbringen und über die Geburten und Todesfälle in der Population.

Dann mussten wir entscheiden, welche anderen Daten wir noch benötigen und wie sie erhoben werden sollen. Dank Cynthia und dem restlichen Team wissen wir bereits eine ganze Menge über die Amboseli-Elefanten. Meine Aufgabe war es, mich auf die Verhaltensweisen zu konzentrieren, die die Beziehungen zwischen weiblichen Familienmitgliedern auszeichnen.

Dösende EAs stehen eng zusammen, kurz bevor die Familie gemeinsam aufwacht.

Die Sozialstruktur bei Elefanten folgt einer so genannten „Fission-Fusion“-Organisation (Trennen und Zusammengehen), ähnlich wie beim Menschen. Sie bleiben zeitlebens Mitglied einer einzigen Familie, wobei die Familienmitglieder nicht immer alle am gleichen Ort sind. Das Maß an Nähe zwischen Familienmitgliedern ist von Familie zu Familie unterschiedlich, und auch die Elefantenkühe untereinander pflegen sehr unterschiedlich enge Beziehungen. Die sozialen Beziehungen von Elefanten sind sehr auf einzelne Tiere ausgerichtet.

Weil wir das wussten, entschieden wir, dass wir unsere Datenerhebung irgendwie begrenzen mussten. Interaktionen zwischen Tieren können sehr schnell passieren und wir müssen in der Lage sein, diese mitzuverfolgen und die Position jedes Tiers in der Gruppe zu registrieren. So etwas ist natürlich nicht möglich bei Tieren, die man nicht sehr gut kennt – ich muss von meinem Notizbuch aufschauen können und auf der Stelle wissen, wer wo ist und das Verhalten der Elefanten deuten können. Es ist auch sehr wichtig, dass wir ungefähr vorhersehen können, was die Familie als Nächstes tun wird, um unser Fahrzeug in die entsprechende Position zu bringen (und glauben Sie mir, der Versuch, Elefanten über ihre Hintern zu identifizieren, wird ziemlich schnell witzlos). Der nächste wichtige Schritt war es also, die Elefanten kennenzulernen und ein Gefühl für die Familien zu entwickeln.

Wir wählten 12 Studienfamilien als Basis für unsere detaillierte Datenerhebung aus. Diese Familien erfuhren im Dürrejahr 2009 ganz unterschiedliche Schicksale. Einige überstanden sie recht gut, während andere sehr schwere Schicksalsschläge erlitten. Einige, wie die GB-Familie, haben als Folge der Dürre und ihrer erlittenen Verluste ihre Familienstrukturen bereits radikal umgestellt; andere Familien befinden sich noch im Prozess der Umstellung.

Frühere Untersuchungen in Amboseli haben gezeigt, dass ältere Elefantenkühe besser Gefahren einschätzen und die richtigen Konsequenzen zum Schutz der Familie daraus ziehen können. Bei den Playback-Experimenten, die unsere Kollegen Karen McComb und Graeme Shannon durchgeführt haben, spielten sie Elefanten Löwengebrüll vor, um eine Gefahr für die Familie zu simulieren. Unsere Langzeitdaten zeigen auch, dass Familien mit älteren Matriarchinnen eine höhere Reproduktionsrate pro Kuh haben – das heißt, dass alle Kühe in der Familie früher Kälber gebären und dass diese Kälber eine bessere Überlebenschance haben. Wir glauben, dass der Grund dafür darin liegt, dass ältere Kühe bessere Entscheidungen darüber treffen können, wann und wohin ihre Familie sich innerhalb des Ökosystems bewegt. Das bedeutet, dass jeder in der Familie von der Erfahrung dieser Kühe profitiert. Die höhere Reproduktionsrate ergibt sich daraus, dass alle Kühe in besserer körperlicher Verfassung sind und sich schneller fortpflanzen können. Unterm Strich bedeutet das, dass Populationen mit älteren Kühen gesünder sind.

Was passiert aber, wenn all diese weisen alten Damen sterben? Genau das ist nämlich im Jahr 2009 passiert, als 85% aller über 50jährigen Kühe infolge der schrecklichen Dürre und exzessiven Wilderei in Amboseli starben. Die Hälfte aller Elefantenfamilien verloren ihre Matriarchinnen und einige dieser Familien verloren noch mehr ausgewachsene Kühe.

Obwohl Elefantenfamilien von Matriarchinnen angeführt werden, sind sie nicht autokratisch. Die Entscheidung darüber, bei der Familie zu bleiben oder sie zu verlassen, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab, u.a. von der Verfügbarkeit von Nahrung und von den jeweiligen Elefanten. Jede Kuh kann frei entscheiden, ob sie ihre Familie verlassen und allein weggehen möchte. Das passiert in Amboseli sehr selten, und alleinstehende Kühe sind normalerweise entweder krank oder brünstig, wenn sie sich von ihren Familien trennen und werden von Bullen umworben. Es passiert allerdings recht häufig, dass sich Familien in kleinere Zusammenschlüsse aus Schwestern oder Mutter/Tochter-Paarungen mit den abhängigen Kälbern aufteilen. Das geschieht beispielsweise, wenn Kühe sich darüber uneinig sind, wo oder wie der Tag verbracht werden soll und passiert in bestimmten Familien häufiger als in anderen.

Entscheidungen darüber, wohin die Familie sich bewegt, werden normalerweise gemeinsam gefällt. Eine ruhende Familie gruppiert sich normalerweise um die schlafenden Kälber herum. Ältere Kühe schlafen im Stehen, und lehnen sich oft aneinander an. Das allgemeine Aufwachen beginnt normalerweise bei den jüngeren Erwachsenen, die sich strecken, gähnen und sich langsam aufrappeln. Nach und nach wacht dann der Rest der Familie auf und fängt an, sich im Staub zu wälzen oder ein paar Bissen Grünzeug zu verspeisen. Junge Kälber werden mit einem sanften Stups mit Fuß oder Rüssel geweckt, was zuweilen eine verschlafene Äußerung von Protest hervorrufen kann. Normalerweise bewegt sich eine Kuh auf die Seite der Gruppe, in die Richtung, in die sie ziehen will. Nach und nach kommen andere Kühe dazu und bekunden so ihre Zustimmung. Eine andere Kuh versucht vielleicht die Familie davon zu überzeugen, einen anderen Weg einzuschlagen, indem sie sich in eine andere Richtung bewegt. Uneinigkeit ist oft begleitet von Lautäußerungen, besonders Kontaktrufen. Manchmal setzen Kühe auch zu einer Begrüßungszeremonie an, um ihre Beziehung zu verstärken und Unterstützung für ihre Wahl des Reiseziels zu gewinnen.

Die Matriarchin nimmt an diesem Vorgang normalerweise nicht teil und sehr oft bleibt sie auf Abstand. Die Familie setzt sich nicht in Bewegung, bevor sie bereit ist und einige Matriarchinnen lassen ihre Familien dreißig Minuten oder länger warten. Wenn sie mit der beschlossenen Richtung einverstanden ist, rührt sie sich, ein Zeichen für die Familie, loszugehen; die Matriarchin folgt meistens an letzter Stelle. Allerdings kann der gesamte Verhandlungsprozess der Familie sich als hinfällig erweisen, wenn eine Matriarchin mit der Zielwahl nicht einverstanden ist. Ich sehe mir dieses Ringen um eine Entscheidung immer am allerliebsten an. Manchmal ist das Ergebnis sehr überraschend.

The author taking notes with the FB family.Der Verhandlungsprozess kann im Laufe eines Tages mehrmals stattfinden, immer dann, wenn Familien ihre Beschäftigung wechseln. Die Dauer des Prozesses, wer ihn in Gang setzt, wer reagiert und sein Ausgang geben darüber Aufschluss, wie effizient die Familien die Verhandlung meistern. Wir glauben, dass Familien, deren soziales Gefüge schwer beschädigt wurde, weniger effizient sind, was sich auch auf ihre Reproduktionsleistung niederschlägt: Für die Zeit, die man dafür aufwendet, mit Familienmitgliedern zu diskutieren, geht Zeit für Fressen, Geselligkeit oder Ruhezeit verloren.

Jetzt, wo ich gelernt habe, die Elefanten zu identifizieren, verbringe ich die halbe Zeit bei meinen Studienfamilien und beobachte ihre Verhandlungen. Die restliche Zeit arbeite ich mit den Langzeitdaten. Ich untersuche langfristige Veränderungen der Beziehungen innerhalb der Familien, um zu verstehen, was im Jahr 2008, kurz vor der verheerenden Dürre, passiert ist. Durch die Verknüpfung der langfristigen Veränderungen und der kurzfristigen Folgen verstehen wir nach und nach, wie katastrophal die Dürre im Jahr 2009 wirklich für die Elefanten war, wie sie sich im Vergleich zu anderen Dürreperioden ausgewirkt hat und wie sie sich langfristig auf die Entwicklung der sozialen Beziehungen auswirken wird.

Natürlich lassen sich Daten aus 40 Jahren nicht über Nacht auswerten. Und es wird sicher noch eine Weile dauern, bis ich genug Daten zu den Studienfamilien habe, um eine Analyse zu starten. Doch da Geduld eine Tugend ist (siehe letzter Blog-Post), freue ich mich darauf zu sehen, was passieren wird. Und es ist sicher auch die eine oder andere Überraschung dabei.

--VF

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Experten

Céline Sissler-Bienvenu,Direktorin Frankreich und frankophones Afrika
Direktorin Frankreich und frankophones Afrika
Mitglied des IFAW-Elefantenteams
IFAW-Elefantenexpertin
Grace Ge Gabriel, Regionaldirektorin Asien
Regionaldirektorin Asien
James Isiche, Regionaldirektor Ostafrika
Regionaldirektor Ostafrika
Jason Bell, Programmdirektor Elefanten, Regionaldirektor Südliches Afrika
Programmdirektor Elefanten, Regionaldirektor Südafrika
Peter Pueschel, Direktor Internationale Natur- und Umweltschutzabkommen
Direktor Internationale Natur- und Umweltschutzabkommen
Vivek Menon, Regionaldirektor Südasien
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