Verwaister Grizzlybär Littlefoot ist wieder frei

Verwaister Grizzlybär Littlefoot ist wieder frei. Foto: NLWS

Es scheint, als sei das Schicksal sein ganzes junges Bärenleben lang gegen Littlefoot gewesen. Doch jedes Hindernis, das sich ihm in den Weg stellte, hat der junge Bär bisher überwunden – aus eigener Kraft oder dank der Hilfe mitfühlender Menschen.

Littlefoot ist ein verwaister Grizzlybär. Seine Mutter wurde im vergangenen Jahr in der Nähe des Ortes Fernie in Britisch-Kolumbien erschossen. Deshalb musste der kleine Bär im letzten Winter seinen Winterschlaf allein verbringen. Die meisten Bärenkinder in seinem Alter hätten dies nicht überlebt. Im Frühjahr fand man ihn in der Nähe einer Skipiste. Er war stark unterernährt, aber am Leben.

Die Northern Lights Wildlife Society, die mit dem IFAW und der Regierung Britisch-Kolumbiens zusammenarbeitet, ist die einzige Organisation, die in dieser Provinz Grizzlybären rehabilitieren und auswildern darf. Außerdem ist sie die bisher erste und einzige Organisation, die die Bewegungen der Grizzlys nach der Auswilderung noch weiter verfolgt.

Als der Umweltschutzbeauftragte Joe Garay Littlefoot im Juni fand, rief er uns an und fragte, ob der IFAW helfen könne. Die Regierung von Britisch-Kolumbien stimmte sehr schnell zu, Littlefoot aufzunehmen, obwohl noch nie zuvor ein erst einjähriger Bär im Projekt aufgenommen wurde.

Wir sprangen in unseren Wagen und fuhren so schnell wir konnten ins 1.300 Kilometer entfernte Fernie. Dort luden wir den betäubten Bären in unseren Spezialanhänger und eilten zurück nach Smithers im Norden Britisch-Kolumbiens, wo Littlefoot versorgt und rehabilitiert werden sollte.

Sobald wir den kleinen Bären in seinem Gehege untergebracht hatten, wurde klar, dass das Einzige, was ihn im Moment interessierte, Futter war. Und das aus gutem Grund! Normalerweise bleiben Grizzlybären die ersten zwei bis drei Jahre bei ihrer Mutter, die sie beschützt und das Futter mit ihnen teilt. Wir mussten sehr aufpassen, Littlefoot nicht zu überfüttern, denn dadurch hätte er einen Proteinschock erleiden können. Über die kleinen Portionen war er nicht wirklich glücklich. Doch nach kurzer Zeit konnten wir seine Rationen vergrößern. Und nach und nach trat seine spielerische, schelmische Persönlichkeit zutage.

Als seine Haupt-Betreuerin war ich die einzige, die ihn mit Futter versorgte. Wenn ich ihm einen Fisch gab, rannte er damit im Gehege herum, warf ihn in die Luft, fing ihn wieder auf und schlug Purzelbäume. Um die Bären zu animieren, füttern wir sie nicht einfach nur. Wir verstecken das Futter sorgfältig im Gehege, um den natürlichen Trieb der Bären zur Nahrungssuche zu stimulieren. Außerdem kümmerten wir uns darum, dass Littlefoot genug Bewegung bekam.

Wenn unser Bär in der Wildnis eine Überlebenschance haben soll, muss er stark sein. Also gaben wir ihm Baumstämme, die er zerfetzen konnte, und ein Gehege, das groß genug ist, um darin auch über längere Strecken richtig zu rennen. Nach nur zwei Monaten unter unserer Obhut war Littlefoots Gewicht von nur 49 auf gesunde 144 Pfund gestiegen.

Als er die ersten Anzeichen zeigte, das Gehege verlassen zu wollen, indem er unter dem Zaun grub und zusehends unruhiger wurde, wussten wir, dass es an der Zeit war, ihn freizulassen. Wie alle Bären, die wir je versorgt haben, schien Littlefoot genau zu wissen, wann die Beeren draußen nur noch darauf warten, geerntet zu werden. Aber dann schlug das Schicksal Littlefoot noch einmal ein Schnippchen.

Zuerst kam die Batterie für sein Senderhalsband nicht an, die wir einen Monat zuvor in Deutschland bestellt hatten. Als wir gerade eine Lösung für dieses Problem gefunden hatten, brachen Waldbrände aus, die die Straßen blockierten. Wir dachten bereits daran, die Tiere zu evakuieren. Glücklicherweise wurden die Brände rechtzeitig gelöscht. So konnten wir uns endlich auf den Weg machen, um Littlefoot bei Cranbrook in Britisch-Kolumbien auszuwildern.

Joe Garay, der Umweltschutzbeauftragte, der Littlefoot gefunden hatte, zeigte uns einen abgelegenen Ort: weit weg von den Menschen und mit viel Futter für unseren Bären. Als wir den Anhänger öffneten, sprang Littlefoot sofort hinaus. Wie die meisten Wildtiere, die über längere Zeit von Menschen versorgt wurden, lief er nicht gleich los in den Busch. Er war sich nicht sicher, ob um ihn herum nicht noch immer ein Zaun war.

Zuerst grub unser Bär ein wenig nach Raupen und kugelte sich im Gras herum. Dann entdeckte er plötzlich etwas auf dem Hügel. Und erst da schien er zu begreifen, dass er wieder frei war. Und weg war er: um zu entdecken, zu graben, herumzutollen, zu spielen und zu fressen.

Wir sahen ihm nach, wie er den Hügel hinaufeilte – in dem Bewusstsein, ihm die besten Chancen für ein Überleben in der Wildnis mitgegeben zu haben. Unsere besten Wünsche begleiten ihn.

Littlefoots Satellitenhalsband erlaubt es uns, seine Bewegungen online zu verfolgen. Seine Wanderbewegungen sind typisch für einen jungen Grizzlybären. Er überquert Gebirge und hält sich in höher gelegenen Gegenden auf, wo es jede Menge Beeren für ihn gibt. So frisst er sich für seinen nächsten Winterschlaf ein Fettpolster an.

Wir werden Littlefoots verspielte Art vermissen. Doch dennoch ist eines klar: Wildtiere gehören in die Wildnis.

Angelika Langen

Erfahren Sie mehr darüber, wie der IFAW Wildtiere rettet und versorgt.

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Kampagnenberater
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