Unter Wölfen in Westpolen

Diese beiden neugierigen Wolfsjungen wurden 2013 im Niederschlesischen Wald in Polen geboren. © Robert MyslajekDie Sonne ist vor einigen Minuten untergegangen, es ist bereits dämmrig. Kein Lüftchen regt sich, kein Laut ist zu hören. Doch dann erhebt sich ein langgezogener, langsam anschwellender Heulton. Dann wieder Stille, gespannt warte ich auf eine Antwort, die allerdings ausbleibt.

Ich stehe mit den polnischen Biologen Sabina Nowak und Robert Myslajek von der Naturschutzorganisation „Wolf“ inmitten einer weiten, halboffenen Heidelandschaft im Niederschlesischen Wald nahe der polnisch-deutschen Grenze. Wir überprüfen mit Hilfe einer sogenannten Heulanimation, ob  Wölfe in der Nähe sind. Diese Methode ist eine von vielen, die Wissenschaftler bei der Beobachtung von Wolfsvorkommen (Monitoring) anwenden. Aber sie klappt eben nicht immer. Offensichtlich haben die Wölfe heute keine Lust zu antworten. Hinweise, dass welche in dem Gebiet leben, fanden wir im Laufe des vergangenen Tages einige: Trittsiegel mit für Wölfe charakteristischem Spurverlauf, frische und alte Losungen.

Sabina Nowak und ihr Kollege führen seit einigen Jahren mit Unterstützung des IFAW das Wolfsmonitoring im westlichen Polen durch. Die hier lebenden Wölfe bilden mit den deutschen Tieren eine Population. Es ist die Zentraleuropäische Flachlandpopulation, deren Gefährdungsstatus durch die Welttierschutzunion IUCN (International Union for Conservation of Nature) erst kürzlich angepasst wurde. Die zu ihr zählenden Wölfe sind jetzt nicht mehr vom Aussterben bedroht, sondern „nur noch“ stark bedroht. Dies ist ein erfreulicher Erfolg des Arten- und Naturschutzes, dennoch ist diese Population noch immer sehr klein und durch verschiedene Faktoren gefährdet. Ein konsequenter Schutz ist nach wie vor notwendig und ein gutes Monitoring ist Voraussetzung hierfür. Aber auch für die Vermeidung und Minimierung von Mensch-Wolf-Konflikten sind wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse über die Wölfe wichtig. Deswegen engagiert sich der IFAW hier.

Ein Vortrag über die in unmittelbarer Nachbarschaft lebenden Wölfe kommt bei den Kindern in der kleinen Dorfschule gut an. © Robert KlessAm nächsten Morgen fahren wir in die Grundschule eines nahegelegenen Dorfes. Die gesamte Schule hat sich in der Sporthalle versammelt und die Schüler warten voller Erwartung auf den Vortrag von Sabina Nowak. Ein Vortrag über Wölfe, die hier im wahrsten Sinne des Wortes vor der Haustür leben. Die Kinder hören aufmerksam zu. Deutlich ist zu spüren, dass das Thema Wolf sie beeindruckt und fasziniert. Solche Veranstaltung sind enorm wichtig, denn wenn bereits Kinder Kenntnisse über den Wolf und seine Lebensweise haben und verstehen, dass sein Vorkommen keine Gefahr für den Menschen bedeutet, ist dies sehr hilfreich zur Förderung der Akzeptanz in der Bevölkerung für den Wolf.

Direkt im Anschluss an diese Veranstaltung geht es wieder in die Wälder. Mit einem Geländewagen fahren wir durch das Wolfsgebiet. Die behördliche Genehmigung hierfür liegt auf dem Armaturenbrett an der Windschutzscheibe gut sichtbar aus. Die Räder des Fahrzeugs mahlen sich durch den tiefen Sand. An einer Wegkreuzung steigen wir aus. Aufmerksam laufen wir die Ränder der Pisten und Sandwege ab, denn typischerweise finden sich hier besonders oft Spuren der Wölfe. Und tatsächlich werden wir fündig. Auf dem Sandboden ist eine noch sehr frische Wolfslosung sowie Kratzspuren zur Markierung zu finden. Alles deutet auf Wolf hin. Um ganz sicher zu sein, wird von der Losung eine kleine Probe für eine spätere DNA-Analyse genommen. So kann nicht nur die Art zweifelsfrei identifiziert werden, sondern beim Vergleich mit anderen Proben mit etwas Glück auch die Herkunft und das Verwandtschaftsverhältnis dieses Tieres. Aber solche Losungsproben liefern auch Erkenntnisse über die Ernährung des Wolfes, also wie sich seine Nahrung zusammensetzt. All diese Informationen sind wichtig für einen effektiven Wolfschutz.

Eine im Frühjahr zur Welpenaufzucht genutzte Wolfshöhle wird genau vermessen. So kann im Folgejahr kontrolliert werden, ob sie erneut von Wölfen genutzt wurde. © Robert KlessEin paar Hundert Meter weiter treffen wir auf eine Wolfshöhle mit mehreren Eingängen. Sie wird vermessen und hinsichtlich der Lage und Sichtbarkeit anhand bestimmter Kriterien untersucht. Alles wird genau notiert und in ein GPS-Gerät eingegeben. Aus einer vorhergehenden Beobachtung weiß Sabina Nowak, dass noch im Frühjahr eine Wolfsfähe (weiblicher Wolf) mit frisch geborenen Welpen diese Höhle nutzte. Inzwischen ist die Höhle verlassen, es kann aber durchaus sein, dass sie im kommenden Jahr wieder genutzt wird, mit neuem Nachwuchs. Und die Chancen hierfür stehen erfreulicherweise sehr gut!

Robert Kless

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Experten

Cynthia Milburn, Direktorin Tierschutzaufklärung und -bildung
Direktorin Tierschutzaufklärung und -bildung
Nancy Barr, Programmdirektorin Kinder- und Jugendprogramm “Animal Action“
Programmdirektorin Kinder- und Jugendprogramm “Animal Action“