Lieber Premier Abe: Was hat das Essen von Walen mit Kultur zu tun?

Der Autor auf einem japanischen Markt, auf dem Walfleisch verkauft wird. Es ist ein sterbender Industriezweig, den der Ministerpräsident dem Urteil des Internationalen Gerichtshofs zum Trotz weiter fördert.

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe hat dieser Tage vor dem Parlament erklärt, er werde auf eine Wiederaufnahme des kommerziellen Walfangs hinarbeiten – ungeachtet dessen, dass der Internationale Gerichtshof Tokio angewiesen hat, nicht länger in der Antarktis Wale zu töten.

Er werde bei der Völkergemeinschaft verstärkt um mehr Verständnis werben, sagte Abe und erklärte: "Es ist bedauerlich, dass dieser Teil der japanischen Kultur nicht verstanden wird."

Wenn Premier Abe tatsächlich Verständnis von der Völkergemeinschaft sucht, sollte er sich an das Urteil des Internationalen Gerichtshofs halten. In dem Urteil wird Japan angewiesen, in der Wal-Schutzzone Südpolarmeer rund um die Antarktis die Waljagd "zu Forschungszwecken" einzustellen.

Das Gericht hat entschieden, dass Japans Walfang nicht wissenschaftlichen Zwecken dient. Weiter legte es objektive Kriterien fest, anhand derer künftig Walforschung definiert werden soll. Japan wurde zudem aufgefordert, bei der Erteilung möglicher Jagdgenehmigungen die in dem Urteil enthaltenen Absichten und Schlussfolgerungen zu berücksichtigen.

Abe sprach von bedauerlichem Unverständnis. Wirklich bedauerlich ist hingegen, dass der Premier eines Landes wie Japan im Jahr 2014 das kulturelle Verhältnis zu Walen dadurch definiert, dass man sie tötet und isst.

Erst vergangene Woche schlossen sich japanische Whale-Watching-Anbieter zu einem Rat der Wal- und Delfinbeobachter zusammen. Das zeigt, dass in Japan eine Bewegung auf dem Vormarsch ist, die Wale von einer völlig neuen Warte aus betrachtet.

Um die engstirnigen Interessen eines kleinen Kaders von Bürokraten zu wahren, wird der Angriff auf eine ganze Kultur propagiert. Kann ein weltweit angesehener Politiker wie Premier Abe sich das wirklich leisten?

Es ist für die Japaner und die Freunde Japans aus aller Welt beschämend, miterleben zu müssen, dass Ministerpräsident Abe die Schönheit und den ästhetischen Feinsinn der japanischen Kultur mit dem Töten von Walen und dem Verzehr von Walfleisch gleichsetzt.

Man muss sich fragen: Wenn Landwirtschafts- und Fischereiminister Yoshimasa Hayashi jetzt mit großem Eifer für das Abschlachten und den Verzehr von Walen wirbt, ist das vielleicht nur ein politischer Winkelzug, der davon ablenken soll, dass er sich nicht ausreichend um die Bedürfnisse von Japans Landwirten und Japans Fischern gekümmert hat?

Es kommt einer politischen Bankrotterklärung von Minister Hayashi gleich, wenn die Bemühungen, Japan irgendwie zum Glanz alter Tage zurückzuführen und Japans Bürger an ihr gewaltiges kulturelles Erbe zu erinnern, sich auf die Ermunterung beschränken, Walfleisch zu essen. Japans Bürger und Bürgerinnen kaufen ihm das im wahrsten Sinne des Wortes nicht ab. Und wir genauso wenig.

Die Welt wendet sich weiter vom Walfang ab. Mit Fotos von Minister Hayashi an die Öffentlichkeit zu gehen, die ihn beim Verzehr von Walfleisch zeigen, dürfte da bloß dem Vorhaben von Ministerpräsident Abe schaden, die Zahl ausländischer Touristen, die nach Japan kommen, zu verdoppeln.

Premier Abe will der Welt unbedingt zeigen, dass Japan „cool“ ist. Das kann nicht gelingen, solange das Land weiterhin so tut, als würde der Verzehr von Walfleisch irgendwie zum Schutz der Tiere beitragen und Japans stolzes kulturelles Erbe bewahren.

Patrick Ramage

Erfahren Sie mehr über die Arbeit des IFAW zum Schutz von Walen weltweit.

Kommentare: 2

 
Gast
3 Jahre ago

Guter Beitrag

 
Gast
3 Jahre ago

Thank you for all your work.

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