Update von der chinesischen Greifvogelstation: Ein Steinadler möchte wieder die Lüfte erobern

Das Steinadlerweibchen in der Pekinger IFAW-Greifvogelstation mit Schutzverbänden."Dieses Steinadlerweibchen kreiste als Adlerkind über Nordchina. Sie wurde geboren, um am Himmel zu schweben und die Welt unter sich mit scharfen Augen zu beobachten. Dann nahm ihr ein Wilderer die Freiheit.  Jetzt hockt sie – am ganzen Körper mit Verbänden bedeckt – auf einem Holzscheit und kann den Himmel nur durch Maschendraht sehen.

Ihr Leiden lässt erahnen, wie tief wir als Spezies gesunken sind: eine Spezies, die fähig ist, einem anderen Lebewesen so etwas anzutun.

Dieser geschundene, von Wunden übersäte Adlerkörper wurde der Pekinger Greifvogelstation des Internationalen Tierschutzfonds (BRRC) Mitte März übergeben. 

Durch die lange Gefangenschaft war ihre Flugmuskulatur erschlafft und ihre Fänge waren nur noch eine eitrige Masse. Ihre Schwingen waren zerzaust und ihre Gelenke steif. Ihre wachen Adleraugen schienen wie ausgelöscht durch das Gift, das man ihr gegeben hatte, und auch durch die Schmerzen. Ihre Reglosigkeit war erschreckend und ein Zeichen äußerster Verzweiflung.

Es muss schon viel passieren, um ein Tier wie einen Steinadler so weit zu bringen, dass es den Überlebenswillen verliert. Macht uns das zu Menschen, dass wir die Macht haben, ein Lebewesen so leiden zu lassen, dass ihm der Tod lieber wäre als das Leben?

In den ersten Tagen nach ihrer Rettung kämpften die Mitarbeiter der BRRC verzweifelt um ihr Leben...

Sie hatte so viele weiße Blutkörperchen, dass der Normalwert um den Faktor 10 überschritten war. Ihr Körper war so erschöpft, dass er keine roten Blutkörperchen mehr produzieren konnte. Sie wollte nichts mehr fressen. Ihr Magen verschmähte jegliche Nahrung und sie erbrach alles wieder. Morgen für Morgen sank den Pflegern der Mut, wenn sie das Erbrochene sahen, das nicht angerührte Futter und das Adlerweibchen, das geduckt und verschüchtert immer noch an der Stelle kauerte, wo man sie am Vorabend zurückgelassen hatte.

Aber immerhin lebte sie noch, so gab es wenigstens eine Chance.

Morgen für Morgen nahmen die Pfleger ihr die eiterdurchtränkten Verbände ab. Vorsichtig und sehr geschickt versorgten sie ihre Wunden und es gelang ihnen gegen alle Widrigkeiten doch noch, ihrem Körper Medikamente und Fressen zuzuführen. Sie brachten Sitzstangen verschiedener Größen in allen möglichen Höhen an. Sie machten sich um das Licht in ihrem Raum Gedanken und um den Ausblick, den sie von dort aus hatte.

Es gab große Diskussionen um ihr Fressen.

Diagnostische Untersuchungen dienen als Grundlage für die medizinische Versorgung aller Patienten in der  BRRC, und die Pfleger mussten sich ausgiebig um die Bedürfnisse dieses Adlerweibchens kümmern. Der Ansatz mikrobiologischer Kulturen, das Anfertigen von Blutbildern, Serumbiochemie-Analysen und Röntgenbilder: das alles wird vor Ort in der Station gemacht. Besondere Medikamente wurden beschafft. Das Röntgengerät drohte seit mehreren Monaten, in die Knie zu gehen, tat aber brav seinen Dienst, um Bilder von den Fängen und der Brust des Tieres zu machen. Die Wunden der Adlerdame wurden Tag für Tag mit ellenlangen Verbänden und Töpfen voll antiseptischer Creme versorgt.

Allerdings besteht eine der größten Herausforderungen beim Umgang mit Wildtieren darin, ihnen die notwendige Behandlung zukommen zu lassen, sie aber gleichzeitig möglichst wenig dem Stress auszusetzen, der ihnen eine solche Behandlung zwangsläufig bereitet.

Stress wirkt sich extrem negativ auf den Körper und Heilungsvorgänge aus. Auch die Mitarbeiter selbst sind gestresst, wenn sie einem Tier Stress bereiten müssen, selbst wenn es nicht zu vermeiden ist. Sie taten ihr Bestes, den Stress des morgendlichen Verbandswechsels und der Behandlung im allgemeinen wiedergutzumachen, aber trotzdem bleibt ein Schuldgefühl. Jede Zurückweisung von Nahrung durch den Magen, jeder Durchfall, jede Unterwerfungsgeste tut dem Pfleger in der Seele weh.

Dann geschah es: zunächst behielt sie kleine Mengen an Nahrung bei sich.

Dann mehr.

Das Pflegerteam hielt kollektiv seinen Atem an.

Ein paar Tage später hatte sie wieder Appetit und fraß aus freiem Willen. Ihr Wille wurde fester, was ihre Behandlung erschwerte. Ihre Verbände missfielen ihr und ehe sich's die Pfleger versahen, hatte sie sie wieder abgestreift. Die Pfleger hätten sie am liebsten geküsst, wenn sie sich an ihren scharfen Schnabel herangetraut hätten. Jetzt hatten sie alle Hände voll zu tun, adlersichere Verbände zu basteln.

So macht sie ihre Fortschritte, teilweise schon in kleinen Sprüngen, manchmal aber auch unerträglich langsam.

Es bedurfte vier Wochen medikamentöser Behandlung, Fütterung und Pflege erster Klasse, um die Werte ihrer roten Blutkörperchen wieder auf den normalen Stand zu bringen. Ihre mit Entzündungen bedeckten Fänge nehmen allmählich wieder Formen an, die eher Zehen als Klumpen ähneln.  Die Anzahl ihrer weißen Blutkörperchen schwanken nun um das Vierfache des Normalwerts. Ihre Fußgelenke sind noch geschwollen und steif. Die Flügel sind an Stellen verletzt, die nur schwer heilen, und so wird sich die Genesung eine Weile hinziehen.

Noch ist sie nicht fähig, zu einer höheren Sitzstange zu fliegen.

Es sind nicht nur ihre Wunden, die lange zum Heilen brauchen.

Wie bei jedem Patienten mit schweren Verletzungen wird es auch für unsere Adlerdame ein langer und schmerzvoller Weg sein, bis die Stärke und die Beweglichkeit ihrer Muskeln und der sie steuernden Nerven und Strukturen wiederhergestellt sind.

Dieser Vogel wird sich mit mehr abfinden müssen als nur einem bleibenden Hinken oder einem schmerzenden Gelenk, wie es bei Menschen oder Hunden nach einer Verletzung der Fall ist.

Bei Adlern ist die Sache etwas anders gelagert.

Sie wird jagen, Nester bauen und Junge großziehen, durch die Lüfte navigieren, ihr Revier schützen und einen Partner finden müssen.

Sie wird in Nordasien zurechtkommen müssen.

Das alles muss sie perfekt können. 

Dieses Wochenende wird eine Gruppe von Buddhisten in die BRRC kommen, um zu beten.

Der Steinadler ist nur einer von vielen Vögeln in der BRRC, deren Leben durch den mörderischen Handel mit Wildtieren gefährdet ist. Vielleicht werden die Buddhisten für sie beten. Möglicherweise aber auch für Vögel im allgemeinen oder auch nur für dieses eine Adlerweibchen.

Das kann sie sicherlich gut gebrauchen. Menschen haben sie dem Himmel entrissen, aber es ist noch nicht sicher, ob es in ihrer Macht steht, sie dem Himmel auch wieder zuzuführen.

--KL

Post a comment

Experts

Senior Program Advisor
Senior Program Advisor
Brian Sharp, Emergency Relief Officer, Stranding Coordinator
Emergency Relief Officer, Stranding Coordinator
Dr. Ian Robinson, Vice President, Programs & Int'l Operations
Vice President, Programs & Int'l Operations
IFAW Veterinarian
Gail A'Brunzo, IFAW Wildlife Rescue Manager
Wildlife Rescue Manager, IFAW HQ
Veterinarian, DVM, PhD
Veterinarian, DVM, PhD
Katie Moore, Program Director, Animal Rescue
Program Director, Animal Rescue
Manager, Animal Rescue-Disasters
Vivek Menon, Director of IFAW partner, Wildlife Trust of India
Regional Director, South Asia