Auf den Spuren der Wölfe

IFAW arbeiten daran, wilde Wölfe wieder in Westpolen zu schützen.Es ist kalt. Der Atem dampft und unter den Schneeschuhen knirscht der tiefe Schnee. Mit einer kleinen Gruppe von Biologen stapfe ich durch die tief verschneite Berglandschaft der schlesischen Beskiden, südlich von Krakau, Polen. Für mich ist es nicht nur eine sehr schöne Landschaft, sondern auch eine spannende. Es ist ein besonderer Lebensraum, denn ich bin auf den Spuren des Wolfes unterwegs.

Mein Blick sucht das Gelände nach Tierspuren im Schnee ab, und wir werden häufig fündig: hier ein Fuchs, dort ein Reh, mal ein Wildschwein, ein Marder, sogar mal ein Luchs. Dann: Sabina Novak von der polnischen Organisation „Association for Nature (AfN) Wolf“, die unsere Gruppe anführt, bestätigt: die Spur eines Wolfes.

Die nächsten Stunden folgen wir dieser Fährte, im wahrsten Sinne des Wortes über Stock und Stein. Sabina Novak erklärt dabei, was aus den Spuren im Schnee alles zu lesen und zu erkennen ist. Ähnlich einem Detektiv kann man so entschlüsseln, was sich hier vor kurzem abgespielt hat. So sind wir, ohne die scheuen Wölfe je zu Gesicht zu bekommen, den Tieren ganz nah.

Plötzlich trifft die Wolfsfährte auf die Spur eines Wildschweins, und die Pfotenabdrücke eines weiteren Wolfes kommen hinzu. Über viele hundert Meter können wir sie verfolgen, bis wir aufgrund der schwierigen Geländeverhältnisse aufgeben müssen.

Bald finden wir einen neuen Wolfshinweis. An im Schnee vergrabenen jungen Fichten oder großen Steinen finden sich Urintropfen, vermischt mit blutigem Sekret, das der Urin eines weiblichen Wolfes während der Ranzzeit enthalten kann. Typisch ist das Markieren an markanten Stellen wie kleinen Erhebungen im Gelände.

An anderer Stelle finden wir eine in den Schnee gedrückte Kuhle. Offensichtlich haben sich hier vor kurzem zwei Wölfe eng aneinander liegend ausgeruht. Auch hier können wir blutige Urintropfen im Schnee finden.

Dann stoßen wir auf einen im Schnee liegenden Tierkadaver – ein vom Wolf gerissenes Reh, was neben den Wolfsspuren im Schnee der saubere Drosselbiss an der Kehle des toten Tieres zeigt. Wir untersuchen das Gebiss des Rehs. An Hand der Abnutzung der Zähne kann ungefähr das Alter bestimmt werden. Offensichtlich handelte es sich um ein altes Tier; die typische Beute des Wolfes also, insbesondere in dieser Jahreszeit.

Ein Stückchen weiter liegt ein Häufchen mit Wolfskot. Es ist noch relativ frisch. So sammeln wir vorsichtig eine Probe in einem Plastikröhrchen ein. Die Losung wird später in einem Labor untersucht und wenn möglich davon eine DNA-Analyse gemacht. So lassen sich einerseits Rückschlüsse auf die Ernährung des Wolfes ziehen, anderseits auf seine genetische Herkunft.

Dieses für mich sehr beeindruckende Naturerlebnis fand im Spätwinter 2006 statt. Da ich als Wildtier-Campaigner auch für das deutsch-polnische Wolfsprojekt des IFAW zuständig bin, reiste ich für eine mehrtägige Fortbildung zum Thema Wolf und seine Lebensweise in die schlesischen Beskiden, um mehr praktisches Wissen zu diesem Thema zu erlangen. Sabina Novak, als führende Wolfsforscherin in Polen, ist dafür sicherlich eine der besten Adressen. So erfuhr ich aus erster Hand wissenswertes über die Wolfsforschung und die wissenschaftlichen Beobachtungsmethoden (Monitoring). Die hier gemachten Erfahrungen fließen in meine alltägliche Arbeit zum Schutz der Wölfe ein.

Der IFAW setzt sich seit über zehn Jahren für eine erfolgreiche Rückkehr der Wölfe nach Deutschland und Westpolen ein. Die Arbeitsschwerpunkte liegen hierbei in der Unterstützung des wissenschaftlichen Monitoring, einer fachlich fundierten Öffentlichkeitsarbeit und bei der Beratung von Behörden hinsichtlich eines zukunftsfähigen Wolfsmanagements.

Der erste erfolgreiche Wolfsnachwuchs in Deutschland nach über 150 Jahren konnte im Jahre 2000 gemeldet werden. Inzwischen leben hier 80-90 Wölfe in 12 Rudeln beziehungsweise als Paar oder Einzeltiere. In Westpolen gibt es ebenso eine positive Entwicklung: hier leben derzeit 19 Wolfsrudel mit etwa 95 Tieren. 

-- RK

Kommentare: 1

 
Gast
2 Jahre ago

Mit großem Interesse las ich Ihr Schreiben "Auf den Spuren der Wölfe".

Seit geräumer Zeit bin ich auf der Suche nach Möglichkeiten die Initiative der Rückkehr der Wölfe nach Deutschland tatkräftig zu unterstützen.Dies stelle ich mir entweder im Rahmen einer ehrenamtlichen oder andersweitigen Tätigkeit vor.Sie scheinen aus meiner Sicht genau die richtige Person um mir in diesem Anstreben weiter behilflich zu sein.

Ganz kurz zu meiner Person m. 54J. zweisprachiger Dipl.-Ing. (Nachrichtentechnik) Brite körperlich fit seit 1987 in BRD.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Stephen Higley

Post a comment

Experten

Gail A'Brunzo, Leiterin IFAW Wildtierschutz
Leiterin Wildtierschutz, IFAW
Robert Kless, Leiter Wildtier-Kampagnen, IFAW Deutschland
Leiter Wildtier-Kampagnen, IFAW Deutschland