Adoption unter Elefanten in Amboseli

Elfrida an der Spitze der EA-Familie, ihre „Zwillinge“ im SchlepptauIch tippe das hier ganz leise, weil ich gerade in meinem Zelt im Forschungscamp bin und 20 Meter neben mir die EA-Familie frisst. Dank der üppigen Regenfälle sehen sie alle rund und gesund aus – so wie auch der Rest der Elefantenpopulation im Amboseli-Nationalpark. Eluai, Eltonin und Estefan ziehen gerade eine Art Kletterpflanze zwischen den Palmen hervor und wickeln dann die langen Fasern auf wie Spaghetti, bevor sie sie in den Mund schieben. Schon eine ganze Weile haben hier keine Elefanten mehr gefressen, und Estefan kann ihr Maul gar nicht schnell genug vollstopfen.

Unser Babyboom geht im Eiltempo weiter; seit dem 12. Oktober 2011 haben wir nun schon 181 Geburten dokumentiert. Und es stehen sogar noch mehr Geburten an, denn einige Kühe sind noch hochschwanger und einige jüngere Weibchen sind bald mit ihrem ersten Nachwuchs dran. Bislang haben wir lediglich vier Todesfälle unter den Neuankömmlingen dokumentiert. Alle sind kurz nach der Geburt eingetreten und wahrscheinlich auf angeborene Defekte zurückzuführen.

Bei so vielen kleinen Elefanten noch den Überblick zu behalten ist harte Arbeit. Viele von ihnen sind sechs Monate alt oder älter und in diesem Alter lieben sie nichts mehr als sich mit ihren Altersgenossen zum Spielen zusammenzutun. In der GB-Familie beispielsweise gibt es zurzeit zwölf Kälber. Zwölf! Und jede Sekunde, in der sie gerade nicht trinken oder schlafen, wird zum Spielen genutzt. Sogar wenn ein Kalb erschöpft zusammensinkt, um ein Schläfchen zu machen, turnen in Nullkommanichts einer oder mehrere „Freunde“ auf ihm herum. Manchmal können Kälber wirklich nur dann Ruhe finden, wenn sie sich unter ihre Mutter zurückziehen, die die aufdringlichen Störenfriede davonscheucht.

1st image Elfrida's calf and the adoptee, captioned “Die “Zwillinge””

Diese „Spielgefährten-Gangs“ toben unter der Aufsicht der wachsamen (und manchmal sogar etwas besorgt wirkenden!) Mütter in der Herde umher. Wenn die Familie zerstreut ist, kann es passieren, dass Kälber sich sehr weit von ihrer säugenden Mutter entfernen und es kommt oft vor, dass man eine Kuh mit mehreren kleinen Elefanten im Schlepptau sieht, von denen nur einer von ihr ist. So ist es mir auch zunächst nicht besonders aufgefallen, als ich Elfrida zum ersten Mal mit zwei Kälbern sah – eins nur ein wenig größer als das andere. Das gesamte Forschungsteam dachte zuerst, dass Elfrida beide Kälber säugt. Es kommt schon mal vor, dass Großmütter die Kinder ihrer Töchter zusätzlich zu ihren eigenen säugen, aber dieses weibliche Kalb war definitiv keine Enkelin.

Wo kam sie bloß her?! Wir kennen die EAs gut und haben über ihre Geburten sehr genau Buch geführt. Babyelefanten fallen ja nicht plötzlich vom Himmel, auch wenn es in den letzten Monaten manchmal ganz den Anschein hatte! Elfridas Tochter war im November zur Welt gekommen und dieses neue Kalb ist ein wenig kleiner und jünger und ist definitiv kein Familienmitglied. Elfrida hat sie offenbar „adoptiert“ – kein Kalb in diesem Alter würde ohne Milch überleben.

Die Adoption gefällt Elfridas richtigem Kalb natürlich gar nicht. Elefantenkühe können nur eine begrenzte Menge Milch produzieren und über die Jahre hat das Amboseli-Forschungsteam bereits mehrere Todesfälle bei Kälbern dokumentiert, entweder weil ältere Geschwister weiterhin tranken, nachdem ein neues Kalb geboren war oder weil die Mütter in kurzen Intervallen Kälber warfen und die älteren Geschwister es ohne Milch nicht schafften. In diesen Fällen überlebte jeweils derjenige, dem die Mutter beim Säugen den Vorzug gab oder derjenige, der sich besser gegen den anderen durchsetzen konnte. In allen Fällen handelte es sich dabei jedoch um Geschwister. Wir sahen zum allerersten Mal, dass eine Adoption zu so einem Konflikt führte.

Der Ausgang solcher Situationen ist allerdings immer unklar; es wurde schon einmal ein Zwillingspärchen erfolgreich großgezogen. Die beiden sind heute 32 und damit im besten Alter. Estella hatte Eclipse und Equinox im Juni 1980 zur Welt gebracht. Passenderweise waren die beiden auch noch das 100. und das 101. Kalb, die Cynthia im Babyboom 1979/80 dokumentierte. Und was natürlich für unsere aktuelle Geschichte sehr interessant ist, ist die Tatsache, dass auch sie zur EA-Familie gehören. Bei Estellas Zwillingen war Equinox der Dominantere. Er wollte seine Schwester nicht trinken lassen und war ihr gegenüber aggressiv, wenn sie es versuchte. Doch Elefanten sind ganz schön schlau und die kleine Eclipse benutzte einen Trick. Sie spielte mit ihrem Bruder bis dieser erschöpft war und sie sich beide für ein Schläfchen niederließen. Sobald sie sicher war, dass er schlief, stand sie wieder auf, schlich sich zu ihrer Mutter und trank ihre Portion.

Es ist im Moment nicht klar, welches Kalb dominiert; zweifelsohne gibt es aggressives Verhalten zwischen den beiden, doch wir müssen länger bei der Familie bleiben, um ein klareres Bild davon zu bekommen, wie oft es vorkommt und wie Elfrida darauf reagiert. Die Geschichte kann durchaus gut enden; Elfrida ist 42 Jahre alt und eine erfahrene Mutter. Als ihre Mutter die Zwillinge hatte, war sie selbst schon etwas größer und kümmerte sich zusammen mit Estella um die beiden Kleinen. Ein weiterer Grund zur Zuversicht ist die Tatsache, dass das Nahrungsangebot in Amboseli zurzeit wirklich mehr als üppig ist. Elfrida sieht rund und gesund aus!

Eine Frage bleibt jedoch weiterhin ungeklärt: Wo kommt das neue Baby her? Die EAs bewegen sich im zentralen Gebiet von Amboseli, deshalb kennen wir sie auch so gut. Wenn sie im Park sind, halten sie sich im und um den Palmenwald von Ol Tukai herum auf. Die OB-Familie hält sich in der gleichen Gegend auf und kürzlich haben wir bemerkt, dass Oprah ihr Kalb verloren hat, ein im Januar geborenes Weibchen. Am Tag vor dem Verschwinden des Kalbs habe ich sie noch gesehen und alle fünf Babys der Familie sahen gesund und glücklich aus. Könnte das mysteriöse Kalb vielleicht Oprahs sein? Wir wissen, dass es so etwas wie Entführungen bei Elefanten gibt und dass es meistens etwas mit Machtdemonstration zu tun hat. Wir haben allerdings nie beobachtet, dass eine Familie einen Elefanten dauerhaft entführt hat. Normalerweise werden sie recht schnell zurückgegeben oder gerettet. Elfrida ist wesentlich älter als alle Weibchen in der OB-Familie, und die EA-Familie ist größer. Sie wäre in jeder Hinsicht überlegen.

Um eine endgültige Antwort zu bekommen, müssen wir uns wohl auf die Gene berufen. Falls dieses Baby überlebt, werden wir Proben seines Kots einsammeln und seine DNA analysieren, um die Familienzugehörigkeit zu klären. Man glaubt es kaum, dass Elefanten uns nach den vier Jahrzehnten, die sie nun erforscht werden, immer noch überraschen. Neue Dinge passieren am laufenden Band – einige sehr dramatisch, andere weniger. Aber diese Geschichte zeigt uns in der Tat, dass wir noch viel Neues über diese intelligenten und anpassungsfähigen Tiere erfahren können.

--VF

Kommentare: 1

 
Gast
2 Jahre ago

mir gefällt es, daß du so einen tollen job machst, und diese wurderbaren tiere erforschst, ich wünsche dir und den tieren eine gute zeit und daß immer genügend futter für sie vorhanden ist :-)
Edwina Thyen aus Deutschland

Kommentar schreiben:

Experten

Céline Sissler-Bienvenu,Direktorin Frankreich und frankophones Afrika
Direktorin Frankreich und frankophones Afrika
Mitglied des IFAW-Elefantenteams
IFAW-Elefantenexpertin
Grace Ge Gabriel, Regionaldirektorin Asien
Regionaldirektorin Asien
James Isiche, Regionaldirektor Ostafrika
Regionaldirektor Ostafrika
Jason Bell, Programmdirektor Elefanten, Regionaldirektor Südliches Afrika
Programmdirektor Elefanten, Regionaldirektor Südafrika
Peter Pueschel, Direktor Internationale Natur- und Umweltschutzabkommen
Direktor Internationale Natur- und Umweltschutzabkommen
Vivek Menon, Regionaldirektor Südasien
Regionaldirektor Südasien