Blick nach Indien: Neues Zuhause für heimatlose Gibbons

IFAW-WTI-Tierärzte führen Gesundheitschecks durch. c. IFAW-WTIIch habe zwar bereits in Gefangenschaft lebende Hulock-Gibbons von Ast zu Ast schwingen sehen, doch einer wild lebenden Gibbon-Familie dabei zuzuschauen, wie sie sich durch die Baumkronen hangelt, ist erst recht eine Freude. Ich bin glücklich, dass ich diese Woche in den Genuss dieses Anblicks kam, denn ich sollte die vom Internationalen Tierschutzfonds und Wildlife Trust of India gemeinsam durchgeführte Gibbon-Umsiedlung im Bezirk Roing im Nordosten Indiens dokumentieren.

Die Aktion fand im Rahmen der Rettungsinitiative für eine gefährdete Population von östlichen Hulock-Gibbons statt, deren zerstückelter Lebensraum den 18 Gibbon-Familien keine sichere Bleibe mehr bietet. Das Team für die Umsiedlung kam am frühen Morgen in Dello, einem Dorf in Roing, zusammen. Es war für diesen Tag geplant, zwei der Familien, die in mehreren von menschlichen Siedlungen und Ackerland umzingelten Baumgruppen festsitzen, zu befreien. In Dello hatte es früher einen dichten Baumbestand und dadurch auch eine gesunde Population von östlichen Hulock-Gibbons gegeben. Mittlerweile wurde ihr Lebensraum durch extensives Fällen jedoch so zerstückelt, dass ein Überleben für die Tiere sehr schwierig wird.

Die gemeinsame Initiative des IFAW und des WTI siedelt die Familien nach und nach ins sicherere Mehao um. Zwei der Familien (fünf Tiere) sind in den letzten zwei Monaten bereits von Dello ins Mehao Wildlife Sanctuary in Arunachal Pradesh gebracht worden. Wir waren also mittlerweile beim dritten Rettungseinsatz, bei dem weitere zwei Familien, insgesamt sechs Tiere, umgesiedelt wurden. Diese Operation lief wesentlich reibungsloser ab als die vorigen, da wir schon innerhalb von drei Tagen die zwei Familien eingefangen und in ihrem neuen Lebensraum ausgewildert hatten (beim letzten Einsatz dauerte es allein sechs Tage für nur eine Familie).

Am Morgen des 11. Februar wurde zunächst ein Männchen eingefangen, dann das Weibchen und das Jungtier. Alle Gibbons wurden sediert und gründlich untersucht, bevor sie am nächsten Morgen in Mehao in die Freiheit entlassen wurden.

Für die nächste Fangaktion am Morgen des 12. Februar kletterten fünf Teammitglieder auf den Schlafbaum der Gibbons und versuchten, die Tiere nach unten zu scheuchen. Da sprang das Weibchen mit dem Jungen nach unten, wo es mit Spezialnetzen vom restlichen Team aufgefangen wurde. Das Männchen tat es ihm jedoch nicht gleich, flüchtete sich auf einen hohen trockenen Baum und machte keine Anstalten nach unten zu kommen. Wir warteten den ganzen Nachmittag und gingen davon aus, dass der Hunger das Tier nach unten treiben würde. Es verbrachte jedoch auch die ganze Nacht noch auf dem Baum.

Ein Gibbonbaby trinkt Milch von seiner Mutter. c. IFAW-WTIAm nächsten Morgen wurde erneut ein Teammitglied in Kletterausrüstung am Schlafbaum hochgezogen und versuchte, den Gibbon herunterzuscheuchen. Da machte das Tier einen Satz auf einen kleineren Baum und sprang letztendlich auch ganz nach unten, wo es eingefangen wurde. Die gesamte Familie, das Männchen, das Weibchen und das Jungtier wurden noch am gleichen Tag in Mehao freigelassen.

Es heißt immer, dass Gibbons gemeinsam mit den Großen Menschenaffen, von allen Tieren die nächsten Verwandten der Menschen sind. Genauso fühlte es sich auch an, als ich sah, wie die Tiere die Freude über die Familienzusammenführung zum Ausdruck brachten. Vor ihrer Freilassung saßen die Gibbons ängstlich in ihrer Box, doch sobald sie draußen waren, vereinten sie sich und umarmten sich gegenseitig, obwohl sie nur für ca. 24 Stunden voneinander getrennt gewesen waren. Sie hangelten sich anmutig durch die Äste und verschwanden. Es war ein gutes Gefühl zu wissen, dass die Familie nun an einem sicheren Ort war.

In der Wildnis zu arbeiten beschert uns immer wieder sehr aufregende Momente und einige berühren uns eben mehr als andere. Ich war von einem bestimmten Moment wirklich sehr gerührt und konnte ihn sogar mit der Kamera einfangen. Als ich meine Fotos durchging, fiel mir ein Bild besonders auf. Es zeigte das Gibbonbaby wie es an der Brust seiner Mutter saugte. Als die Tierärzte bei dem Weibchen einen Gesundheitscheck durchführten, wollte sie ihr Kleines nicht loslassen. Für einige Minuten hielt sie es an ihrer Brust fest, hätschelte, streichelte und säugte es, bevor das Beruhigungsmittel anfing zu wirken. Ich war bei dem Anblick des Kleinen, wie es das Fell seiner Mutter packt und trinkt, sehr gerührt. In letzter Zeit war ich bei vielen Zusammenführungen und Umsiedlungen dabei gewesen, aber diese war für mich einzigartig. Die Erfahrung hat mir einiges bewusst gemacht: Mir wurde klar wie unglaublich fürsorglich Gibbons doch sind; wie tragisch es ist, dass sie vom Aussterben bedroht sind und dass trotz all unserer Bemühungen und Erfolge auch noch unglaublich viel zu tun bleibt.

Wir halten Sie auf dem Laufenden.

--SB

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Experten

Kampagnenberater
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Brian Sharp, Leiter Rettungseinsätze, Einsatzkoordinator für Strandungen
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Dr. Ian Robinson, Vizepräsident für Kampagnen und internationale Angelegenheiten
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Gail A'Brunzo, Leiterin IFAW Wildtierschutz
Leiterin Wildtierschutz, IFAW
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