Was ist bloß mit den Delfinen los?

A dead common dolphin lies on the beach at Linnell Landing, Brewster, MA. c. IFAW/Julia CumesAllein diese Woche habe ich von 900 tot an der nordperuanischen Küste angeschwemmten Delfinen gelesen, noch einmal das Video über die direkt vor den Augen von Strandbesuchern gestrandete Delfinschule in Brasilien gesehen, und ich habe erfahren, dass das Geheimnis um den Tod von zwei in Gefangenschaft lebenden Delfinen im letzten November in der Schweiz letztendlich gelüftet wurde. Eine toxikologische Untersuchung hat Spuren eines Heroin-Ersatzstoffs im Urin der Tiere zu Tage gebracht.

Außerdem hatten wir ja dieses Jahr bei uns hier auch schon mit unserer eigenen Delfinkrise zu tun, als eine beispiellose Anzahl von 214 Gemeinen Delfinen in Cape Cod strandete. Katie Moore vom Internationalen Tierschutzfonds ist Delfinexpertin und Leiterin des Teams, das 74% der lebend gestrandeten Delfine gerettet hat. Ich bat sie zum Gespräch, um mehr zu erfahren:

MB: Wann hast du zum ersten Mal von den Delfinstrandungen in Peru gehört? Wie ernst ist die Lage?

KM: Von den Strandungen in Peru haben wir vor ein paar Monaten erfahren. Wir standen in Kontakt mit der Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA, die genau im Blick hatte, was dort vor sich ging, und standen ebenfalls in Kontakt mit der entsprechenden Behörde in Peru. Die bestätigte Anzahl von fast 900 toten Delfinen ist selbstverständlich besorgniserregend und wir müssen uns sehr ausgiebig damit befassen.

MB: Das Delfinsterben in Peru spielte sich ungefähr zur gleichen Zeit ab wie eure Strandungseinsätze in Cape Cod und in beiden Fällen handelte es sich um Gemeine Delfine. Hängen diese Vorfälle zusammen?

KM: Nach dem, was ich über Peru gehört und gelesen habe, und ich muss sagen, dass wir nicht direkt an den derzeit in Südamerika vorgenommenen Untersuchungen des Vorfalls beteiligt sind, gab es zwar gewisse Parallelen zwischen den Strandungen, allerdings unterscheiden sich die beiden Vorfälle auch in manchen Punkten erheblich. Wie du schon richtig erläutert hast, ist eine Parallele, dass in beiden Vorfällen die Delfinart Gemeiner Delfin betroffen war.

Andererseits wurden in Peru die meisten, wenn nicht sogar alle 900 Tiere tot aufgefunden, während bei uns in Cape Cod ein großer Teil der Tiere noch am Leben war. Unser Team fand 98 von ihnen lebend vor und es gelang uns, 73 davon wohlbehalten zurück ins Meer zu bringen. Alle freigelassenen Delfine haben wir mit Erkennungsmarken ausgestattet, damit wir nachvollziehen können, wie es ihnen in freier Wildbahn ergeht. Bei diesem Vorfall haben wir außerdem insgesamt 19 Satellitensender verteilt, die uns schon einige sehr wertvolle Daten zur Analyse geliefert haben.

Im Gegensatz zur peruanischen Küste ist Cape Cod historisch gesehen ein Ort, an dem sehr häufige Massenstrandungen stattfinden. Es gibt sie jedes Jahr, allerdings nie in so großem Ausmaß wie letzten Winter. Wir arbeiten gerade auf Hochtouren daran, alle Daten zu verwerten und zu untersuchen, die wir während des Vorfalls gewinnen konnten, warten auf Analyseergebnisse verschiedener Labore, die spezielle Untersuchungsmethoden anwenden und hoffen, dass wir mithilfe der Ergebnisse besser verstehen können, wie es zu diesem Vorfall kommen konnte.

So wie wir haben auch die peruanischen Behörden viele Daten von den Tieren gesammelt und nach den derzeitigen Erkenntnissen sieht es nicht so aus, als hinge der Vorfall mit menschlichem Eingreifen oder akustischen Traumata zusammen, sondern eher, als sei vielleicht eine Krankheit die Ursache. Peruanische Behörden haben den Verdacht, dass der Morbillivirus die Wurzel des Übels sein könnte. Der Virus überträgt sich sehr schnell bei Delfinen und Schweinswalen und weist starke Ähnlichkeiten zur Hundestaupe auf. Wir haben aber noch keine Ergebnisse vorliegen, können dies also noch nicht mit Sicherheit bestätigen.

MB: Es wurde berichtet, dass ungefähr am gleichen Küstenstrich über 1500 Braunpelikane und Guanotölpel tot aufgefunden wurden. Glaubst du an einen Zusammenhang zwischen dem Tod der Delfine und der Seevögel?

KM: Die Spezialisten in Peru sehen keinen Zusammenhang zwischen den beiden Vorfällen. Man vermutet, dass Beutemangel, in diesem Fall der Mangel an Sardellen, für das Seevogelsterben verantwortlich ist. Peru hat eine der weltgrößten Fischfangindustrien und bestreitet einen erheblichen Anteil des weltweiten Sardellenfangs.

Aus wissenschaftlicher Sicht können wir einen Zusammenhang zwischen den beiden Vorfällen weder ausschließen noch bestätigen, solange wir keine beweiskräftigen Daten vorliegen haben. Man muss erwähnen, dass es in dieser abgelegenen und tropischen Gegend unglaublich schwierig ist, brauchbare Proben zu bekommen, da die Hitze die Zersetzung beschleunigt und die Proben so innerhalb weniger Stunden unbrauchbar werden.

Wir wissen, dass Veränderungen der Meeresumgebung wie steigende Meerestemperaturen einen Dominoeffekt auslösen und sich schädlich auf die gesamte Nahrungskette auswirken können. Auch durch den Menschen verursachte Umweltverschmutzung und Biotoxine müssen bei einem solchen Vorfall als mögliche Ursache in Betracht gezogen werden.

MB: Wie besorgt müssen wir sein? Ist das ein Anzeichen dafür, dass die Meere vor unseren Augen kollabieren?

KM: Ich glaube, es gibt heutzutage sehr viele Bedrohungen für den Lebensraum Meer, die wir im Auge behalten müssen. In den Nachrichten erfahren wir von Vorfällen wie dem Delfinsterben in Peru oder dem Deepwater Horizon-Ölunfall vor zwei Jahren, aber hinter den Kulissen gibt es jeden Tag unzählige andere Bedrohungen in Gestalt von kleineren Ölunfällen, unnachhaltigem Fischfang, unkontrollierter Verschmutzung oder zunehmendem Unterwasserlärm, die sich alle zusammen sehr schädlich auswirken. Diese kleineren, aber ständig eintretenden Vorfälle lassen sich leicht unter den Teppich kehren, doch sie spielen eine sehr, sehr wichtige Rolle und müssen angegangen werden.

MB: Wissenschaftler in Peru und dein Team in Cape Cod analysieren von den ums Leben gekommenen Tieren entnommene Proben. Was passiert als Nächstes? Wie lange dauert es, bis diese Mysterien gelöst werden?

KM: Einige Proben, die wir untersuchen, brauchen Wochen und Monate, bis wir sie zurückbekommen und auswerten können. Es ist sehr schwer zu sagen, ob wir diese Mysterien lösen werden und es ist noch schwerer zu sagen, wann das passieren wird.  Was aber viel wichtiger ist, ist die Tatsache, dass die Vorfälle uns zu einem besseren Verständnis der Biologie, der Physiologie und des Sozialverhaltens von Delfinen verhelfen. In den letzten Monaten konnte unser Team fast 100 wilde Delfine versorgen und untersuchen. Wenn wir diese Daten zu den Tausenden Fällen, die wir im vergangenen Jahrzehnt schon untersucht haben, addieren und die Erkenntnisse gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern auswerten, können wir unser Verständnis der Tiere erheblich verbessern. Und da Delfine gleichzeitig Indikatoren für die Gesundheit der Meere insgesamt sind, verhelfen sie uns auch zu einem besseren Verständnis der gesamten Meereswelt.

Um mehr über die Arbeit des IFAW-Teams zur Rettung und Erforschung von Meeressäugern zu erfahren, klicken Sie hier.

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Experten

Kampagnenberater
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Brian Sharp, Leiter Rettungseinsätze, Einsatzkoordinator für Strandungen
Leiter Rettungseinsätze, Einsatzkoordinator für Strandungen
Dr. Ian Robinson, Vizepräsident für Kampagnen und internationale Angelegenheiten
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Gail A'Brunzo, Leiterin IFAW Wildtierschutz
Leiterin Wildtierschutz, IFAW
Katie Moore, Leiterin Marine Mammal Rescue and Research
Programmdirektorin Tierrettung
Shannon Walajtys
Leiterin des Bereichs Katastrophenhilfe
Vivek Menon, Regionaldirektor Südasien
Regionaldirektor Südasien