Blickpunkt Afrika: Warum stabile soziale Strukturen für Elefanten so wichtig sind

 Die 51jährige Alison übernahm die Rolle der Familienmatriarchin, als Amy im Jahr 2005 starb. Die AA-Familie ist nun darauf angewiesen, dass sie die Familie sicher durch Amboseli geleitet.Viele von Ihnen haben sicherlich bemerkt, dass sich Medienberichte zur prekären Lage der Afrikanischen Elefanten in letzter Zeit häufen. Der Elfenbeinhandel fordert von den Elefantenpopulationen auf dem gesamten Kontinent einen schweren und blutigen Tribut.

Angesichts der akuten Krise mag es zunächst etwas seltsam erscheinen, dass der IFAW in Zusammenarbeit mit dem Amboseli Trust of Elephants untersucht, wie eine relativ kleine Elefantenpopulation im Amboseli-Nationalpark sich von einer Dürrekatastrophe vor drei Jahren erholt.

Aber wenn ich sage, dass die Elefanten von Amboseli etwas Besonderes sind, dann sage ich das nicht aus Voreingenommenheit: Sie sind die am meisten erforschte Population der Welt. Seit vierzig Jahren werden im Rahmen des Amboseli-Elefanten-Forschungsprojekts die sozialen Strukturen und die Fortpflanzung der in den  Sümpfen von Amboseli beheimateten Elefanten genauestens erforscht.

Ein großer Teil unseres umfassenden Wissens über das natürliche Verhalten, die Biologie und das soziale Leben wilder Elefanten verdanken wir der Forschung in Amboseli. Diese Elefanten mussten noch keine erheblichen Bestandsverluste durch Wilderei erleiden und bewegen sich immer noch auf traditionellen Wanderrouten, die quer durch das 8000 km2 große Ökosystem verlaufen und Elefantenpopulationen aus West-Kilimandscharo, den Chyulu Hills und Tsavo zusammenbringen. Sie sind das bekannteste Beispiel dafür, was Elefanten tun, wenn sie von Menschen ungestört bleiben.Zum Großziehen von Elefantenkindern müssen in der Familie die richtigen Entscheidungen getroffen werden und alle gemeinsam die Kleinen behüten. Alte, erfahrene Elefantenkühe spielen bei beidem eine wichtige Rolle, besonders bei den GBs, die im Moment auf 14 Kälber aufpassen müssen.

Ein Elefantenleben entwickelt sich langsam. Mit einer Lebenserwartung von 70+ vollziehen Elefanten ihre Entwicklung in ähnlicher Geschwindigkeit wie die Menschen. „Alberne Teenager“, die uns spaßhaft attackieren und ums Forschungsfahrzeug herumtollen, werden ab 20 zu jungen Erwachsenen, die sich dann in erster Linie darum bemühen, ihre Erwachsenenrolle perfekt zu spielen. Ältere Erwachsene sind ruhiger und selbstsicherer, und die Selbstsicherheit wächst mit dem Alter.

Jüngste Erkenntnisse aus Nordkenia haben gezeigt, was für dramatische Auswirkungen Wilderei auf die Altersstruktur einer Population haben kann. In Samburu ist infolge der Wilderei die Lebenserwartung männlicher Elefanten auf gerade mal 19 Jahre gesunken, die der Weibchen auf 21 Jahre. Vor der Dürre 2009 und ohne den Einfluss von Wilderei oder durch Menschen verursachte Todesfälle lag die Lebenserwartung für Bullen noch bei 40 Jahren und bei Kühen bei über 50.

Der direkte Effekt der drastischen Verluste in Samburu und der durch die Dürre verursachten Todesfälle in Amboseli ist beträchtlich.Manchmal ist es auch eine kluge Entscheidung, Abkühlung im Sumpf zu suchen! Die GB-Familie ist von Goldas Entscheidung zum Baden begeistert.

Amboseli ist eine wichtige „Richtpopulation“. Wissenschaftler in Samburu und anderswo können einen umfassenden Datensatz mit Vergleichsdaten heranziehen. Vor 2009 wurden die meisten Elefantenfamilien in Amboseli von Leitkühen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren angeführt. In der verheerenden Dürre starben, bis auf zwei von ihnen, alle „alten Damen“. Die Hälfte aller Familien verlor ihre Leitkuh, die Matriarchin – alte Freundinnen der Wissenschaftler, die sie schon seit 30 bis 35 Jahren kannten. Es gab Familien, die sogar sieben erwachsene Kühe verloren. Außerdem starben auch zahlreiche Kälber.

Wenn wir über die Zukunft wilder Elefanten nachdenken, dann dürfen wir uns nicht allein an Zahlen orientieren. Es ist nicht nur ausschlaggebend, wie viele Tiere überlebt haben, sondern wie robust diese sind und wie sich ihre Gewohnheiten infolge des Verlusts ihrer Anführerin ändern. Das soziale Gefüge bei Elefanten ist sehr komplex. Die Tiere erlernen in einem langwierigen Prozess von Familienmitgliedern und Freunden die Regeln von Freundschaft, Hierarchie und Fortpflanzung. Ältere Elefanten beider Geschlechter verfügen über Wissen, von dem jüngere Familienmitglieder, besonders in schwierigen Zeiten, profitieren können, etwa wo Wasser oder Nahrung zu finden sind. Diese Tiere sind oft bevorzugte Ziele von Wilderern, weil ältere Elefanten die größten Stoßzähne haben.

Anhand unserer Untersuchungen darüber, wie die Amboseli-Familien sich nach der Dürre 2009 erholen, können wir dazu beitragen, Aussagen über die zukünftige Entwicklung der Reproduktion und des Verhaltens von Populationen wie die in Samburu treffen, die große Verluste erleiden mussten. Einige Familien in Samburu werden jetzt von Kühen angeführt, die sogar jünger als 20 sind. Der Verlust einer Matriarchin kann dazu führen, dass sich die Aufenthaltsorte der Familien oder die Elefanten, mit denen sie sich zusammentun, plötzlich radikal ändern. Zieht sich dieses Phänomen durch eine gesamte Population, kann das bedeuten, dass Elefanten bestimmte sichere Aufenthaltsorte „vergessen“ und sich an anderen versammeln und sich plötzlich auch die Art und Weise ändert, wie sie ihren Lebensraum beeinflussen.

Um zu gewährleisten, dass Elefanten in Sicherheit und Freiheit leben können, müssen wir langfristig investieren. Hier in Amboseli kümmert sich der ATE seit 40 Jahren darum. Wir lernen immer mehr und investieren immer weiter in eine Zukunft für Amboseli und seine Elefanten und wir unterstützen Kollegen, damit sie das Gleiche auch für andere Populationen anderswo tun können.

--VF

Mehr Informationen über unseren Einsatz für den Schutz der Elefanten finden Sie hier.

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Experten

Céline Sissler-Bienvenu,Direktorin Frankreich und frankophones Afrika
Direktorin Frankreich und frankophones Afrika
Mitglied des IFAW-Elefantenteams
IFAW-Elefantenexpertin
Grace Ge Gabriel, Regionaldirektorin Asien
Regionaldirektorin Asien
James Isiche, Regionaldirektor Ostafrika
Regionaldirektor Ostafrika
Jason Bell, Programmdirektor Elefanten, Regionaldirektor Südliches Afrika
Programmdirektor Elefanten, Regionaldirektor Südafrika
Peter Pueschel, Direktor Internationale Natur- und Umweltschutzabkommen
Direktor Internationale Natur- und Umweltschutzabkommen
Vivek Menon, Regionaldirektor Südasien
Regionaldirektor Südasien