Vermeintlicher Gegner wird zum Verbündeten: Südafrikanisches Kleinanzeigenportal ergreift Maßnahmen für den Tierschutz

Während wir in Südafrika durch die Straßen von Pretoria fuhren, erklärte mir Smaragda Louw von "Beauty Without Cruelty" den Zweck unseres heutigen Besuchs bei Junk Mail.

Junk Mail ist Südafrikas größtes Online-Kleinanzeigenportal. Tiere zum Verkauf, zur Vermietung oder für beliebige andere Zwecke stellten dort bislang die viertgrößte Anzeigenkategorie dar, gleich neben Haushaltsartikeln und Immobilien.

Smaragda und Cora Bailey, Leiterin des IFAW Hunde- und Katzenprojekts in Johannesburg, hatten eine Gruppe von Tierschutzvertretern zusammengetrommelt, um mit Junk Mail darüber zu diskutieren, welche Linie das Portal künftig beim Online-Handel mit Tieren verfolgen wolle. Lesen Sie auch: Das chinesische Twitter, genannt Weibo, gibt Impulse für den Tierschutz

Seit Monaten hatten die beiden auf diesen Termin gewartet. Da ich gerade zufällig in Südafrika war, um mit dem Tierarztteam unseres südafrikanischen Projektpartners in Johannesburg und Kapstadt zu arbeiten, hatte  ich das Glück, mitkommen zu können. Ich machte mich darauf gefasst, dass unser Anliegen für den Tierschutz an dem Geschäftsführer abperlen würde. Was hätte Junk Mail davon, den Verkauf von Tieren über seinen Online-Marktplatz zu verbieten?

Im hohen glasverkleideten Foyer des Junk Mail-Gebäudes stießen ein Anwalt, ein PR-Mitarbeiter und ein Mitarbeiter der südafrikanischen Abteilung der Tierschutzorganisation NSPCA zu uns. Eine Wendeltreppe führte uns nach oben in das Büro des Geschäftsführers.

Felix Erken, Geschäftsführer von Junk Mail, erwies sich als das Gegenteil von dem, was ich erwartet hatte. Er erfüllte den Raum mit positiver Energie und Freundlichkeit, als er hereinkam. Er schüttelte uns allen die Hand, bot Kaffee und Tee an und wirkte mit seiner offenen Körperhaltung und seinem aufmerksamem Gesichtsausdruck offen für unser Anliegen.

Smaragdas Präsentation beeindruckte ihn. Er unterbrach ihren Vortrag, um Fragen zu stellen, machte sich Notizen und hörte aufmerksam zu. Smaragda beschrieb die schrecklichen Bedingungen in Welpenfarmen, berichtete ihm von skrupellosen Tierzüchtern, Hundedieben und Wildtierhändlern und zeigte erschreckende Statistiken von Hunden und Katzen, die in Tierasylen eingeschläfert werden.

Außerdem erzählte sie ihm von der Brutalität des Geschäfts mit Hundekämpfen und anderen Tiersportarten und wie diese dank des Online-Handels florieren. Und sie zeigte ihm Statistiken und gängige Wege, um Gesetzeslücken auszunutzen und ungestraft davonzukommen.

Dann zeigte sie Anzeigen auf Junk Mail und entlarvte die Lügen und Grausamkeiten, die sich hinter den Anzeigen verbergen. Die Bilder ausgemergelter, kranker, verletzter und seelisch gebrochener Tiere sorgten für absolute Stille im Raum. Erken war sichtlich ergriffen, als die Leinwand dunkel wurde. Er sagte, er habe geglaubt zu wissen,  welche Grausamkeit Tiere teilweise erfahren und was  in Welpenfarmen passiere. Doch in Wahrheit war er sich in keiner Weise der Ausmaße dieser Geschäfte und ihrer verheerenden Auswirkungen bewusst gewesen. Und er habe niemals damit gerechnet, dass dies  alles so eng mit seinem eigenen Unternehmen zusammenhängt.

Doch Felix Erken ist ein Mann der Lösungen – einer der vorausschaut und stets eine bessere Zukunft im Blick hat. "Wir sind der Ansicht, dass die meisten Menschen gewissenhaft und ehrlich sind und keine bösen Absichten verfolgen", sagte er. Über Menschen, die Tiere online kaufen, sagte er wohlwollend: "Die Leute tun das sicher nur, weil sie es nicht besser wissen." Er hatte dabei nicht bemerkt, dass viele der auf Junk Mail veröffentlichten Verkaufsangebote illegal waren. "Selbstverständlich will ich es wissen, wenn wir Schaden anrichten", sagte er. Er bat sofort seine Mitarbeiter, die Einträge sorgfältig zu prüfen und alles Illegale zu löschen.

Für den nächsten Schritt bat er uns um Hilfe. "Schlechte Dinge passieren, wenn gute Menschen untätig bleiben", sagte er. "Zeigt uns also, wie wir es richtig machen können." Ich machte ihm deshalb  folgende Vorschläge, auf die er sehr positiv reagierte:

  1. Nehmt Inserate für Tierbetreuungsdienste, Tiererziehung, Haustierpflege und tierärztliche Dienste auf.
  2. Veröffentlicht Informationen über den Online-Handel mit Tieren, Tierschutzgesetze, Handelsgesetze und verantwortungsbewusste Tierhaltung.
  3. Da Junk Mail sich ausdrücklich zur sozialen Verantwortung verpflichtet, solltet Ihr Anzeigen zu Hunde- und Katzenadoptionen nur von seriösen Organisationen zulassen.

Er fragte auch nach Praxisbeispielen: Unternehmen, die  den Verkauf von Tieren durch eine Alternative ersetzt hatten und deren Geschäft gerade wegen dieses Schrittes boomte. Durch seine guten Kontakte zu anderen Führungskräften der Onlinemarketing-Branche könne er auch bei seinen Kollegen Überzeugungsarbeit leisten, wenn wir ihm Zahlen und Fakten liefern könnten.

Nicht mal eine Woche nach unserem Meeting leitete mir Smaragda eine E-Mail von Felix Erken weiter.

  • Junk Mail hatte alle Anzeigen und Telefonnummern der  Tierhändler gelöscht, die Smaragda in ihrer Präsentation erwähnt hatte.
  • Alle als illegal identifizierten Anzeigen auf Junk Mail waren gelöscht worden.
  • Junk Mail hatte in seine Nutzungsbedingungen Informationen über die Gesetzeslage aufgenommen und ein Training für das Junk Mail-Team anberaumt.
  • In der Kategorie Haustiere hatte Junk Mail die Rubrik "Zum Verkauf" gelöscht.

Junk Mail ist Südafrikas größtes Online-Kleinanzeigenportal. Tiere zum Verkauf, zur Vermietung oder für beliebige andere Zwecke, stellten dort bislang die viertgrößte Anzeigenkategorie dar, gleich neben den Haushaltsartikeln und den Immobilien.Er schrieb außerdem, dass er über die von uns aufgeworfenen Probleme nachdachte und diese mit seinem Team diskutiere. ""Ich melde mich wieder, wenn wir uns überlegt haben, was wir weiter tun wollen, damit Ihr uns Euer Feedback und Euren Rat geben könnt, bevor wir weitermachen."

Einen Monat später, als Smaragda Junk Mail erneut einen Besuch abstattete, erwartete sie auf dem Empfangstresen ein Hinweis in fettgedruckten schwarzen und roten Buchstaben, auf dem stand, dass Tiere keine Produkte sind. – Wir hatten einen Gegner erwartet und einen Verbündeten gefunden.

Kati Loeffler

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Experten

Alexa Kessler, Projektleiterin für den Bereich Haustiere, IFAW Deutschland
Projektleiterin für den Bereich Haustiere, IFAW Deutschland
Cora Bailey
Director, Community Led Animal Welfare (CLAW)
Cynthia Milburn, Direktorin Tierschutzaufklärung und -bildung
Direktorin Tierschutzaufklärung und -bildung
Dr. Ian Robinson, Vizepräsident für Kampagnen und internationale Angelegenheiten
Vizepräsident für Kampagnen und internationale Angelegenheiten
Gail A'Brunzo, Leiterin IFAW Wildtierschutz
Leiterin Wildtierschutz, IFAW
Hanna Lentz, Programm-Managerin/Campaignerin, IFAW Zentrale USA
Programm-Managerin/Campaignerin, IFAW Zentrale USA
Kate Nattrass Atema, Programmdirektorin Haustiere
Programmdirektorin Haustiere
Nancy Barr, Programmdirektorin Kinder- und Jugendprogramm “Animal Action“
Programmdirektorin Kinder- und Jugendprogramm “Animal Action“
Shannon Walajtys
Leiterin des Bereichs Katastrophenhilfe