Änderung des türkischen Tierschutzgesetzes für Straßenhunde verheerend

Die beantragte Änderung des im Jahr 2004 in der Türkei verabschiedeten Tierschutzgesetzes Nr. 5199 gibt großen Anlass zur Sorge, denn sie hätte fatale Folgen für die streunenden Hunde im Land.

Im Jahr 2004 verabschiedete die Türkei das Gesetz, in dem teilweise ein Ansatz zur Kontrolle der Population von streunenden Hunden im Land formuliert war.  Gemäß der Regelung war man mit Straßenhunden tolerant umgegangen: Sie besagte, dass Hunde eingefangen, kastriert, geimpft und anschließend wieder in die Gegenden gebracht werden sollten, so sie hergekommen waren – eine Methode, die unter der Abkürzung „CNVR“ bekannt ist (Capture – Fangen, Neuter – Kastrieren, Vaccinate – Impfen, Return – Zurückbringen). Hätte der Antrag auf Änderung des Gesetzes allerdings Erfolg, würde aus dem CNVR das „R“ wegfallen und Hunde würden stattdessen in Tierasylen oder so genannten „natürlichen Parks“ untergebracht – große Freiluftgehege, in denen die Hunde ihr Leben lang eingesperrt blieben.

Es gibt keinerlei Gewähr dafür, dass diese Asyle oder „natürlichen Parks“ so betrieben werden, dass die Hunde darin nicht leiden müssen. Türkische Tierschutzaktivisten äußern große Bedenken hinsichtlich der Haltung dieser Hunde, und einige sind der Meinung, dass sie in abgelegene Ecken von Städten verbannt und dort sich selbst überlassen werden.

Ein Gesetz, das dazu führen würde, dass Hunde ihr Leben lang in Tiersasylen oder in eingezäunten Gehegen gehalten werden, in denen sie keine artgerechte Behandlung bekommen, ist nicht nur sinnlos, sondern auch zutiefst grausam. Ohne angemessene Betreuung und Überwachung verursacht eine Haltung in Tierasylen oder in Gehegen sehr oft Stress und Krankheiten bei den Tieren. Wenn die Hunde ihr Leben lang in diesen Einrichtungen eingesperrt bleiben, ist aufgrund von unbehandelten Krankheiten oder permanentem psychischem Stress ihre Lebenserwartung kurz und das Leiden groß. 

Das Problem bei diesem Antrag auf Gesetzesänderung ist aber bei weitem nicht nur die schlechte Tierhaltung oder die schlechte Verwaltung von Tierasylen – es geht vielmehr darum, wie man insgesamt eine effektive Tierschutzgesetzgebung gestaltet.

Ohne richtige Anwendung und Durchsetzung sind Tierschutzstandards nichts als leere Worte auf einem Blatt Papier. Und sogar die beste Durchsetzung ist nichts wert, wenn die Gesetze zur Populationskontrolle nicht die Wünsche und Bedürfnisse der Bevölkerung und der Tiere berücksichtigen. Wenn das Gesetz aus dem Jahr 2004 ausgereicht hätte, um die Probleme mit streunenden Hunden in der Türkei zu lösen, müsste man heute keine Gesetzesänderung beantragen.

Eine sinnvolle Gesetzgebung sorgt sowohl für die Anwendung der Gesetze als auch ihre Durchsetzung, denn diese sind der Schlüssel zur Übertragung eines Gesetzesentwurfs vom Papier in die Praxis. Studien zufolge wurde der im Gesetz Nr. 5199 formulierte Ansatz zur Populationskontrolle weder angemessen angewendet noch durchgesetzt. Die im Gesetz definierten Methoden zur humanen Populationskontrolle sowie zum Einfangen der Tiere entsprachen weder existierenden Tierschutzstandards noch den Richtlinien der OIE (Weltorganisation für Tiergesundheit). Auch wenn CNVR die geeignete Strategie wäre – ohne Rückendeckung und Durchsetzung durch den Staat hätte sie nicht die geringste Chance auf Erfolg.

Doch der Einsatz von CNVR allein zur Kontrolle der türkischen Hundepopulation – sogar wenn es effektiv umgesetzt würde – würde das Problem ebenfalls nicht lösen. CNVR kümmert sich nur um Hunde, die bereits auf der Straße sind und verhindert weder, dass sie dort hinkommen noch garantiert es eine angemessene lebenslange Überwachung. Ein Gesetz, das sich allein auf die CNVR-Strategie stützt, basiert auf der Annahme, dass streunende Hunde keine Besitzer haben, dass diese streunenden Hunde sich vermehren und noch mehr herrenlose Hunde hervorbringen und, dass sie die einzige Ursache dafür sind, dass Hunde und Welpen in den Straßen streunen.

Das bedeutet, dass CNVR als einziges Instrument zur Populationskontrolle die eigentliche Wurzel des Problems überhaupt niemals angepackt hätte, denn es blendet die vielfältigen Gründe dafür, dass Hunde auf der Straße leben, völlig aus. Außerdem wird CNVR allein auch nichts an der Tierhaltung ändern, nicht zur Kontrolle der Belästigung von Menschen durch Hunde oder von gefährlichen Hunden beitragen, und es wird schon gar nicht verhindern, dass neue Hunde zu Streunern werden.

Mit den unzähligen Instrumenten, die es für die Kontrolle einer Hundepopulation gibt, kann man schon mal den Überblick verlieren und nicht wissen, wo man überhaupt beginnen soll. Doch die International Companion Animal Management Coalition (ICAM) hat nicht nur eine Anleitung zur humanen Kontrolle von Hundepopulationen veröffentlicht, sondern sogar eine türkische Übersetzung davon zur Verfügung gestellt. Ich lege allen, die an der Entwicklung humaner, nachhaltiger Methoden zur Kontrolle von Hundepopulationen in der Türkei interessiert sind, dringend ans Herz, dieses Dokument weiterzuverbreiten. Außerdem fordere ich türkische Entscheidungsträger dazu auf, den Antrag auf Gesetzesänderung zurückzuziehen und zu beginnen, nach einer ganzheitlichen, humanen, und noch viel wichtiger, einer effektiven und nachhaltigen Lösung des Problems zu suchen.

Es sollte auch erwähnt werden, dass die Gesetzesänderung Nr. 5199, die aufgrund ihrer Regelung zur dauerhaften Wegsperrung der Tiere so besorgniserregend ist, auch eine strengere Bestrafung von Tierquälern fordert. Dies ist wiederum lobenswert. Würde man die Gesetzesänderung ganz verwerfen, würde das bedeuten, dass ein für türkische Straßenhunde potenziell verheerendes Gesetz verhindert wird, es würden aber auch Verbesserungen der Gesetze gegen Grausamkeit an Tieren verhindert. Das ist eine Schande, würde aber noch lange nicht bedeuten, dass die Gesetzgebung zugunsten der Tiere nicht in Zukunft auch noch verbessert werden kann. Die Verabschiedung des Gesetzes Nr. 5199 hat gezeigt, dass die türkischen Bürger sich sehr wohl für Tierschutz interessieren, und ich kann nur hoffen, dass die Stimmung und das Mitgefühl, die schon zum ersten Gesetz geführt haben, ebenfalls bewirken, dass nach humanen Lösungsansätzen für die Türkei gesucht wird, die Menschen und Tieren gleichermaßen gerecht werden.

-- HL

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Leiterin Wildtierschutz, IFAW
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Programmdirektorin Kinder- und Jugendprogramm “Animal Action“
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