Böser Wolf, Isegrim und Werwölfe

Die Faszination der Menschen für den Wolf ist uralt. In der Mythologie, in der Religion, in Sagen und Märchen spielte der Wolf stets eine zentrale Rolle. Bis heute ruft er bei vielen Menschen Gänsehaut und Schaudern hervor. Doch der Wolf ist kein gefährliches Ungeheuer, sondern ein intelligentes Raubtier mit einem ausgeprägten Sozialverhalten.

Mythos Wolf – Gestern und Heute

Im alten Ägypten galt der Wolf als Gott des Totenreiches. Für die Römer war er das Symbol des Kriegsgottes Mars. In anderen Zusammenhängen wurde der Wolf als Symbol der mütterlichen Aufopferung und Fruchtbarkeit verehrt. Der bekannteste Mythos hierzu ist wohl der von Romulus und Remus: der Wolf als Ernährer von Menschenkindern.

In der europäischen Mythologie und Geschichte wurde er dagegen meist als Symbol für dämonische Mächte angesehen. In vielen Erzählungen wird der Wolf als wild, reißend, bissig, grimmig und blutrünstig beschrieben.

Auch die moderne Filmindustrie hält gerne am Image der Bestie Wolf fest. Mit "American Werewolf" wird die uralte Gestalt des Werwolfes aufgegriffen, einer blutrünstigen Kreatur, mal Mensch, mal Wolf.

Woher kommt die Angst vor dem Wolf?

Die Lebensweisen von Mensch und Wolf haben sich vor hunderttausend Jahren gar nicht so sehr unterschieden: Beide waren gleichermaßen erfolgreiche Jäger. Doch die Konkurrenz zwischen ihnen nahm zu, als der Mensch vor circa 10.000 Jahren sesshaft wurde. Er begann mit Ackerbau und Viehzucht. Die Nutztiere des Menschen waren für Wölfe leichte Beute, und manch ein Schaf oder eine Ziege fiel ihnen zum Opfer. Der Wolf wurde das verhasste Tier, das die Existenz des Menschen bedrohte. Die Folge war ein Jahrhunderte langer Ausrottungsfeldzug des Menschen.

Ängste unbegründet

Die in Deutschland durch die Rückkehr der Wölfe verursachten Befürchtungen und Ängste sind grundlos. Obwohl in ganz Europa etwa 18.000 bis 20.000 Wölfe leben, sind Übergriffe von gesunden Wölfen auf Menschen aus keinem europäischen Land bekannt. Dies ergab eine Umfrage des IFAW unter Wolfsexperten in zahlreichen Ländern Europas. Die Umfrage basiert unter anderem auf Auskünften aus Polen (600 bis 700 Wölfe), Italien (400 bis 500) und Spanien (2.000).

Dennoch konnte sich die Mär vom "großen bösen Wolf" in Teilen der Öffentlichkeit bis in unsere heutige Zeit halten. Nicht zuletzt, weil sehr seltene Zwischenfälle mit Nutztieren durch die Medien ohne Kenntnis der Umstände sensationssuchend aufgebauscht wurden.

Rotkäppchen ist schuld
Der Wolf hat das Image einer gefährlichen Bestie. Besonders im Märchen "Rotkäppchen und der böse Wolf" wird Isegrim als Menschenfresser dargestellt, der Großmutter und Kind mit Haut und Haaren verschlingt. Dieses Bild hat sich in den Köpfen der Menschen fest- gesetzt. Doch die weit verbrei- teten Vorstellungen von der Gefährlichkeit des Wolfes haben nichts mit der Realität zu tun. Wölfe sind scheue Tiere, die den Menschen meiden. 

Falsches Bild
Zeitungsberichte über den Wolf erscheinen häufig mit Fotos, auf denen die Tiere mit stark gerunzeltem Nasenrücken die Zähne fletschen. Dieses Bild ruft beim Menschen die Assoziation des aggressiven, blutrünstigen Wolfes hervor.

Doch weit gefehlt: Ein solches Verhalten zeigen Wölfe nur gegenüber Artgenossen, um ihnen zu drohen. Einem Beutetier zu drohen, würde keinen Sinn machen. Entblößt ein Wolf zudem die ganze Zahnreihe und legt die Ohren zurück, so befindet er sich in der Defensive. Er will nicht angreifen, sondern einen Konflikt vermeiden.