Trotz starkem Widerstand und schrumpfenden Märkten beginnt in Kanada die kommerzielle Robbenjagd

Auf dem Eis des St. Lorenz-Golf will ein Robbenjäger eine Babyrobbe mit einem Hakapik, ein mit einer Metallspitze versehener Knüppel, töten. Die Jagd findet jedes Frühjahr statt. Foto: c. IFAWAnfang der Woche begann vor der Küste Neufundlands wieder die kommerzielle Robbenjagd. Es ist das erste Mal seit 12 Jahren, dass ich nicht als Jagdbeobachterin vor Ort bin.

Die Dokumentation der Robbenjagd ist ein sehr kostspieliges Unterfangen. Die Kosten sind sogar noch höher, wenn nur wenige Boote zur Jagd fahren und die zum Auffinden der Jagdschauplätze per Flieger zurückzulegenden Strecken lang sind. Am Eröffnungstag der Jagd liefen Medienberichten zufolge gerade mal 26 Boote aus und das Eis lag sehr weit vom Festland entfernt.

Die Arbeit, die wir in den vergangenen Jahren in die Dokumentation der Jagd gesteckt haben, hat sich ausgezahlt. Als Non-Profit-Organisation müssen wir aber selbstverständlich darauf achten, dass das Geld unserer Förderer dem Tierschutz so gut wie möglich zugute kommt. 

Unsere Kampagnenarbeit muss am direkten Nutzen für Tiere gemessen werden.

Nachdem wir Kanadas kommerzielle Robbenjagd nun 18 Jahre in Folge dokumentiert haben, wissen wir nur zu gut, dass sich auf dem Eis Grausamkeiten zutragen werden.

Wir wissen, dass Robben bei vollem Bewusstsein im Gesicht aufgespießt werden.

Wir wissen es, weil wir es Jahr für Jahr beobachtet haben und weil es in Kanada zudem völlig legal ist.

Wir wissen, dass die kommerzielle Robbenjagd zwangsläufig grausam ist.

Also mussten wir uns folgende Frage stellen: Was ist gewonnen, wenn wir noch mehr Filmaufnahmen der immergleich ablaufenden Jagd haben?

Die Antwort war: Potenziell ziemlich wenig.

Somit haben wir in diesem Jahr beschlossen, dass wir unser Augenmerk weg von den Eisschollen hin zu den Politikern auf dem Parliament Hill lenken und versuchen, der Debatte um die kommerzielle Robbenjagd eine neue Richtung zu geben.

In Kanada wird die politische Debatte um die Robbenjagd traditionell von Schönrederei, erfundenen Fakten und Emotionen bestimmt, und dadurch entsteht ein Bild der Jagd, das mit der Realität nicht mehr viel gemein hat.  

Die traurige Tatsache ist, dass die Regierung die kommerzielle Robbenjagd aus politischen und nicht aus wirtschaftlichen Beweggründen unterstützt.

Die kommerzielle Robbenjagd ist kein wirtschaftlich lukrativer Industriezweig, weder in Kanada noch sonst irgendwo.

Im Jahr 2012 wurde aus der kommerziellen Robbenjagd zwar ein Umsatz von 1,6 Mio. kanadischen Dollar erzielt, möglich gemacht worden war die Jagd jedoch erst durch einen staatlichen Kredit über 2 Mio. kanadischen Dollar. Trotz aller Beteuerungen, dass es sich bei dem Kredit nur um eine einmalige Sache handele, wurde für das Jahr 2013 ein weiterer Rettungskredit von 3,6 Mio. kanadischen Dollar angekündigt.

Bei diesen Krediten handelt es sich keineswegs um kurzfristige Hilfszahlungen, um einer vorübergehend in Not geratenen Branche wieder auf die Beine zu helfen. Und die Behauptung, die Robbenjagdindustrie sehe sich zurzeit mit "vorübergehenden Absatzschwierigkeiten" konfrontiert, ist schlicht absurd.

Seit 1995 flossen über 34 Mio. kanadische Dollar in die Wiederbelebung von Kanadas kommerzieller Robbenjagd.

Und wozu das alles?

Insgesamt 34 Länder verboten den Handel mit Robbenprodukten, und die Umsätze der Industrie befinden sich in einem Rekordtief.

Auch die Anzahl der Robbenjäger geht von Jahr zu Jahr zurück. Nur noch zwischen 400 und 700 Jäger nehmen aktiv an der Jagd teil, was nicht annähernd dem Bild der 14.000 von der Robbenjagd abhängigen Jäger entspricht, das die Regierung gerne zeichnet.

In den letzten Jahren sind am Eröffnungstag der Jagd in Neufundland gerade mal 26 bis 28 Boote ausgelaufen.

Genauso wie wir gezwungen sind, das Kosten-Nutzen-Verhältnis der Jagddokumentation abzuwägen, müssen auch viele Fischer die Entscheidung treffen, ob sich Kosten, Gefahren und Risiken, die sie für die Robbenjagd auf sich nehmen, noch lohnen.

Bei Preisen von gerade mal 20 bis 25 kanadischen Dollar für ein Robbenfell, und das trotz aller staatlichen Subventionen, lohnt es sich für viele von ihnen einfach nicht mehr.

Ich fand es immer bemerkenswert, dass die wichtigste Triebkraft der Robbenjagd seit den 90ern nie die Wirtschaft, sondern stets die Politik war.

Althergebrachte Überzeugungen verlangen es, dass politische Parteien in Kanada die Robbenjagd lautstark unterstützen, weil sie ansonsten in den Atlantikprovinzen Wählerstimmen verlieren.

Wer die Zukunft der sterbenden Industrie auch nur ganz vorsichtig in Frage stellt, wird sofort des Hochverrats oder noch schlimmer, einer Neufundland-feindlichen Einstellung bezichtigt. Dieses Risiko wagt sich kein Politiker einzugehen.

Und so zeichnet die Politik für die Öffentlichkeit unberirrt ein Bild von der Robbenjagd, das nichts mit der Realität gemein hat.

Es ist unwahrscheinlich, dass die Harper-Regierung in Atlantik-Kanada mit der Infragestellung der Robbenjagd punkten wird, und sie riskiert damit auch in anderen Landesteilen viele Wählerstimmen.

Am deutlichsten zeigt sich die blinde Loyalität der kanadischen Regierung mit der Robbenjagd in der Tatsache, dass sie derzeit vor der Welthandelsorganisation versucht, das EU-Importverbot für Robbenprodukte anzufechten.

Aber auch wenn das WTO-Expertengremium Kanada (und seinem Mitkläger Norwegen) Recht geben sollte, wird das Land am Ende als Verlierer dastehen - und außerdem um etlichen Millionen Dollar ärmer, die Juristen für internationales Handelsrecht in die Taschen fließen, statt den Fischergemeinden, die von der Robbenjagd traditionell profitiert haben.

Selbst vor der Einführung des Handelsverbots im Jahr 2009 war die EU kein großer Markt für Robbenprodukte und wird das wahrscheinlich auch niemals sein, ganz egal was das Ergebnis der WTO-Klage sein wird.

Es bleibt nur noch die Frage: Warum unterstützen kanadische Politiker weiterhin eine so wenig zukunftsträchtige und wirtschaftlich unlukrative Industrie?

Ist die Unterstützung und Erhaltung dieses international geächteten und unnützen Industriezweigs, bei dem drei Wochen alte Tiere wegen ihrer Felle (die trotz der Versuche, auch Öl und Fleisch von Robben zu verkaufen, immer noch der wichtigste Grund für die Jagd sind) erschossen oder zu Tode geprügelt werden...ist das wirklich alles, was wir zu bieten haben, um das Wirtschaftswachstum in abgelegenen Atlantikgemeinden anzukurbeln?

Unsere Aufmerksamkeit werden wir in Zukunft verstärkt den Politikern auf dem Parliament Hill widmen, wir werden alle politischen Parteien dazu ermutigen, die kommerzielle Robbenjagd unter einem neuen Blickwinkel zu betrachten und die althergebrachte Argumentation einmal zu vergessen.

Es ist in Ordnung zuzugeben, dass unsere Investitionen in die kommerzielle Robbenjagd sich nicht ausgezahlt haben. Aber es ist nicht in Ordnung, immer weiter das Geld der kanadischen Steuerzahler zu verschwenden, um das Sterben der Robbenjagdindustrie wieder nur ein klein wenig hinauszuzögern.

Die Kanadier, auch die in den Atlantik-Provinzen, verdienen etwas Besseres, und wir wissen, dass unsere Politiker es eigentlich auch besser können.

--SF

Mehr Informationen über unseren Einsatz gegen die kommerzielle Robbenjagd finden Sie hier.

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Dr. Ralf (Perry) Sonntag, Country Director, Germany
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Sheryl Fink, Wildlife Campaigns Director, IFAW Canada
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Sonja Van Tichelen, Regional Director, European Union
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